Wir brauchen schnell mehr Tote

Schon länger beobachte ich mit Argwohn die Entwicklung der aktiven Sterbehilfe in den Niederlanden, Belgien, Luxemburg und der Schweiz. Die Regierung in Frankreich will nun auch ein solches Gesetz auf den Weg bringen. Es trägt in bewährter Tradition – „Mein Tod gehört mir! “ (Simone de Beauvoir) – den Titel: „l’euthanasie pour tous“ – Selbstbestimmtes Sterben für alle! 

Der Tod ist die letzte Wahrheit des Menschen, die er der göttlichen Fügung und der Natur noch nicht entreißen konnte. Deshalb ist der Tod die größte narzisstische Kränkung, die der Mensch nach wie vor ertragen muss.

Das Schöne am Tod ist, dass er ganz in der Tradition der Französischen Revolution tatsächlich alle gleich macht. Alle müssen sterben, der Milliardär genauso wie der Kapitalverbrecher und der Philanthrop genauso wie Lieschen Müller.

Der Tod ist das einzig wirklich Gerechte, was es auf der Welt gibt. Ich verneige mich vor dem Ratschluss Gottes, ich verneige mich vor der Weisheit der Natur.

Wenn, so sagt sich der narzisstisch gekränkte Mensch, es schon nicht möglich ist, das Sterben selbst zu verhindern, so will ich wenigstens den Zeitpunkt selbst bestimmen.

Der Tod, so steht geschrieben, kommt wie ein Dieb in der Nacht, du weißt nicht Zeit noch Stunde. Deshalb, so sagt der Mensch, werde ich mein Leben schon vorher auslöschen, damit es nicht in die Hände von göttlichen Dieben fällt. Das ist eine Ironie wider das Schicksal, ein Pyrrhussieg. Operation geglückt, Patient tot!

Vor einigen Monaten hat der Spiegel, mit dem Titel „Plädoyer für ein Sterben in Würde“ aufgemacht. Argwöhnisch, wie ich nun einmal bin, stellte ich mir die Frage, ob jetzt auch in der Bundesrepublik die für die aktive Sterbehilfe geworben wird.

Ich wurde ausnahmsweise angenehm überrascht. Der Artikel und besonders das Interview mit Christiane Woopen, einer Katholikin, der Vorsitzenden des Deutschen Ethikrates, war sehr differenziert und ausgewogen.[1]

Im Artikel wurde darauf hingewiesen, dass viele Hausärzte dabei helfen ein Sterben in Würde zu ermöglichen. Auch in der Palliativmedizin und in den vielen Hospiz-Krankenhäusern wird alles dafür getan, den letzten Beistand auf dem letzten Weg zu leisten.

Hier handelt es sich aber um eine Hilfe beim Sterben, nicht um eine Hilfe zum Sterben. Die Begleitung geschieht in der Ehrfurcht vor dem Leben. Darüber hinaus ist es glücklicherweise möglich, durch eine Patientenverfügung lebensverlängernde Maßnahmen abzulehnen.

Die Euthanasie, die aktive Sterbehilfe, ist etwas völlig anderes. In den Niederlanden stellt der Sterbewillige einen Antrag, der von einem Gremium, bestehend aus zwei Ärzten, einem Juristen und einer Ethikbeauftragten geprüft wird.

Entspricht der Antrag den strengen Kriterien, wird dem Ersuchen statt gegeben. In der Regel rückt dann ein Team von Spezialisten, Kritiker sagen ein Mordkommando, aus, das den Patienten in der Regel zu Hause „in Würde“ ins Jenseits befördert. Gegner dieser Praxis sprechen vom Tod auf Bestellung. Wie hätten sie es den gerne? Wollen sie lieber mit diesem oder mit jenem Medikament vergiftet werden?

Ich selber habe das schon persönlich erlebt, als wir mit unserer altersschwachen Katze beim Tierarzt waren und unseren Jackie schweren Herzens haben einschläfern lassen. Ich war dabei als unser Kater auf dem Tisch des Arztes starb und habe ihn gestreichelt. Wer wollte das selbe mit seinen Eltern machen?

In den Niederlanden kann jedes Mitglied einer Krankenkasse einen solchen Antrag auf Tötung stellen. Die Kasse zahlt aber das Ärzteteam nicht, das ausrückt, um den Tod herbei zu führen.

Die Kosten trägt der Verein für humanes Sterben, eine Stiftung, die sich aus privaten Spenden finanziert. Welcher private Sponsor finanziert den vorzeitigen Tod und warum? Wahrscheinlich ist es wieder einer von den milliardenschweren Philanthropen, die gar nicht mehr wissen, wohin sie mit ihrem vielen Geld sollen.

Hat man erst einmal die Frage von Leben und Tod der Vorsehung entrissen, und in die Hand eines Teams von „Spezialisten“ gelegt, werden die „strengen Regeln“ für ein „Sterben in Würde“ nach und nach aufgeweicht.

Sie gelten mittlerweile nicht mehr nur für unheilbar kranke Erwachsene, sondern auch schwerstkranke Säuglinge dürfen auf diese Weise von ihrem Leiden erlöst werden. Darüber, ob auch Kinder bis zum zwölften Lebensjahr unter diese Regel fallen sollen, wird gerade verhandelt.

Mit welchem Recht so fragen einige, soll man psychisch Kranken diese Möglichkeit verweigern, da doch ihr subjektiv empfundenes Leiden mit Sicherheit nicht kleiner ist als das von Krebspatienten, die fraglos eine Genehmigung bekommen? Neuerdings nimmt man auch Anträge von an Demenz erkrankten Patienten entgegen, die sich nach fünfzehn Sekunden gar nicht mehr daran erinnern können, dass sie überhaupt einen Antrag gestellt haben.

In der Schweiz, wo das „humane Sterben“ schon seit vielen Jahren praktiziert wird, kann man sich auch ins Jenseits befördern lassen, wenn man noch gar keine Krankheitserscheinungen hat.

Die Einführung des Todes auf Bestellung hat in den Niederlanden und Belgien dazu geführt, dass mittlerweile schon drei bis Fünf Prozent der Todesfälle auf dieses amtlich genehmigte selbstbestimmte Sterben entfallen. Zählt man die Selbstmorde noch dazu, die ebenfalls ca. drei Prozent der Todesfälle ausmachen und die Unfälle, die nicht selten verdeckte Suizide sind, so nähern wir uns einer Quote von 10%.

Der Spiegel (6/2014) berichtet in seiner Ausgabe mit dem Titel „Letzte Hilfe – Plädoyer für ein Sterben in Würde“ auf Seite 36 Folgendes:

„In der vergangenen Woche fand in Sitzungszimmer N207 im Bundesministerium für Arbeit und Soziales in Berlin eine lange geplante Sitzung zum Thema Sterbehilfe statt. Die Teilnehmer hatte man im Vorfeld um strikte Vertraulichkeit gebeten. Es ging um „heikle Fragen“.

Als erster ergriff Abteilungsleiter Bert Persson das Wort, Leiter der Projektgruppe des Ministeriums, die sich mit der sozialpolitischen Dimension des letzten Lebensabschnittes beschäftigt. Persson holte weit aus, sprach über das demographische Problem, die Belastungen für die junge Generation, die explodierende Pflegekosten, „wir müssen“, sagte Perrson, „die Probleme zusammen mit den Alten lösen, nicht gegen sie.“

Dann stellte er die Vorschläge seiner Projektgruppe vor. Sie will vor allem an den Gemeinschaftssinn der älteren Generation appellieren. Den Senioren müsse klargemacht werden, welche Opfer sie der Gesellschaft abverlangen. Man müsse, forderte Persson, die Einstellung zum Tod verändern. Natürlich nicht sofort nach der Pensionierung sondern erst, „wenn die Kräfte abnehmen und die Alterskrankheiten einsetzten.“

Unterstützt wurde Perrson von Caspar Storm, Professor am Institut für medizinische Ethik. Er forderte in seinem kurzen Vortrag eine „neue Lebens und Todesethik“. Widerspruch gab es nach Angaben der Teilnehmer kaum. Man beschloss zu prüfen, wie eine Telefonhotline eingerichtet werden kann, die Sterbewillige an entsprechende Organisationen vermittelt. Perrssons Fazit: „Wir brauchen schnell mehr Tote“[2]

 

 

[1] Möglicher Weise täuscht das auch und es handelt sich lediglich um Stufe 1 eines größer angelegten Masterplans einer findigen PR-Agentur. In Stufe 1 wird das Thema sachlich und ausgewogen behandelt um die Hemmschwelle herabzusetzen, die mit dem Begriff der Euthanasie verbunden ist. Nach dem die Menschen in Deutschland unbewusst gelernt haben über aktive Sterbehilfe wieder zu diskutieren, kann in Stufe 2 langsam die Werbetrommel für deren Einführung gerührt werden. In Stufe 3 würden die ersten Gesetzesinitiativen gestartet, um die aktive Sterbehilfe auch rechtlich zu verankern. In Stufe 4 würden analog zur Entwicklung in der Schweiz, Belgien und den Niederlanden die Kriterien für die aktive Sterbehilfe nach und nach aufgeweicht werden. In Stufe 5 könnte man auf den Antrag verzichten und die Entscheidung ganz den „Experten“ überlassen. Damit wären wir dann bei T4 angekommen, einer Praxis der Euthanasie, die in Deutschland 1941 ihren Höhepunkt erreicht hat.

[2] Ganz so weit ist es noch nicht. Der Spiegel zitiert aus dem Theaterstück, „Der moderne Tod“ von Carl Henning Wijkmark, das Hans Magnus Enzensberger entdeckte und eine „skandalöse Prognose über die Zukunft der sogenannten Sterbehilfe“ nannte

Advertisements

5 Gedanken zu „Wir brauchen schnell mehr Tote

  1. rotegraefin

    Nach Erich Fromm und seinen Ausführungen in „Die Seele des Menschen Ihre Fähigkeit zum Guten wie zum Bösen“ gibt es eine Entscheidung für die Liebe zum Leben oder eben für die Liebe zum Tod.
    Da ich mich für die Liebe zum Leben entschieden habe, brauche ich nur den Nächsten zu lieben wie mich selbst. In einer nekrophilen Gesellschaft wieder unsrigen, die Geld und Besitz der Würde des Menschen vorzieht, sind die obigen Überlegungen nur logisch.

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Vielen Dank für dein Interesse an meinem Blog.
      Heute habe ich erfahren, dass das Thema aktive Sterbehilfe gerade wieder propagndistisch im neuen Stern bearbeitet wird, in Gestalt der Krebskranken Ehefrau des aus pflegschaftsgründen zurückgetretenen ehemaligen Ratsvorsitzenden der EKD Schneider. Seine Ehefrau soll laut Stern sinngemäß gesagt haben: „die aktive Sterbehilfe sei ein Akt der Liebe.

      Antwort
      1. rotegraefin

        Ich denke, wenn diese Frau das so gesagt hat und es ehrlich meint, dann stimmt es für diese Frau. Es ist einfach zu respektieren.
        Ich setze mich lieber für die Menschen ein die leben wollen.
        Ein Bruder von mir hat sich selbst getötet und seitdem haue ich einfach dazwischen, wenn es um die Kränkung von Menschen und meine eigene geht.

      2. hansarandt Autor

        Vor jeder individuellen Entscheidung habe ich größten Respekt auch beim Suizid. Ich habe auch Respekt davor, wenn ein Lebenspartner dem anderen dabei hilft, das Leben in Würde zu beehnden, wenn das der Herzenswunsch eines Kranken ist.

        Wenn persönliche Schicksale prominenter Menschen dazu benutzt werden, um die falsche Politik zu machen, kann ich das aber gar nicht leiden.

        Ich bin mir ziehmlich sicher, dass die Eutansie europaweit wieder eingeführt sein wird, bevor wir die Bühne dieses neuen Staates verlassen werden.

      3. rotegraefin

        Ich kann niemanden daran hindern, aus dem was ich sage tue oder schreibe es in seinem Sinne zu benutzen und zu missbrauchen.
        Ich setze mich für das Leben in Fülle und den Frieden ein. Solange in den reichen Ländern daran verdient wird, dass es arme Menschen Ausbeutung und Unterdrückung gibt solange tanzen wir mit dem Tod. Der hat allerdings nicht das letzte Wort.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s