Jesus, ein Apostel der Solidarität oder der Logos von Tod und Auferstehung?

Hier habe ich ein pro und kontra. Alfred Flacke sagt:

Jesus, dieser staunenswerte Mensch aus dem jüdischen Nazaret, bringt das Wissen von der solidarischen Liebe in die Welt zurück.

Ich halte dieser These die Lehre der Kirche entgegen:

Er war ein Märtyrer, ein Zeuge. Seine Bedeutung liegt in seinem Tod und in seiner Auferstehung, die von seinen Nachfolgern erinnert wird.

Alfred Flacke:

Jesus, dieser staunenswerte Mensch aus dem jüdischen Nazaret, bringt das Wissen von der solidarischen Liebe in die Welt zurück. Er sieht, was andere Menschen seit unvorstellbar langer Zeit nicht mehr wahrnehmen, dass mitten in der entstellten Wirklichkeit eine andere verborgen ist. Er glaubt, dass Gott nicht wie ein „Herr“ die Welt regiert, sondern dass alle Menschen seine Kinder sind, die er als himmlischer Vater bedingungslos (also auch wie eine Mutter!) liebt. Darum kann er die gemeinschaftsbildende solidarische Liebe als den eigentlichen Sinn des Lebens erkennen; jeder Mensch trägt sie nach seinem Glauben als Möglichkeit gelingenden Lebens in sich. Dann aber ist die Erde nicht länger ein Ort des Todes. Aus dieser Gewissheit spricht seine Verheißung an die Menschen: „Ich lebe und auch Ihr sollt leben“.

In einer Welt, die zu seiner Zeit schon mehr als dreitausend Jahre lang mit Befehl und Gehorsam regiert wird, spricht Jesus von einer ganz anderen, herrschaftsfreien, Wirklichkeit und fasziniert die Unterdrückten, die Geschundenen und Beleidigten mit der Botschaft der Geschwisterlichkeit. Er predigt den Schwachen, den Kranken, den Frauen, den Kindern und verkündet den Armen eine menschenwürdige Zukunft in einer erneuerten Welt. In seiner Sprache nennt er sie ein irdisches Gottesreich (Lk 6,20), das aber „nicht von dieser Welt“ ist. Er meint damit eine Welt, in der es nur Herren und Knechte gibt. Denn das ist das radikal Neue, das Jesus in die Welt bringt. Er lehnt Herrschaft entschieden ab: „Ihr wisst,“ sagt er deshalb, „dass die Herrscher ihre Völker unterdrücken“, aber „bei euch soll es nicht so sein.“ (Mt 20,25)

Christen haben später jahrhundertelang mit dem Kirchenlehrer Augustinus geglaubt, dass Gottesliebe sich vor allem durch Selbstverleugnung üben lässt. Jesus aber hat etwas ganz anderes gelehrt: „Liebe deinen Nächsten, wie dich selbst!“ (Mt 22,39) Das heißt ganz unzweideutig, Menschen sollen sich selbst lieben und nach diesem Maßstab auch ihren Mitmenschen, in dessen Bedürfnissen sie sich selbst erkennen können. Das wichtigste also, was zu tun ist, sind keineswegs heroische Werke der Selbstverleugnung, sondern etwas sehr einfaches: Solidarisches Verhalten zum Mitmenschen, der auf mich angewiesen ist: „Denn ich war hungrig und ihr habt mir zu essen gegeben; ich war durstig und ihr habt mir zu trinken gegeben…“(Mt 25,35) Damit ist eine neue Freiheit verheißen, die aus der solidarischen Liebe wächst. Das ist eine Liebe, welche die Welt wirklich ganz und gar verändert, weil sie die Angst und den Terror der Selbsterhaltung überwindet: „Sorgt euch nicht um euer Leben und darum, dass ihr etwas zu essen habt, noch um euren Leib und darum, dass ihr etwas anzuziehen habt…“ (Mt 6,25ff)

Das von ihm vorgetragene Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg (Mt 2O,1-16) widerspricht folgerichtig und mit der gleichen Unbedingtheit dem mit der Marktwirtschaft heute noch unverändert geltenden Prinzip des Leistungslohns. Wie gut können wir gläubigen Nutznießer dieser Marktwirtschaft – also bestens vertraut mit deren spezieller „Gerechtigkeit“ – heute verstehen, dass in der Erzählung einige Arbeiter „zu murren“ begannen, weil sie für gleichen Lohn länger arbeiten mussten. Aber in einer solidarischen Gesellschaft wird keine Leistung verrechnet, muss keine Lebenszeit gegen Geld aufgewogen werden. Weil die Pseudogerechtigkeit der im Geld scheinhaft objektivierten Äquivalenz, das Grundprinzip marktregulierter Tauschverhältnisse, außer Kraft gesetzt ist und alle Privilegien, durch die gesellschaftliches Ansehen, Rang und Hierarchie vermittelt werden, ihre Bedeutung verlieren. In einer Gesellschaft, in welcher der Mensch seine Existenz nicht mehr rechtfertigen muss und jeder für jeden einsteht, wird Herrschaft gegenstandslos und so die in ihr wirksam werdende Ungerechtigkeit überwindbar.

Christen und die vom Christentum geprägte Welt glauben aber noch immer, dass der Sinn des Lebens und Liebens Jesu sich in seinem grauenhaften Tod vollendet. Der Tod eines vollkommen Unschuldigen, dessen Verfolgung eigentlich absolut unbegreiflich ist und deshalb aus der Verblendung sündiger Menschen und mit dem unerforschlichen Willen Gottes erklärt wird. Wenn man aber bedenkt, dass Jesus nicht nur die Herren sondern fast alle zivilisierten Menschen durch seinen grundsätzlichen Verzicht auf Herrschaft herausgefordert hat, wenn einem bewusst geworden ist, wie die Herrschaft Menschen und ihre durch sie aus den Fugen geratene, lieblose Welt nur gewaltsam und verkrüppelt durch den Betrug der Selbsterhaltung in ihre haltlose Ordnung zwingen kann, wird man die ungeheure Erschütterung spüren, die Jesus mit seiner Lehre und seinem beispielhaften Leben bewirkt. Die Radikalität dieser Entscheidung für ein Leben aus Liebe kündigt tatsächlich den Umsturz an. Wenn Jesus sagt, „Ich mache alles neu“, heißt das: Die bestehende Welt gerät ins Wanken, weil er ihren grundlegenden Maßstab in Frage stellt. Also nicht nur die Machthaber in seiner Zeit müssen gespürt haben, dass damit der herrschenden gesellschaftlichen Ordnung die Legitimation entzogen wird. Viele wollten deshalb sich und ihre Welt durch seinen Tod retten.

Ich persönlich halte es für offensichtlich, dass die Sprengkraft seiner Lehre mit ihrer kompromisslosen Entscheidung für die Liebe jede Form von Herrschaft und herrschaftlichem Verhalten in Frage stellt. Deshalb war und bleibt es gefährlich, sich zu ihr zu bekennen. Aber immer noch fordert uns Jesus auf, unser Verhalten nach seinem Beispiel gründlich zu ändern und endlich solidarisch zu leben. Doch heute wie damals werden wir von starken, unbewußt wirksamen Wahrnehmungs- und Denkverboten blockiert. Dieselben Tabus wie damals hindern uns immer noch, ihn überhaupt zu verstehen.

So ist es vielleicht auch verständlich, dass einige seiner eigenen Anhänger dem Anspruch dieser Lehre nicht gewachsen waren. Sie verkehrten sie, ohne ihren tiefsten Sinn auch nur an sich heranlassen zu können, guten Glaubens in ihr vollständiges Gegenteil, indem sie wie Paulus Jesu Vision einer neuen Welt an die alte, unveränderte Herrenwelt anpaßten. Damit scheint die einzige Kraft, welche das Verhängnis aufhalten könnte, endgültig gescheitert zu sein. Tatsächlich aber bringt gerade die von diesem Christentum geprägte Gesellschaft die Zuspitzung der Herrschaft hervor, die schließlich deren Untergang bereits vorbereitet. Ob es gelingen kann?

Hans Arandt:

Du bist nicht der erste, der in Jesus einen Marxisten sehen will, der dazu aufgerufen habe, sich gegen die Herrschenden zu solidarisieren und mit zu marschieren, damit sich die ganze „Sprengkraft“ seiner revolutionären Botschaft in seinem neuen Reich der Freiheit manifestiert.

Die Kirche habe das Ganze dann pervertiert, wie später der Sowjetkommunismus, indem sie im Kreuzesstod irgend ein Heil sehen wollte zum Schaden der Gläubigen.

Nun macht es aber keinen Sinn einen Teil dieser großen Erzählung weg zu definieren und Jesus auf einen vermeintlichen Revolutionär zu reduzieren. Warum nicht auf einen Zimmermann der eine besondere Ethik des  Handwerks gepredigt hat? Es ließe sich sicher auch ein Buddhist oder ein Taoist aus ihm machen.

Jesus war eben kein Sprengmeister, der die Unterdrückten mit Gewalt gegen die Herrschenden geführt hat.

Er war ein Märtyrer, ein Zeuge. Wie bei jedem Märtyrer liegt seine Bedeutung in seinem Tod und in seiner Auferstehung, die von seinen Nachfolgern erinnert wird.

Er folgte der Logik Unrecht leiden ist besser als Unrecht tun, wie Sokrates einmal sagte, der auch den Schierlingsbecher trinken musste.

Sokrates und Jesus haben sich auf diese Weise verewigt, sie erstehen immer wieder von neuem auf, egal wie oft sie tot gesagt werden.

Hätte Jesus sich für den anderen Weg entschieden und zusammen mit den Unterdrückten solidarisch den Palast des Herodes gestürmt, wie die Bastille, dann wäre sein tausendjähriges Reich, von dem in der Offenbarung auch die Rede ist, spätestens 70 nach Christus zusammengebrochen, als kein Stein in Jerusalem mehr auf dem anderen blieb. Wir hätten ihn vergessen wie unzählige andere Nachahmer auch.

Hier noch ein Kommentar, den ich zu deinem Statement auf dem Blog von Annette Schlemm zum Thema Vernunft und Solidarität hinterlassen habe:

Das Problem mit der Solidarität besteht darin, dass es sich bei ihr um eine Form und keinen Inhalt handelt. Solidarisch handeln auch Soldaten,  und Herrschaftseliten in totalitären Systemen.

Solidarität im linken Diskurs versteht sich in der Regel als Solidarität der einen Gruppe gegen eine andere Gruppe. Vielleicht erklärt sich aus diesem Mangel, dass im real existierenden Sozialismus bzw. im Sowjetkommunismus die Unterdrückung gegenüber dem Kaiserreich und der Weimarer Zeit nicht ab- sondern zugenommen hat.

Hegels Begriff der Vernunft hat immer einen Inhalt und schließt die Möglichkeit ein, sich selbst zu einer für das Gesamtsystem besseren Wirklichkeit hin zu entwickeln.

Betrachtet man mit dieser Logik einen Organismus, dann kann man auch von der Notwendigkeit dieser Entwicklung sprechen, der genau diesen Organismus über sich ändernde Umweltbedingungen und Generationen hinweg am Leben erhält. Goethe, ein enger Freund und Bewunderer Hegel sagte zu Recht: Der Sinn des Lebens, ist das Leben selbst.

Man kann natürlich auch mit einem englischen Philosophen, wie oben geschehen, sagen, der Sinn des Lebens sei der Tod.

Wenn dem so wäre fragt man sich, warum sich dieser behauptete Sinn bisher nicht verwirklicht hat und wir alle noch leben und unzählige anderen Lebewesen auch?

Ist es nicht vielmehr so, dass nur das Ganze, die besonderen Arten des Lebens am Leben erhält, wie Hegel vernünftiger Weise meinte? Dass  wir alle aufeinander angewiesen sind und angewiesen bleiben und dass dieses Ganze auch den Tod und den Verzehr einzelner Lebewesen einschließt, worin die wenigsten Menschen ein moralisches Problem sehen, solange es die Form der Solidarität der Menschen untereinander nicht verletzt.

Mir scheint es ist in der Tat schwierig zu sein, der Vernunft der Wirklichkeit, wie Hegel sie versteht, zu entkommen. Auch der Versuch seine Logik nur „vom Kopf auf die Füße zu stellen“ geriet zu einem weltgeschichtlichen Desaster der Unvernunft.

Nimmt man statt der Solidarität die Liebe, wie du ja auch vorgeschlagen hast, kommt man vernünftiger Weise sehr viel weiter. Nur, wer will heute an einer Universität in einem „wissenschaftlichen“ Diskurs von Liebe sprechen, ohne sich dabei lächerlich zu machen?

Die Kritik an der Solidarität als reine Form stammt übrigens von Maurizio Ferraris, auch ein linker Theoretiker, der mit seinem Manifest für einen neuen Realismus in Italien für Aufsehen gesorgt hat. Ähnliche Zwischenrufe kommen von dem Philosophen Markus Gabriel in Bonn.

Ein Gedanke zu „Jesus, ein Apostel der Solidarität oder der Logos von Tod und Auferstehung?

  1. Pingback: Das Größte aber ist die Liebe | Dumme Fragen

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