Das Ritual der Wahl

Rituale sind wichtig, sie strukturieren das Leben. Das kann eine Zigarette in der Pause mit Freunden sein, ein gutes Glas Wein in angenehmer Atmosphäre, ein gepflegtes Mittagessen oder ein Tischgebet.

Rituale strukturieren das private Leben in der Familie und mit Freunden. An bestimmten Punkten hat man es gerne, wenn die Rituale in einer größeren Gemeinschaft gefeiert werden.

Die klassische Form des Rituals ist der Gottesdienst. Er stellt den Einzelnen in den Zusammenhang einer Gemeinschaft, in den weiteren Zusammenhang der Religionsgemeinschaft und in den Zusammenhang mit Gott.

Solche Rituale werden in der Regel nur an bestimmten Punkten des Jahres- und Lebensrhythmus nachgefragt.

An Weihnachten gehen viele Menschen in die Kirche oder am Jom Kippur in die Synagoge oder am Ende des Ramadans in die Moschee.

Noch stärker werden solche Rituale im Lebensrhythmus wahrgenommen. Die meisten Christen bringen ihre Kinder zur Taufe oder treten aus diesem Anlass sogar wieder in die Kirche ein. Fast alle getauften Kinder werden auch zur Kommunion oder zur Konfirmation geschickt.

Die Kirchliche Trauung wird allerdings nur noch von wenigen Paaren in Anspruch genommen. Aber bei der Beerdigung wollen viele gerne selbst dann noch von einem Pfarrer beerdigt werden, wenn sie selbst schon aus der Kirche ausgetreten sind.

Worum geht es in einem solchen Ritual? Es geht um die Vergewisserung, dass man Teil eines großen Ganzen ist und ein würdiges Mitglied einer größeren Gemeinschaft.

Besonders in den Ritualen, die im Lebensrhythmus eine Bedeutung haben, empfindet man stärker das Bedürfnis mit einer transzendenten Wesenheit in Kontakt zu treten, die Orientierung in der kontingenten Welt verspricht.

Mit den Wahlen, die in den uns bekannten Demokratien stattfinden, verhält es sich ganz ähnlich. Auch die Wahlen sind Rituale, die regelmäßig zelebriert werden. Sie vergewissern uns, dass wir dazu gehören und ein würdiger Teil der Gesellschaft sind, so wie das bei den klassischen Ritualen auch der Fall ist.

Mit unserer Teilnahme an einer demokratischen Wahl bringen wir zum Ausdruck, dass wir uns grundsätzlich mit der Gesellschaftsform im Einklang befinden, die uns umgibt.

Ebenso bringen wir in unserer Wahl zum Ausdruck, dass wir bereit sind, einen Teil unserer Verantwortung an eine höhere Macht abzugeben, die für uns sorgen wird.

Das Kreuz auf dem Stimmzettel macht deutlich, in welcher Richtung die von uns gewählten Politiker entscheiden sollen. Im Gottesdienst entspräche das dem Fürbittgebet für Frieden und gegen Arbeitslosigkeit.

Die Bindekraft der klassischen und der modernen Rituale hat erheblich nachgelassen. Wenn auf der einen Seite beklagt wird, dass nur noch sehr wenige Menschen regelmäßig den Gottesdienst besuchen, muss auf der anderen Seite festgestellt werden, dass auch in Deutschland bei der Europawahl nur noch jeder zweite Wahlberechtigte von seinem rituellen Wahlrecht Gebrauch macht.

Die einen glauben nicht mehr, dass Gott noch etwas bewirken kann und die anderen trauen der Politik nicht mehr zu, die Verhältnisse zum besseren zu wenden. Deshalb bleiben sie am Wahlsonntag lieber zu Hause.

Ich für meinen Teil nehme zwar noch regelmäßig am Gottesdienst teil, habe mir mittlerweile die Teilnahme an den Wahlen in unserem Land aber abgewöhnt.

Man wirft den Pfarrern gerne vor, sie würden immer von Gott erzählen, obwohl doch längst jeder weiß, dass es den gar nicht gibt.

Ich habe mehr und mehr den Eindruck dass die Politiker ständig von Demokratie und Menschenrechten reden, obwohl weder das eine, noch das andere wirklich Realität geworden ist.

Der Gang zur Wahlurne, scheint mir eher vergleichbar mit dem Treueeid auf den König zu sein. Ich muss zwar meine Stimmzettel nicht unterschreiben aber mit meinem Gang zur Wahl dokumentiere ich mit meiner Einladung oder meinem Ausweis namentlich, dass ich grundsätzlich mit unserem „demokratischen“ Staatswesen einverstanden bin und den Institutionen, die dieses Staatswesen repräsentieren, im Prinzip einverstanden bin.

Wo ich mein Kreuz mache, bleibt freilich geheim. Auch das unterscheidet sich nicht vom klassischen (Beicht)ritual, in dem ich zwar offiziell meine Sünden bekenne, und jeder sehen kann, dass ich zur Beichte gehe, welche Sünden ich aber konkret begangen habe, bleibt ein wohl behütetes Beichtgeheimnis.

Die Macht geht de Facto de wenig vom Volke aus, wie sie es immer schon getan hat. Folgt man Heinrich Heine, ist das vielleicht auch gut so.

Er meinte, es sei keine gute Idee, wenn die Macht vom Volke ausginge, weil das Volk bekannter maßen dumm sei. Ich glaube Heinrich Heine lag mit dieser Beobachtung nicht ganz verkehrt.

Welchen Sinn hat das Ritual der Wahl für den Wähler. Er erfüllt eine Staatsbürgerliche Pflicht, auf die er stolz sein kann.

Viele gehen zur Wahl, obwohl sie keine der aufgestellten Parteien für wählbar halten, wollen sich aber trotzdem nicht außerhalb des gesellschaftlichen Konsenses als schlechter Demokrat dastehen.

Besonders „demokratische“ Staaten, wie zum Beispiel die Gesellschaft der ehemaligen DDR, haben deshalb besonderen Wert auf diese „demokratische“ Pflichterfüllung gelegt.

Ich glaube die Demokratie ist eine Fiktion, ein Mythos, eine Erzählung der Art, „Am Anfang war das Volk, und das Volk wählte und dann wurde tatsächlich das gemacht, was das Volk wollte. Ich glaube so naiv sind heutzutage nicht einmal mehr die Kinder.

Das „Volk“ ist zu einem Ersatzgott geworden, an den kaum noch jemand wirklich glauben kann.

Die Wirklichkeit ist nicht diese scheinbare „Demokratie“, sondern die von alters her bekannte Hierarchie. Alle noch so kleinen Gruppen in unser Gesellschaft sind und bleiben hierarchisch organisiert. Die Kinder müssen nach wie vor ihren Eltern gehorchen und das ist auch gut so und muss auch so bleiben.

In jeder Fußballmannschaft bestimmt der Trainer drüber, wie gespielt- und wer eingewechselt wird und nicht der demokratische Konsens der Spieler. So verhält es sich in jedem Chor, in jeder Institution und erst recht in jeder privaten Firma. Ich will das gar nicht kritisieren, sondern im Gegenteil behaupten: Das hat seinen guten Grund.

Keine Fußballmannschaft, kein Orchester, keine Thatergruppe, keine Institution und Keine Firma, in der es wirklich anders liefe, könnte sich behaupten.

Versuche, basisdemokratische Strukturen im Kleinen auch nur mittelfristig zu etablieren, sind regelmäßig gescheitert.

Die sich antiautoritär gebende Studentenbewegung wurde von Studentenführern stärker dominiert als das in herkömmlichen Hierarchien in der Regel der Fall ist.

Ob eine Entscheidung gut oder schlecht ist, hängt nicht davon ab, ob sie „demokratisch“ oder hierarisch gefällt wurde, sondern allein davon, ob es eine gute oder eine schlechte Entscheidung war.

Im deutschsprachigen Raum ist es undenkbar darüber nachzudenken, ob es besser wäre wieder einen Kaiser zu haben. Viele andere europäischen Staaten haben ihre Monarchie behalten und sind stolz darauf.

Als ich neulich Wien besuchte, war ich tief beeindruckt von diesen unglaublich vielen schönen großen Häusern, die allesamt im neunzehnten Jahrhundert erbaut wurden. Ich dachte mir, wenn so viele Menschen in so vielen so schönen Häusern gewohnt haben, kann die Zeit der Monarchie so schlimm nicht gewesen sein.

In Österreich, so musste ich erfahren, fand man das sogar so schlimm, dass der Adel, anders als in jedem anderen europäischen Land, generell verboten wurde. Ich frage mich zusammen mit dem Franzosen Asterix: Spinnen die Österreicher?

Die Engländer verehren nach wie vor ihre Königin und fast in jeder Institution, ob Kneipe, Geschäft, Studentenwohnheim oder Jugendherberge hängt ein Bild von ihr.

Ich habe die Feier der „Last Night of the Proms“ in London miterlebt. Dort wird mit der größten Selbstverständlichkeit eine nationale und royalistische Begeisterung in der Royal Albert Hall und im Hyde-Park entfacht, die in Deutschland zehntausende von antifaschistischen Gegendemonstranten auf den Plan rufen würde.

In Großbritannien stellt man sich nur eine Frage, so belehrte uns unsere Reiseführerin: „Können wir oder der der Vatikan das ganz große Ritual besser inszenieren?“

Meine Antwort: Die Engländer sind sehr gut, aber der Vatikan ist immer noch besser.

Ich leide sehr darunter, dass wir uns in Deutschland mit diesem Armleuchter, Pastor Gauck, begnügen müssen.

Ich bin zwar Protestant wie unser BP aber ich habe einen riesen Respekt vor der römischen Messe.

Goethe hat einmal gesagt, es gebe zwei Arten, die für ihn akzeptabel seien, sich dem Heiligen zu nähern. Entweder das vollkommene Ritual oder gar kein Ritual.

Das vollkommene Ritual war für ihn die römische Messe, wie er sie im Frankfurter Dom miterleben durfte, als Josef der Zweite dort zum deutschen Kaiser gekrönt wurde und er als Kind daran teilnehmen durfte.

Der Zugang ohne Ritual ist für Goethe die Verehrung der Natur, wie sie auch im Alltag immer wieder ins Feld geführt wird, wenn einer sagt, ich brauche keinen Gottesdienst, weil ich fühle mich meinem Schöpfer am nächsten, wenn ich mit meinem Hund im Wald spazieren gehe.

Goethe hat einmal gesagt: „Als Naturforscher sind wir Pantheisten, als Poeten sind wir Polytheisten und nur als sittliche Wesen sind wir Monotheisten.“

Und noch ein schöner Satz von Goethe, der ein treuer Diener seines Fürsten in Weimar war: Die Religion will gelten und die Poesie lässt gelten.

Mein Tipp: Bleiben Sie bei der nächsten Wahl zu Hause und lesen lieber ein gutes Buch oder gehen sie mal wieder in einen Gottesdienst.

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2 Gedanken zu „Das Ritual der Wahl

  1. Pingback: Das Ritual der Wahl II | Dumme Fragen

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