Die Wahrheit ist katholisch

Die Wahrheit ist das Ganze, so hat es Hegel ausgedrückt und er hat bis heute Recht behalten.

Hegels Gedanke war nicht neu. Er ist eine Neuauflage der katholischen Lehre, die behauptet, es gäbe nur eine Wahrheit, einen Glauben, einen Gott und eine Kirche, die für alle Menschen auf dem ganzen Erdkreis gilt.

Wie wir alle wissen ist diese Position in der Reformation heftig bestritten worden. Die Reformatoren setzten diesem integrativem Wahrheitsmodell ein dissoziatives Modell der Wahrheit entgegen, das sie mit den Grundsätzen, allein der Glaube, allein die Schrift, allein die Gnade und allein Christus umschrieben.

In der alten Lehre entschied im Zweifel die Kirche darüber, was als wahr für alle zu gelten hatte und was nicht.

Die Reformatoren bestreiten diesen Wahrheitsanspruch und relativieren ihn zugleich. Die Kirche als Institution wird aus dem Grundartikel gestrichen und als Kriterium der Wahrheit wird allein die Schrift zugelassen.

Jetzt ist es dem Einzelnen möglich unter Berufung auf die Bibel, Wahrheits- und Machtansprüche der Kirche in Frage zu stellen.

Den Wahrheitsbegriff selbst konnten die Reformation nicht relativieren. Ein Kriterium, die Schriftgemäßheit, wurde absolut gesetzt, um daran alles andere zu relativieren.

Die Reformation konnte zwar Wahrheitsansprüche relativieren nicht aber die Wahrheit selbst.

In der Postmodernen Debatte werden immer wieder Behauptungen aufgestellt, die Wahrheit selbst sei ein relativer Begriff und könne nicht verabsolutiert werden.

Der amerikanische Philosoph Rotry ist einer der prominentesten Vertreter dieser Position.

Er vertritt zum Beispiel die Ansicht, das die wissenschaftliche Theorie, die Indianer seien über die Beringstraße In den amerikanischen Kontinent eingewandert, keinen größeren Wahrheitsanspruch erheben könne als die Mythologie der Indianer selbst, die glauben ihre Vorfahren seien vor vielen Generationen aus der Unterwelt emporgestiegen.

Nach dieser Theorie wäre auch das kreationistische Welterklärungsmodell, nach dem die Erde erst seit sechstausend Jahren besteht, gleichgültig mit der Evolutionsgeschichte der Erde, die von einigen Milliarden Jahren ausgeht.

Rotry und andere wollen uns glauben machen, dass von Wahrheit nur relativ gesprochen werden kann, in dem Sinne, dass etwas nur wahr in einem bestimmten Bezugssystem sein kann, das unsere Zustimmung findet.

Betrachtet man die vielen verschiedenen Welterklärungsmodelle, die tatsächlich nebeneinander existieren, scheint dieser Wahrheitsrelativismus eine zutreffende Beschreibung der Wirklichkeit zu sein.

Verabsolutiert man diese Anschauung allerdings in der Art, dass man behauptet, es gäbe generell keine absolute Wahrheit verstrickt man sich schnell in Widersprüche.

Schon die Behauptung, es gäbe keine absolute Wahrheit, ist selbst eine Behauptung, die für sich in Anspruch nimmt, wahr zu sein.

Daher ist die Behauptung, es gäbe keine absolute Wahrheit, in sich selbst widersprüchlich, weil sie sich auf einen absoluten Standpunkt außerhalb ihrer selbst beziehen muss.

Würde man andererseits diesen Satz, es gäbe keine absolute Wahrheit, in der Weise verstehen wollen, dass diese Aussage auch nur innerhalb eines Systems gültig ist, dem ich zustimme, dann haben wir es lediglich mit einer Meinung zu tun, die man haben oder auch nicht haben kann.

Vieles scheint für diese zweite Alternative zu sprechen.

Das einzige, was wir sicher wissen können, so sagt das Bauchgefühl des modernen Menschen, sind die Erkenntnisse der Naturwissenschaft, die durch empirische Beobachtungsverfahren bestätigt wurden.

Der Wahrheitsanspruch in diesen Disziplinen wird gemeinhin nicht in Frage gestellt und auch nicht relativiert.

Die Frage nach der Wahrheit bleibt für mich eine offene Frage.

Mir scheint, dass man an der Wahrheit als Begriff nicht vorbeikommt, weil man entweder einen Selbstwiderspruch generiert oder einen infiniten Regress immer höherer Systeme, denen ich zustimme, auslöst.

Auch die Relativsten nehmen implizit auf absolute Wahrheitsansprüche Bezug, wenn sie zu generalisierenden Aussagen kommen.

All diese scheinbaren Widersprüche im Wahrheitsbegriff lösen sich auf, wenn man der Philosophie Hegels folgt, so wie ich sie bisher ansatzweise verstanden zu haben meine.

Der Begriff und auch der Wahrheitsbegriff ist bei Hegel kein Fixstern am Firmament auf den man sich beziehen kann, sondern man kann nur begreifen, was Wahrheit ist, wenn man sie aus ihrem Prozesscharakter heraus zu verstehen sucht.

Die Wahrheit will gefunden und enthüllt werden, damit sie erkannt werden kann. Deshalb ist die Erkenntnis der Wahrheit durchaus etwas Relatives, das von der Zeit und der sozialen Bedingtheit der Wahrheitssucher abhängig ist.

Die Wahrheit ist aber nicht nur ein Konstrukt des menschlichen Geistes, sondern die Wahrheit haftet dem Ding an sich bereits an, wie Hegel sich ausdrückt.

Das habe ich mit meinem Video über das Wesen und die Wahrheit des Blumentopfes zum Ausdruck zu bringen versucht.

Das interessante an Hegels Denkmodell ist, dass es die Absolutheit und die Relativität zusammenzudenken kann, ohne sich selbst in Widersprüche zu verwickeln.

Die Wahrheit ist weder nur relativ noch nur absolut sondern sie ist sowohl relativ als auch absolut. Die Wahrheit ist das Ganze.

Man könnte auch sagen, die Wahrheit ist katholisch.

 

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7 Gedanken zu „Die Wahrheit ist katholisch

  1. Pingback: Die Welt ist katholisch | Dumme Fragen

  2. rotegraefin

    Katholisch heißt allumfassend habe ich einmal gelernt. Und als röm. kath. sozialisierte Person war ich dann in meinem Leben massiv erstaunt, verwundert und verängstigt nachdem ich dann gemerkt habe wie Menschen gerade in der Kirche Menschen behandeln. „Wissen die denn nicht dass sie in jedem Menschen Christus treffen? Was ist denn da bloß los?“ Ich hatte immer nur Angst, dass dann alle verdammt sind.

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Schade für dich und schade für die Kirche. Ich glaube aber, dass es auch anders hätte kommen können. Ich glaubt auch nicht, dass es die Angst ist, die eine Milliarde Katholiken auf der Welt zusammenhält, auch wenn das bei einigen sicher so ist.

      Antwort
      1. rotegraefin

        Nee,daran glaube ich nicht mehr, denn ich habe mir geschworen, dass ich in keinen Himmel kommen will,von dem ich weiß, dass es eine Hölle gibt. Da scheuche ich mehr unbewusst alle Dämonen aus den Ecken auf.
        Die Wahrheit macht uns zwar frei, sie tut aber zunächst erst auch einmal nur weh.
        Und auf Schmerz reagiert eben jeder anders.

  3. hansarandt Autor

    Manchmal denke ich auch, eigentlich kann es nur die Allversöhnung geben. Wenn überhaupt, kommen alle in den Himmel, weil Gottes Gnade grenzenlos ist. Wenn das ewige Leben darin bestünde, dass die einen im Himmel und die anderen in der Hölle sind, dann wäre ja nichts gewonnen sondern alles wäre so wie auf der Erde.
    Andererseits gibt und gab es unendlich viele Höllen hier auf der Erde und in jedem Augenblick. Die Hölle ist leider keineswegs nur ein Hirngespinst. Das Böse ist real und das Gute ist es auch.

    Antwort
      1. hansarandt Autor

        Auch hier hat die Bibel wieder einmal recht. Die Sünden der Eltern beleiben durchaus nicht ohne Folgen für Ihre Kinder und Enkel, wie man weiß.

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