Die Wahrheit wird euch frei machen

Manche postmodernen Versteher der Quantentheorie wollen die Heisenbergsche Unschärferelation, nach der jeder Beobachter die Versuchsanordnung verändert und selbst Teil der Messung wird, wie folgt auslegen:

Der Mond ist streng genommen nur dann an seinem Platz, wenn wir hinschauen. An einer Krankheit kann niemand erkranken, solange sie als solche nicht erkannt ist.

Kant hat behauptet, wir hätten keinen unmittelbaren Zugang zu unserer Erfahrung sondern es seien unsere Gedanken und unsere begrifflichen Systeme, die einer Erfahrung überhaupt erst Wirklichkeit verleihen. Deshalb hat man die kantische Sichtweise der Dinge auch als Transzendentalen Idealismus bezeichnet.

Im Grunde genommen hat die Philosophie Kants die ptolomäische Wende in der Geschichte des abendländischen Denkens herbeigeführt.

Hatte die kopernikanische Wende, die Erde aus dem Zentrum der Weltanschauung verbannt und  den Menschen zu einer verschwindend kleinen Spezies am Rande des Universums degradiert, so erhebt die kantische Philosophie das menschliche Erkenntnisvermögen zum Dreh und Angelpunkt der Welt.

Maurizio Ferraris kritisiert in seinem „Manifest des neuen Realismus“ diese Dekonstruktion der Wirklichkeit und zitiert Hilary Putnam, der gesagt hat: „Jede Dekonstruktion ohne Rekonstruktion ist verantwortungslos.“

Besonders die Postmoderne, so Ferraris, habe die Dekonstruktion auf die Spitze getrieben. Die postmoderne These von der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit, wenn sie als allumfassend verstanden wird, setzt die Kategorien Sein und Wissen gleich. Es gibt keine Erkenntnis des Dings an sich sondern unsere Erkenntnis konstruiert erst die Wirklichkeit, die wir meinen nur wahrzunehmen.

Die Theorie, dass alle Erkenntnis von Interessen geleitet wird, setzt das Wissen mit der Macht gleich. Setzt man die beiden Behauptungen der Postmoderne in eine Gleichung dann ergibt sich aus Sein=Wissen und Wissen=Macht die Gleichung: Sein=Macht.

Die Aufklärung, die angetreten ist, um aus der selbst verschuldeten Unmündigkeit herauszutreten, versteht sich ursprünglich als emanzipative Bewegung.

Die in der Postmoderne aufgestellte Behauptung, es gäbe keine (absolute) „Wahrheit“ sondern nur die Solidarität (im Klassenkampf), verkennt, dass sich auch korrupte, mafiöse und totalitäre Systeme solidarisch verhalten.

Ferraris kritisiert, dass alle zentralen Begriffe wie „Wahrheit“, „Wirklichkeit“, „Objektivität“ oder „Gerechtigkeit“ in der Postmoderne regelmäßig in Anführungszeichen gesetzt werden, um deutlich zu machen, dass es keine absoluten Kategorien dieser Art geben könne, sondern sie vom jeweiligen Standpunkt und den Interessen des Diskursteilnehmers abhängig sind.

Die Behauptung, dass es eine objektive Wahrheit ohne Anführungszeichen gibt, wird von der Postmoderne als unzulässig, ja als gewalttätig und übergriffig diskreditiert und ironisiert.

Diese Gedankenfigur, es gäbe nichts Absolutes und alles sei interessengeleitet,  ist in unser Unterbewusstsein eingegangen und bildet den Grundton der Überzeugungen der meisten „modernen“ Menschen.

Diese Preisgabe der objektiven Kategorie der Wahrheit führt uns zurück in die selbstverschuldete Unmündigkeit. Alles, was behauptet werden kann, ist nur eine „Wahrheit“ unter vielen und über die Geltung einer Wahrheit entscheidet alleine die Macht.

Die Wahrheit über eine Sache ist aber nicht deshalb wahr, weil sie die Macht hat, sich durchzusetzen sondern allein deshalb, weil sie tatsächlich wahr ist.

Hegel sagte: Das Wesen und die Wahrheit eines Dings liegt in der Sache selbst, nicht in der Willkür des Beobachters.

Sehr anschaulich hat diesen Gedanken Ferraris in seiner Erzählung vom Pantoffel veranschaulicht:

Wenn ich zusammen mit einem anderen Menschen in einem Raum stehe, in dem sich ein Pantoffel auf dem Teppich befindet, dann kann ich diesen anderen Menschen darum bitten mir diesen Pantoffel zu geben und er kann es tun.

In dieser Situation spielt die soziale Konstruktion der Wirklichkeit durch aus eine Rolle, weil wir ohne Sprache oder Zeichensprache dies nicht bewerkstelligen könnten.

Ich kann auch einen Hund, den ich dressiert habe, darum bitten mir den Pantoffel zu bringen, und er wird es tun, obwohl er meine Sprache sicher nicht in der gleichen Weise versteht, wie ich.

Wenn nun ein Wurm auf dem Teppich entlang kriecht, und den Pantoffel erreicht, wird er um ihn herum oder über ihn hinweg kriechen. Für ihn ist der Pantoffel genauso real, wie für uns obwohl er selbst so etwas wie ein Gehirn gar nicht hat.

Auch ein Efeu, der am Boden entlang wächst, wird den Pantoffel wahrnehmen und um ihn herum ranken.

Selbst wenn ich den Pantoffel nehme und versuche in einen anderen Pantoffel hinein zu stecken, wird er es „bemerken“.

Es gibt dieses Ding an sich und wir können es auch erkennen.

Es gilt die Begriffe von Wahrheit, Objektivität und Gerechtigkeit aufrecht zu erhalten, weil sie allein uns zu Bürgern machen, die aus einer Welt der selbst verschuldeten Unmündigkeit emporgestiegen sind.

Nur wer überzeugt davon ist, dass es die Wahrheit wirklich gibt, kann sich aus dem Einerlei der postmodernen Beliebigkeit der subjektiven Meinungen des anything goes befreien.

Das meinte der Evangelist Johannes als er sagte: „Erkennet die Wahrheit und die Wahrheit wird euch frei machen.“

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9 Gedanken zu „Die Wahrheit wird euch frei machen

  1. Yeti

    Ich denke, man kann über die Wahrheit nur reden, wenn man auch über den Glauben redet.
    Als nächstes müßte man sich mit den christlichen Märtyrern beschäftigen, die erst dafür gesorgt haben, dass sich der Glauben rasch ausbreitet.

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Ich denke die Wahrheit ist banal. Über die Wahrheit reden wir beinahe im jeden Satz, wenn wir eine Tatsachenbehauptung aufstellen, wie zum Beispiel im London regnet es oder die Ampel steht auf rot. Natürlich kann man die Wahrheit ignorieren und keinen Schirm mitnehmen oder einfach trotzdem auf die Kreuzung fahren. Letzteres kann man aber, wenn man Glück hat, nur ein paar mal machen, dann verliert man aus gesundheitlichen Gründen die Fähigkeit zum Autofahren oder mindestens den Führerschein.
      Mit dem Glauben an Gott hat das erst mal gar nichts zu tun, es sei denn man sagt, auch die Behauptung, die Ampel sei rot, sei auch nur ein Glaube.

      Antwort
  2. Yeti

    Jetzt ist eben die Frage: welche Ampel meinst Du, wenn Du sagst: „Die Ampel ist rot“.

    Unsere Kommunikation ist der beste Beweis für die Glaubensfähigkeit des Menschen. Ich habe DIch im Leben noch nie gesehen, ich schreibe nur in dieses Blog, und dennoch glaube ich, dass Du mit dem Begriff „Ampel“ ungefähr dasselbe meinst, wie ich.

    Oder meinst Du jene konkrete Ampel, die Du gestern um 12:45 überquert hast, obwohl sie rot war? Dann müßten wir uns zuerst einig sein, ob wir beide wirklich dieselbe konkrete Ampel meinen (wie können wir das, hat die Ampel eine Objekt-ID?).

    Wieviele Worte mußt Du machen, um diese konkrete Ampel eindeutig zu identifizieren, sodaß ich dieselbe Ampel meinen muss?

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Es ist viel einfacher. Es geht nicht um eine konkrete Ampel sondern um den Begriff. Der Begriff ist das Allgemeine, das was allen Ampeln gemeinsam ist, so hat es Hegel in seiner Logik erklärt. Wir beide wissen, was wir meinen, wenn wir ganz allgemein von einer Ampel sprechen. Jedes Kind kann einen Sinnvollen Dialog darüber führen. Sogar ein Hund weiß genau, welche Grenze er besser nicht überschreiten sollte. Er benutzt als Ampel seinen Urin.

      Antwort
      1. Yeti

        Nun, aber es geht Dir ja nicht nur um die banale Wahrheit „geh nicht über die rote Ampel“, sondern Du meinst auch tiefergehende Wahrheiten, z.B. Gott.

        Und Gott widersetzt sich eigentlich der Begriffsbildung (2. Gebot), er ist aber konkret in Deinem und meinem Leben vorhanden.

  3. Kardinal Novize Igor

    Und manche zwar nicht postmoderne aber tatsächliche Quantentheorieversteher würden sich auf das obige Beispiel nicht einlassen, weil es mit der Quantentheorie nichts zu tun hat.

    Ich identifiziere Jesus auch nicht als Sohn Gottes über seine Eigenschaft, Heidelbeer-Omeletten zubereiten zu können und dabei Versace-Handtaschen zu tragen……

    LG KNI

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Zu Yeti „Und Gott widersetzt sich eigentlich der Begriffsbildung (2. Gebot),…
      Wenn Gott sich der Begriffsbildung widersetzte, gäbe es ihn wirklich nicht. Unbestreitbar ist er Begriff „Gott“ ein Begriff. Hätten wir diesen Begriff nicht, könnten wir nicht darüber sprechen oder wir müssten uns einen anderen Begriff machen. Der Zugang zu Gott ist ein hermeneutischer Verstehensprozess in dem wir mit der Zeit das Menschsein und auch Gott immer besser verstehen können.
      Das Bilderverbot ist etwas völlig anderes. Es bezieht sich auf den Götzendienst. Es ist falsch, ein von Menschengemachtes Bild als etwas Göttliches zu verehren. Man bezeichnet das auch als Fetischismus. Die moderne Naturwissenschaftverfällt bisweilen dieser Versuchung, indem sie sich selbst zum Maß aller Dinge erhebt oder von anderen Wissenschaftgläubigen auf diese Weise vergötzt wird.

      Antwort
    2. hansarandt Autor

      Es geht nicht um die Quantentheorie, davon verstehe ich zu wenig, sondern um die falsche Gleichsetzung von Sein und Erkenntnis, von Ontologie und Epistemologie, durch die Verabsolultierung der Erkenntnis und um die Auflösung der Kategorie Wahrheit in Nützlichkeit und Macht. Wenn uns ein Pantoffel dabei helfen kann, gegen diese falsche Entwicklung Einspruch zu erheben, dann erweist er uns einen guten Dienst. Mag sein das die Quantentheorie damit nichts zu tun hat. Um so besser für die Quantentheroie.

      Antwort

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