Bündnisse

Ich verstehe diesen Begriff zunächst von der hebräischen Bibel her. Der Bund, den Gott mit Abraham und später mit dem Volk Israel schloss, beinhaltet zweierlei:

Erstens ist es ein Bund, in dem Gott Abraham und seinen Nachkommen verspricht, sie am Leben zu erhalten und zu vermehren. Er verspricht: So zahlreich, wie die Sterne am Himmel und die Sandkörner am Meer  sollen deine Kinder und Kindeskinder werden.

Zweitens ist dieses Bündnis auch ein Kriegsbündnis. Gott ertränkt die ganze Armee des Pharao im Schilfmeer und unterstützt sein Volk bei der militärischen Landnahme in Kanaan. Eine Vielzahl von Völkern werden im Verlauf dieser Eroberung ausgerottet.

Die christliche Kirche gründet sich auf einen neuen Bund. Sie behauptet, dieser alte Bund mit einem Volk sei nun zu einem Bund Gottes mit allen Völkern geworden.

Betrachtet man allein die beiden unterschiedlichen Ideen, so würde man vermuten, dass die letztere die friedlichere sei.

Nun weiß man aus der Geschichte, dass in der Kirche die Idee des friedlichen Miteinanders auch nur unvollkommen verwirklicht ist. Trotzdem bleibt festzuhalten, dass wir zwei unterschiedliche Ideen vor uns haben.

Die Rede vom jüdisch-christlichen Abendland läuft Gefahr diesen Unterschied zu verwischen. Er suggeriert, die Geschichte dieser beiden Kulturen sei nur ein friedliches Miteinander gewesen, was sie allerdings auch war und ist. Die Vermischung beider Prinzipien wird weder den Juden noch den Christen gerecht. Beide Kulturen habe im Laufe der Geschichte ihre Religionen erhalten und weiter entwickelt.  

Die beiden unterschiedlichen Bundesvorstellungen finden sich auch in unserer Gesellschaft wieder.

Die eine Idee versucht sich in der UNO zu verwirklichen, ein Bündnis aller Völker das andere ist ein Bündnis bestimmter Völker gegen andere Nationen, wie es im Warschauer Pakt und in der NATO Realität geworden ist.

Beide Formen des Bündnisses geben vor, den Frieden erhalten zu wollen. In Westeuropa war man lange Zeit der Auffassung, dass nur ein Bündnis mit dem starken transatlantischen Bündnispartner die einzelnen Staaten davor schützen kann, aus dem anderen Bündnis heraus angegriffen zu werden. Dasselbe galt für Osteuropa analog.

Nun hat aber diese Form des Bündnisses eine Schwäche. Betrachtet man zum Beispiel die Vorgeschichte der Ereignisse von 1914, so haben die Bündnisse den Weltkrieg überhaupt erst möglich gemacht. Hätte es diese Bündnisse nicht gegeben, wäre es sehr viel leichter möglich gewesen, den Konflikt auf Osterreich und Serbien zu begrenzen.

Betrachtet man zum Beispiel den Angriffskrieg gegen Jugoslawien, der 1999 ohne UNO-Mandat von der Nato geführt wurde, sieht man, dass auf Grund dieser Bündnispolitik nicht nur ein Land, sondern viele Länder in einen völkerrechtswidrigen Angriffskrieg hineingezogen werden.

So gesehen ist ein Militärbündnis der einen Staaten gegen die anderen Nationen nach Art der NATO oder des Warschauer Paktes eher geeignet einen Weltkrieg auszulösen als dazu, einen zu verhindern.

Dem gegenüber steht die UNO als eine Institution für alle, die den Frieden und den Ausglich verspricht. Betrachtet man die Sache aus der Nähe entpuppt sich das als ein leeres Versprechen.

Im Sicherheitsrat sitzen nur sehr wenige und sehr mächtige Staaten, die im Zweifel über eine „humanitäre Intervention“ entscheiden.

Die internationalen Gerichtshöfe für Menschenrechte verfolgen in der Regel nur die Verbrechen der Verantwortungsträger der angegriffenen Staaten. Die Soldaten und Befehlshaber der eigenen Armeen sind dagegen immun und können nicht angeklagt werden.

Beide Bündnisformen sind Bündnisse der Macht. sie dienen den Interessen der jeweils Stärkeren gegen die Schwächeren. Sie suggerieren den jeweils Schutzbefohlenen Sicherheit und versprechen den Erhalt des Friedens.

Die Geschichte lehrt uns, dass weder das eine noch das andere stimmt. Die Bündnisse haben uns immer wieder in Kriege geführt und tun dies auch weiterhin.

Dass sie der Grund für den Frieden in den Zwischenkriegszeiten gewesen sind, wird zwar behauptet, ist aber keineswegs sicher.

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4 Gedanken zu „Bündnisse

  1. alphachamber

    Hallo!
    Dieses Essay ist interessant und sehr gut geführt, es betrifft elementare Teile der Ethik und des Rechts. Deshalb erlaube ich mir eine Critique:
    Der Kern Ihrer Betrachtungen verlangt nach Zustimmung. Zunächst muss man verstehen, dass der Begriff des Bündnisses stets Gutes u n d Unheil in sich trägt, da ein Bündnis sich immer auch g e g e n eine Sache/Partei richtet und somit Konflikte vorprogrammiert. Ich denke, das haben Sie richtig gesehen. Bündnisse sind etwas Natürliches und finden sich im Tierreich zum Zweck des Überlebens. Der Mensch aber hat die Gabe durch solche Pakte „politisch“ zu handeln.
    Die Gründe zu den Vorkriegsbedingungen 1914 halte ich für redundant – je nach Standpunkt. Hatte England sich doch seit Beginn der Deutschen Nation dessen Untergang vorgenommen und es wurde zu einer Frage der Zeit. Was liesse sich tun? Sarkastisch: Ein Bündnis um Bündnisse zu verhindern!?
    Man kann nur hoffen, dass die größte Macht (z.B. USA) ihre ethischen Grundlagen weiterhin aus der Vernunft Lockes beziehen.

    Habe Ihr „Über mich“ gelesen. Interessant, wie Ihnen die Kant’sche Philosophie erscheint. Ich denke nicht, dass es einen „größten“ Philosophen über die Geschichte gibt, nur innerhalb seiner Zeit, von der jeder das Produkt ist. MMN hat Kant seiner zukünftigen Gesellschaft eher geschadet. Hätten seine Ideen in der neuen Welt Popularität erreicht, wäre Amerika wesentlich weniger erfolgreich gewesen. Was die „Monumentalität“ der Gedanken – im Vergleich zu dem Standard seiner Zeit – angeht, finde ich Thomas Hobbes wesentlich revolutionärer, „wertvoller“ und vorrausschauender als Kant.

    Sie haben einen der wenigen geistigen und interessanten Blogs gezimmert. Können Sie Ihren Background verraten; Theologe, Dozent?
    Nette Grüße

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Erst mal soviel, von Haus aus bin ich Theologe und Sozialwissenschaftler und beschäftige mich in Folge dessen natürlich auch mit dem Atheismus. Seit meiner Jugend interessiere ich mich für (linke) Politik, besonders für den Frieden. Spätestens 1999 mit dem Wiedereintritt der Rot/Günen Regierung in einen Angriffskrieg der NATO gegen Jugoslawien wurde ich genötigt die ganze Sache sehr viel differnzierter zu sehen. Ich bin nach wie vor auf der Suche und habe nach und nach meinen Glauben an scheinbar vernünftige Dinge mehr und mehr verloren und bin gerade dabei meinen Glauben, den ich aus meinem Elternhaus mitgebracht habe, wieder neu zu entdecken und zu schätzen. Besonders die Philosophie Hegels habe ich vor einigen Monaten erst für mich zur Kenntnis genommen. Es war Markus Gabriel, „der jüngste Philosoph Deutschlands“ der mich in seinem Buch „Warum es die Welt nicht gibt“ darauf aufmerksam gemacht hat. Er meinte in einem Nebensatz, das die Logik Hegels „wohl das beste philosophische Buch“ sei, dass jemals geschrieben worden ist. Ich habe mich darauf im Urlaub mit der „kleinen Logik“ in der Enzyklpädie der Wissenschaften beschäftigt und wurde nicht enttäuscht. An Kant schätze ich in erster Linie seinen Skeptizismus, seine Leidenschaft für die Kritik. Für mein derzeitiges Denken spielt er aber eine untergeordnete Rolle. Sein Bild ist nur deshalb auf meinem Blog, weil er so schön nachdenklich aussieht. Hegel war einfach nicht schön genug aber seine Gedanken finde ich faszinierend. Bei den englischen Philosophen kenne ich mich kaum aus. Ich habe meine persönliche Entwicklung von Kant zu Hegel mal für Rotkäpchen erklärt:

      Antwort
    2. hansarandt Autor

      Ich habe mal eben kurz bei Hobbes nachgeschaut und vieles gefunden, was ich gar nicht mag. Er leugnet den freien Willen, für mich eine Grundkonstante redlichen theologischen Denkens, der behauptet, dass der menschlichen Wahrnehmung keine gesicherten Erkenntnisse über eine Außenwelt möglich sind, eine Behauptung die sowohl der Hegelschen Philosophie widerspricht als auch dem gesunden Menschenverstand und auch dem „Neuen Realismus“, wie er von Markus Gabriel, Maurizio Ferraris und anderen zur Zeit zur Debatte gestellt wird. In der Ethik Hobbes scheint mir ein Sozialdarwinismus zu begegnen, der vom Prinzip des Kampfes aller gegen alle ausgeht. Da der Beobachter, wie Heisenberg zeigen konnte, auch das Beobachtete beeinflusst, ist zu befürchten, dass eine Theorie, die auf Kampfbegriffen aufbaut eben auch Kämpfe hervorbringt. Ich kann mich mit meiner Einschätzung von Hobbes total täuschen, weil ich wirklich nur mal eben bei Wikipedia vorbeigeschaut habe.
      Ich persönlich denke, es kommt darauf an, ob ich den Sinn des Lebens im Leben selbst sehen will, wie Goethe es einmal gesagt hat oder ob der Sinn des Lebens im Töten bestehen soll, wie man es den Wölfen böswilliger Weise nachsagt.
      Hier noch ein Auszug zum Thema Philosophie des Lebens oder Philosophie des Todes:
      Hegels Begriff der Vernunft hat immer einen Inhalt und schließt die Möglichkeit ein, sich selbst zu einer für das Gesamtsystem besseren Wirklichkeit hin zu entwickeln.
      Betrachtet man mit dieser Logik einen Organismus, dann kann man auch von der Notwendigkeit dieser Entwicklung sprechen, der genau diesen Organismus über sich ändernde Umweltbedingungen und Generationen hinweg am Leben erhält. Goethe, ein enger Freund und Bewunderer Hegel sagte zu Recht: Der Sinn des Lebens, ist das Leben selbst.
      Man kann natürlich auch mit einem englischen Philosophen, wie oben geschehen, sagen, der Sinn des Lebens sei der Tod.
      Wenn dem so wäre fragt man sich, warum sich dieser behauptete Sinn bisher nicht verwirklicht hat und wir alle noch leben und unzählige anderen Lebewesen auch?
      Ist es nicht vielmehr so, dass nur das Ganze, die besonderen Arten des Lebens am Leben erhält, wie Hegel vernünftiger Weise meinte? Dass wir alle aufeinander angewiesen sind und angewiesen bleiben und dass dieses Ganze auch den Tod und den Verzehr einzelner Lebewesen einschließt, worin die wenigsten Menschen ein moralisches Problem sehen, solange es die Form der Solidarität der Menschen untereinander nicht verletzt.
      Mir scheint es ist in der Tat schwierig zu sein, der Vernunft der Wirklichkeit, wie Hegel sie versteht, zu entkommen. Auch der Versuch seine Logik nur “vom Kopf auf die Füße zu stellen” geriet zu einem weltgeschichtlichen Desaster der Unvernunft.
      Nimmt man statt der Solidarität die Liebe, wie du ja auch vorgeschlagen hast, kommt man vernünftiger Weise sehr viel weiter. Nur, wer will heute an einer Universität in einem “wissenschaftlichen” Diskurs von Liebe sprechen, ohne sich dabei lächerlich zu machen?

      Antwort
  2. alphachamber

    Vielen Dank für Ihre offene und umfangreiche Antwort. Ich finde es wunderlich, dass Sie sich als Theologe nicht früher (oder eingehender) mit Philosophie beschäftigten (das ist keine Kritik!). Hobbes, wie alle Philosophen, muss man schon intensiver lesen. Dazu kommt, dass sie alle gewisse Wandlungen durchliefen und das erste Werk sich stark von den letzten unterscheiden. Letzlich, sollte man die Zeitperiode beachten und ihr vorherrschendes Denken. Hobbes hat sich mit Descartes einen umwerfenden Dialog geliefert. Den sollte man gelesen haben. (in englisch: https://archive.today/ZXSm)
    Hegel bewundere ich für seine Fähigkeiten, gedanklich ein ungeheuer großes und komplexes Themengebiet zusammenzusehen – er war der letzte große Systemphilosoph. Allerdings hat seine Mühe alles unter einen Hut zu bringen und einen Kreisschluß zu erreichern auch zu erheblichen rationalen Mängeln geführt. Diese hat niemand so trefflich verdeutlicht und bewiesen wie Engels in seinem kleinen Werk „Ludwig Feuerbach und der Ausgang der klassischen deutschen Philosophie“, 1888. (Ein literarischen 60-Seiten-Kleinod für ein paar Euros antiquarisch noch zu erhalten.) Auch die großen Philosophen waren den periodischen politischen und daraus gefühlsmäßigen Schwankungen unterworfen.
    „Gefährlich“ wird es bei den Interpretationen und Aufarbeitungen dieser großen Männer. Neuere Anschauungen lehne ich mit wenigen Ausnahmen ab, weil sie zu sehr ideológisch und politisch korrekt gefärbt sind. Werke vor 1950 (grob abgeteilt) erscheinen mir ungleich kompetenter. Z.B.: „Von Hegel zu Nietzsche“ von Karl Löwith und – was Ihnen sehr gefallen wird: „Die Wiederkunft des Dionysos“, von JHW Rosteutscher (1947), ein geniales Buch.
    Herzliche Grüße

    Antwort

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