Fetischismus für Anfänger

Der Fetischismus ist so alt wie die Religionsgeschichte.

Er beginnt mit der Fähigkeit des Menschen nicht nur seine Umwelt, sondern auch sich selbst zu beobachten. Es entwickelte sich das Bewusstsein und bald darauf das Selbstbewusstsein.

Als der Mensch in der Lage war, sich einen Standpunkt vorzustellen, von dem er sich selbst von außen beobachten konnte, erwachte in ihm der Wunsch diesen externen Ort irgendwie  anschaulich zu machen.

Er stellte sich ein Wesen vor, dass Bewusstsein haben musste und in der Lage war, ihn zu beobachten.

Da es in einer noch unterentwickelten Sprache kaum Möglichkeiten gab, Gegenstände zu benennen, die man weder sehen, hören noch anfassen konnte, erschuf der Mensch Gegenstände und Bilder, um dieses alter ego seines Selbstbewusstseins zu veranschaulichen.

Die Urformen sind das Totem und die damit verbundenen Tabus, die einer eigenen Untersuchung wert wären. Besser bekannt sind diese Gegenstände in der Kunstgeschichte und der Religionsgeschichte als Götterbilder.

Die Kultur der Höhlenmenschen und die Hochkulturen Ägyptens, Mesopotamiens und im alten Griechenland sind voll von diesen Götterfiguren.

Götterfiguren sind Verdinglichungen einer Vorstellung. Sie haben die Schwäche, dass sie einem von Menschen gemachten Gegenstand göttliche Eigenschaften zuschreiben und diesen Gegenstand an Gottes statt verehren.

Es ist bekannt unter dem Namen Fetischismus, der Mystifizierung und Vergöttlichung eines Dings, dem Fetisch. Das kann ein Totem, ein Amulett, oder ein Götterbild sein.

Als die Sprache so weit entwickelt war, dass man in ihr auch abstrakte Dinge ausdrücken konnte, ohne sie gegenständlich veranschaulichen zu müssen, kamen die althergebrachten Götterbilder unter Druck.

Die erste mir  bekannte Figur in der Religionsgeschichte, die dieses Problem in aller Klarheit gesehen hat, ist Abraham, eine Gestalt im Alten Testament.

Von ihm erzählt eine uralte Geschichte, die nicht in der Bibel zu finden ist, die folgende Begebenheit.

Terach, der Vater Abrahams, hatte einen Götzenladen.

Terach, so die Geschichte, musste eine Geschäftsreise unternehmen um neue Götterbilder für seine Kundschaft einzukaufen.

Er beauftragte seinen jugendlichen Sohn Abraham, während seiner Abwesenheit das Geschärt weiter zu führen.

Der erste Kunde war ein junger Mann. Als Abraham ihn fragte, warum er denn Götzen kaufen wolle, erwiderte dieser: „In der Nacht sind Diebe gekommen und haben alle meine Götzen gestohlen. Jetzt benötige ich neue um mein Haus zu schützen.“

Abraham fragte zurück: „Wenn deine Götzen dich vor den Einbrechern nicht schützen konnten, wozu brauchst du dann neue?“

Da erkannte der junge Mann, dass die Götzen ihm nicht wirklich helfen konnten und ging betrübt nach Hause.

Darauf kam eine alte Frau und brachte etwas zu Essen in den Laden. Abraham fragte, was er mit dem vielen Essen anfangen solle, weil doch sein Vater auf Reisen war.

Die Frau erklärte, dass es sich um Götterspeise handele, die sie für die vielen Götzen mitgebracht habe. Abraham bedankt sich bei dem freundlichen Mütterchen und schickte sie nach Hause.

Dann nahm er einen großen Holzknüppel und schlug damit all die vielen Tonfiguren im Götzenladen seines Vaters entzwei. Bis auf den größten Götzen, den ließ er stehen und legte ihm den Holzknüppel in die Hände.

Als sein Vater nach Hause kam, war er entsetzt, weil seine ganzen Götzen zerstört waren. Fassungslos fragte er seinen Sohn, was passiert war.

Abraham erzählte ihm folgende Geschichte: „Da kam ein altes Mütterchen in den Götterladen und brachte Götterspeise. Als sie gerade gegangen war, stürzten sich alle kleinen Götzen wie wild auf die Götterspeise. Das machte den großen Götzen so wütend, das er mit einen Holzknüppel auf sie eindrosch, bis alle zerstört waren. Siehst du, der große Götze hat den Knüppel noch in der Hand.“

Der Vater war außer sich und sagte zu seinem Sohn: „Erzähl mir keinen Blödsinn! Die Götzen sind aus Ton, ich habe sie zum Teil selbst hergestellt, die können gar nichts essen.“

Darauf sagte Abraham: „Siehst Du, du glaubst ja selbst nicht an die Macht der Götzen, wie kannst du sie dann verkaufen?“

Die Söhne Abrahams, die seine Religion annahmen, entwickelten aus diesem Glauben ihres Stammvaters die ersten beiden Gebote in der Bibel. Sie lauten sinngemäß:

Es gibt nur einen Gott und keine anderen Götter neben mir und das zweite Gebot, das verbietet, sich von Gott irgend ein Bild oder einen Gegenstand zu machen, ihn zu vergegenständlichen.

Die Vorschrift keinen anderen Göttern zu dienen wurde dahingehend verschärft, dass zunehmend außerdem bestritten wurde, dass es die anderen Götter überhaupt gibt. Sie seien lediglich eine Veranschaulichung des menschlichen Geistes und menschengemacht.

Bereits hier im Götzenladen von Terach begegnet uns die Behauptung, dass es die Menschen seien, die die Götter erfunden haben und nicht umgekehrt Gott es war, der die Welt und die Menschen erschaffen hat.

Fortan ist in der Bibel von Götzendienst die Rede, der unter allen Umständen bekämpft werden müsse, ein anderes Wort für Fetischismus, die religiöse Besetzung und Verehrung eines von Menschen gemachten Gegenstandes.

Das Christentum ist in gewisser Weise ein Rückfall hinter diese Religionsgeschichtliche Entwicklung. Der unausrottbare Drang der Menschen ihre Gottesvorstellungen zu verdinglichen wurde nicht aus der Religion verbannt, wie im Judentum, sondern in die Kirche zurückgeholt.

Gott durfte wieder veranschaulicht werden, und dazu gesellte sich die Heilige Mutter Maria und Christus als Kind und Gekreuzigter. Dem Geist Gottes wies man das Symbol eines Tieres, der Taube zu.

Dazu gesellten sich unzählige Heilige und der Götterhimmel und seine Verdinglichungen waren so zahlreich wie bei den alten Griechen im Pantheon.

Der Islam ist in gewisser Weise eine Wiederherstellung des alten Glaubens im Judentum. Mohammed ließ alle Götterbilder und Seitenaltäre in der Kaaba in Mekka verbrennen und nur ein verhülltes Symbol im Zentrum stehen. Das erinnert an das Allerheiligste im salomonischen Tempel.

Alle Bilder, wie im zweiten Gebot der Bibel, wurden verboten und allein die Schrift durfte in der Moschee ihren Platz haben.

Etwas ähnliches wiederholt sich im Bildersturm in der Reformationsgeschichte. In der streng reformiert Tradition ist die Bibel das einzig zugelassene Symbol im Gottesdienstraum, der auch nicht mehr Kirche genannt wird. Nicht einmal das Kreuz, das Zentralsymbol des Christentums, ist erlaubt. Das  gilt bei streng reformierten Gemeinden bis heute.

Das Judentum, das Christentum und der Islam leugnen zwar die Existenz aller jeweils anderen Götter nicht aber die Existenz ihres eigenen Gottes. Das hat auch Abraham, der Pate aller drei Weltreligionen, damals nicht gewagt.

Das sollte mit der Aufklärung anders werden. Descartes, ein frommer Mann, tat den ersten entscheidenden Schritt, als sagte: „Cogito ergo sum, ich denke, also bin ich.“

Er begann an allem zu zweifeln und nur eines schien ihm sicher zu sein, die Tatsache, dass er zweifelt, bzw. denkt.

Das ist das zweite Erwachen des Menschen, der sich seiner selbst bewusst wird, wie es uns schon in den Anfängen der Religionsgeschichte begegnet ist.

Dieses erneuerte Selbstbewusstesein des Menschen hat Kant mit den bekannten Worten, „der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit“ bezeichnet.

Heinrich Heine hat einmal gesagt, Kant sei für die Religion das gewesen, was der Sturm auf die Bastille in der Französischen Revolution für die Menschheit war.

Ludwig Feuerbach ging noch einen Schritt weiter, als er nicht nur wie Kant behauptete, dass man Gott nicht beweisen könne, sondern darüber hinaus, dass es Gott gar nicht wirklich gäbe, sondern lediglich eine Erfindung des menschlichen Geistes sei.

Im Grunde wiederholt er damit das, was Abraham auch schon gesagt hat. Der Unterschied ist nur, dass er anders als Abraham keine Ausnahme zulässt.

Konnte Abraham und in der Folge die drei auf ihn zurückgehenden Weltreligionen die Existenz wenigstens des eigenen Gottes noch vor dem Untergang retten, so war spätestens mit Ludwig Feuerbach auch dieses letze Refugium Gottes dahin.

Im neuen Weltbild nach der Aufklärung war für Gott kein Platz mehr.

Welche Konsequenzen das für Gott hatte, können wir nicht wissen, die Konsequenzen für den Menschen sind in ihrer Bedeutung kaum zu überschätzen.

Die neue Freiheit und Mündigkeit hatte ihren Preis. Was sollte nun an die Stelle Gottes treten?

Zunächst war es die Philosophie nach der Aufklärung selbst. Die Philosophen machten sich daran die Weltgeschichte zu schreiben.

Am folgenreichsten war der Versuch die neue Philosophie die den Atheismus zur Voraussetzung hatte, auf die gesellschaftliche Wirklichkeit zu übertragen.

Der Marxismus hat in dieser Tradition von Marx, Engels und Feuerbach Weltgeschichte geschrieben. Allerdings darf man die Schattenseite dieser Entwicklung nicht übersehen, der zig Millionen Menschenleben geopfert wurden.

Der Marxismus wiederholt nahezu alle Elemente der Religionsgeschichte von der Aufbahrung und Einbalsamierung des Religionsstifters in Ägypten oder Moskau bis zu einer voll entwickelten Heilsgeschichte, wie wir sie aus den apokalyptischen Büchern der Bibel kennen.

So heftig und gewaltförmig diese Bewegung auch war, sie hat kaum ein Jahrhundert überdauert, eine Randerscheinung in der Geschichte der großen Religionen.

Gerade Karl Marx, ein Sohn Abrahams, hat die „Verdinglichung“ und den „Warenfetischismus“ immer auf das heftigste kritisiert. Das hat aber seine Jünger nicht daran gehindert ihn seinerseits zu verdinglichen und einen Fetisch aus ihm zu machen, den sie verehren.

Selbst Angela Merkel musste noch bei ihrem Examen einen Besinnungsaufsatz über den großen Vorsitzenden und seine Lehre schreiben, der leider nicht erhalten geblieben wurde.

Betrachten wir die Geschichte auf der anderen Seite des Eisernen Vorhangs, müssen wir nach anderen Ersatzgöttern suchen.

Einer davon ist zweifellos Sigmund Freud. Er blies zum Generalangriff auf das menschliche Selbstbewusstsein, das eben gerade den Thron Gottes bestiegen hatte und beanspruchte die ganze Welt auch ohne Gott erklären zu können.

Freud hatte kein Problem mit Gott, der war für ihn erledigt. Er hatte ein Problem mit dem Ersatzgott, mit dem aufgeklärten Bewusstsein. Auch die Aufklärung war für ihn nicht das Problem wohl aber das Bewusstsein selbst.

Der Mensch sei nicht Herr in seinem eigenen Haus, und sein Bewusstsein sei nicht frei sondern werde gesteuert vom Unterbewusstsein, dass der Mensch selbst nicht beeinflussen könne.

Hatte man sich eben noch daran gewöhnt, dass man sich auf Gott nicht verlassen konnte, was auch schon den Kunden in Terachs Götzenladen aufgefallen war, so war die neue Botschaft nun, dass man sich auch auf sich selbst und seinen eigenen Geist nicht mehr verlassen konnte.

Es kam wie es kommen musste. Es gab nur einen Ausweg aus dieser Misere. Man musste nun Sigmund Freud zum Gott machen und das ist er auf gewisse Weise bis heute geblieben.

Anders als Gott in der traditionellen Vorstellung existieren die modernen Götter nicht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Im Gegenteil, ihre Verfallszeit ist kurz. Manche von ihnen verschwinden wieder im Strudel der Weltgeschichte kaum das sie gekommen waren.

Der Zweite Weltkrieg kam und ging vorüber und hinterließ die Menschen mit einer Menge ungelöster Fragen.

Nur ein neuer Gott konnte hier noch helfen.

Er erschien wie der Phönix aus der Asche in Paris im Mai 1968. Die neue Bewegung schrie vor allem nach der Gerechtigkeit Gottes. Alle Täter sollten bestraft werden und man wollte sie verfolgen wie der biblische Gott bis ins vierte Glied. Man verstand sich als Anwalt aller Opfer auf der Welt und so fühlen sich viele noch heute.

Der biblische Gott ist demgegenüber mit den Jahren sehr viel bescheidener geworden.

Auch die 68er Bewegung wurde und wird mystifiziert und glorifiziert und mit ihr die Wissenschaft der Soziologie.

Die Gesellschaft, so der neue Glaube, sei die Wurzel allen Übels und nur die Soziologie kann uns die Welt erklären. „Die Gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit“ wurde erfunden. Nun wurde Gott auch als Schöpfer entthront.

Man beschränkte sich nicht mehr darauf zu behaupten, Gott sei eine Erfindung der Menschen sondern behauptete dies nun auch von der Welt. Der Mensch, die Gesellschaft sei es, die die Wirklichkeit konstruiert.

Jedes Schulkind findet diesen Glauben absurd wohl wissend, dass es selbst noch vor wenigen Jahren so gedacht hat. Aus diesem Grund erklärt sich auch, dass sich dieser Glaube auch nicht dauerhaft durchsetzen konnte, es musste ein neuer Glaube, ein neuer Gott her.

Wenn weder Gott, noch das Bewusstsein, noch die Psychoanalyse und auch nicht die gesellschaftliche Konstruktion der Wirklichkeit die Welt erklären kann, was bleibt dann übrig?

Alle die oben genannten Kräfte und Bewegungen sind Manifestationen des (menschlichen) Geistes. Die Stunde war gekommen, es mal wieder mit der Materie zu versuchen.

Zwar war der Marxismus, der diesen Weg gegangen ist, gescheitert, aber vielleicht lag es ja daran, dass er immer noch zu stark der idealistischen Philosophie verhaftet war, und den Geist bislang nur unvollständig aus seinem System verbannt hatte.

Gesucht war eine Wissenschaft, die alle Aporien des Geistes vermeiden kann. Deshalb fiel die Wahl auf die empirische Wissenschaft, auf die Wissenschaft von der Natur.

Auf diese Wissenschaft wurden dann alle Attribute projiziert, für die man keine Projektionsfläche mehr hatte.

Sie sollte das absolut sichere Wissen bereitstellen, auf das sich jeder verlassen kann, sie allein hatte die Macht mittels ihrer Technik die Welt zu verändern und nur ihr war es zu verdanken, dass wir die Segnungen des Fortschritts genießen konnten. Kurz die Naturwissenschaft ist allwissend, allmächtig und allgütig.

Die meisten Naturwissenschaftler wissen natürlich, dass die empirische Wissenschaft alle diese genannten Eigenschaft nicht hat. Das hindert aber die Anhänger dieses neuen Glaubens  nicht daran, nun die Naturwissenschaften zu mystifizieren.

Sie verehren eine Wissenschaft, der sie allein gesicherte Erkenntnisse zutrauen und vergessen, dass die Wissenschaft nicht vom Himmel gefallen ist, sondern dass sie selbst gemacht haben.

Wenn man aber etwas verehrt, das man selber gemacht hat, und ihm eine quasi religiöse Bedeutung zuschreibt, dann handelt es sich um nichts anderes als um Fetischismus.

Vielleicht ergeht es den Vätern des modernen Fetischismus wo wie Terach. Eines Tages müssen sie erleben, wie einer ihrer Söhne so wie Abraham mit allen überkommenen Vorstellungen, die im Grunde immer die gleichen sind, gehörig aufräumt.

Doch was kommt danach? Sehr wahrscheinlich geht das Spiel dann vorne los und müssen zugeben:

Da stehe ich, ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor.

Und wieder werden wir ratlos vor der Frage stehen, was die Welt im Innersten zusammenhält.

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2 Gedanken zu „Fetischismus für Anfänger

  1. hansarandt Autor

    Hier ein Kommentar zum Text von Prof. Gert Hartmann:
    Gert Hartmann

    Zu Ihrem Text Fetischismus für Anfänger
    Ihr Text hat mich spontan angesprochen. Ich habe ihn interessiert gelesen, weil ich in Ihren Beobachtungen und Gedanken einen wichtigen Beitrag zum Verständnis der Kulturgeschichte und zur Auseinandersetzung mit dem Wahrheitsanspruch der empirischen Wissenschaften sehe.
    Der Text bereitet mir aber auch Schwierigkeiten. Im Detail finde ich viele Beobachtungen und Schlussfolgerungen treffend. Nicht ganz deutlich wird mir Ihre Intention.
    Deshalb versuche ich zuerst einmal, Ihre Beobachtungen und Kommentare in eigenen Worten zusam-menzufassen – mit der Frage, ob ich Sie richtig verstanden habe:
    An der Kulturgeschichte von Anfang bis heute lässt sich das schier unwiderstehliche Bedürfnis der Menschen beobachten, sich das Unverfügbare verfügbar zu machen.
    Solange die mythische Betrachtung und Deutung der Welt selbstverständlich waren, geschah dies durch Götterbilder oder verwandte Dinge (Amulette, Reliquien usw.), denen man magische Wirkung zutraute.
    Irgendwann (im kleinasiatischen und europäischen Raum auffällig ab 450 vor Chris-tus) ließen andere Betrachtungsweisen (Philosophie, Physik) und ihnen entsprechende Techniken die Wahrheit der alten Praktiken bezweifeln und bestreiten (Die Legende von Abraham im Götzenladen seines Vaters ist dafür ein frühes und anschauliches Beispiel). Später folgten weitere Deutungsmuster (Psychologie, Soziologie usw.).
    Entgegen dem Wahrheitsanspruch des jeweils neuen Zuganges änderte sich aber im Grunde nichts. Durch ihren Absolutheitsanspruch und den dadurch beförderten Machbarkeitswahn, nicht selten auch Heiligenkult, nahmen diese ‚aufgeklärten‘ Theorien und Praktiken den Charakter von Götzendienst an, teilweise mit fatalen Folgen (u.a. Verzerrte Wahrnehmung der Realität, Machtkämpfe).
    Vorausgesetzt, dass ich Sie richtig verstanden habe, stimme ich dem zu.
    Dazu nun einige Einfälle und ein paar Fragen. (Bei letzteren bin ich nicht sicher, ob sie sich alle schlüssig beantworten lassen.)
    • Man kann die Sache auch umdrehen: Nicht nur die Menschen können es nicht lassen zu versuchen, sich das Unverfügbare verfügbar zu machen. Sondern das, was „die Welt im Innersten zusammen-hält“, lässt sich nicht in die Karten gucken und lässt diese Versuche (amüsiert oder zornig?) ins Leere laufen. – Hatten auch Sie es mit Ihrem letzten Satz so ähnlich im Sinn?

    • Handelt es sich bei dem Phänomen des sich immerzu variierenden ‚Götzendienstes‘ um eine (häufige) Randerscheinung der Kulturgeschichte? Oder um ein prägendes Merkmal, das sich in vielen Variationen manifestiert?

    • Sollte Letzteres der Fall sein, könnte es eigentlich ja nur jemand durchschauen, der die Geschichte von außen betrachtet. Einen Beobachtungspunkt außerhalb der Geschichte gibt es aber wohl nicht. Oder etwa doch eine besondere Erleuchtung, die sehen lässt, wo andere blind sind? Oder sind Sie und ich auch in dieses Spiel verwickelt – gegebenenfalls vermutlich genau da, wo wir es am wenigs-ten vermuten?

    • Dass die modernen Wissenschaften auch eine Tendenz zum ‚Götzendienst‘ erkennen lassen, diskreditiert ja nicht von vorn herein deren einzelne Beobachtungen und theoretischen Schussfolgerungen. Diskreditieren dagegen religiöse Formen von Fetischismus die Religion als solche? – Bei Ihnen klingt es nicht immer so, aber manchmal: Z.B. wenn Sie zu Beginn (die Sache psychologisch deutend) beschreiben, wie religiöses Bewusstsein sich zuerst in der Herstellung von Gegenständen (z.B. Bildern) äußerte, also mit Fetischen. Ebenso, wenn Sie später andeuten, Feuerbach habe Abrahams Götzenkritik nur konsequent weitergeführt. Er habe getan, was Abraham habe noch nicht gewagt habe, nämlich auch den eigenen Gott als Götzen zu entlarven. – Es könnte aber auch umgekehrt sein: (Der legendäre) Abraham hat es gewagt, die Götterbilder seines Onkels lächerlich zu machen, weil er den Unverfügbaren Gott auf seiner Seite wusste. Das wäre dann nicht grundsätzliche Religionskritik, sondern religiöse Kritik von Götzendienst.
    Mit meinem letzten Absatz deute ich an, inwiefern mir Ihre Intention nicht deutlich ist. Und es wäre mir nicht verwunderlich, wenn Sie selbst da schwankend sein sollten. Denn wir sind ja durch beide kulturgeschichtlichen Traditionen beeinflusst:
    Einerseits: Es gibt seit der Antike philosophische Denker und empirisch Beobachtende, die Religion, also den Verkehr mit Gott oder Göttern generell, in enger Verwandtschaft mit Fetischismus und magischen Praktiken sehen, und die hoffen, den ganzen Spuk durch Aufklärung loswerden zu können. – Wie Sie mit Recht zeigen, finden sich aber auch bei diesen Kritikern pseudoreligiöse und fetischistische – und dennoch werden auch wir den bangen Verdacht nicht los, diese ‚Aufklärer‘ könnten am Ende doch Recht haben.
    Andererseits: Es gab in der Antike (und gibt bis heute) Äußerungsformen religiösen Glaubens, die den Charakter von Fetischismus haben. Aber darin ging Religion ja nicht auf. Wir wissen wenig davon, was die Menschen in der Steinzeit im Umgang mit ihren Bildern und Gegenständen empfunden und beabsichtigt haben. Möglicherweise war es vielfältiger als das, was wir heute ‚Fetischismus‘ nennen. In den antiken Hochkulturen gab es jedenfalls rituelle Formen von Anbetung, von Gottesfurcht und Gottvertrauen von Mystik und ethischer Verpflichtung, denen man mit der Klassifizierung als ‚Fetischismus‘ Unrecht täte.
    Die alttestamentlichen Propheten haben zwar oft als ‚Götzendienst‘ gebrandmarkt, was schlicht Vereh-rung ‚fremder‘ Götter war. Sie haben sich aber auch gegen fetischistische Formen von Religion gewandt im Namen des Gottes, von dem sie wussten, dass er nicht gegenständlich fassbar und nicht manipulierbar war – und von dem sie doch nicht anders reden konnten als in Bildern.
    Nebenbei: Ich weiß nicht, woher und aus welcher Zeit die hübsche Legende von Abraham im Götzenladen stammt. Der Spott gegen die handgemachten Götter erinnert mich an ähnliche Äußerungen des Deuterojesaja (also etwa 500 v. Chr.). Natürlich kann die Legende viel jünger sein. Älter wohl kaum.
    Die Grundfrage scheint mir zu sein: Welche Kritik ist radikaler und kommt der Wahrheit näher:
    • Die philosophische oder empirisch wissenschaftliche Religionskritik?
    • Oder ein Gottesglaube, der hilft, klassische und moderne Formen von Götzendienst zu durchschauen und der Versuchung zu widerstehen, das Unverfügbare verfügbar zu machen?

    Die Frage an uns Theologen heißt dann: Lässt sich von Gott so reden, dass dabei unmissverständlich und ohne weitere Erläuterung klar ist, wen oder was wir meinen? Nämlich eine Größe, die unverfügbar und zugleich verlässlich ist. Und lässt sich ein realistisches Gottvertrauen beschreiben und praktizieren? Es dürfte nicht nur vage sein ohne konkrete Vorstellungen, und es müsste zugleich frei sein von magischen Elementen.
    Diesem Paradox gerecht zu werden ist schwierig. Und es ist doch notwendig, wenn wir nicht nur den ‚Fetischismus‘ der diversen Religionskritiker aufdecken, sondern ihm Eigenes entgegensetzen wollen.

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Ich fühle mich in Ihrer Darstellung meiner Gedanken richtig verstanden.
      Zu Ihrer Hauptfrage: Was ist meine Intention?
      Zum einen ist es ein Versuch die zweifellos starke Religionskritik, die in Vielem plausibel ist, einzuholen.
      Ich versuche zu zeigen, dass auch in den „aufgeklärten Geistern“ dieselben Mechanismen wirksam sind, die wir schon in der Religionsgeschichte treffend beschrieben finden. Damit will ich implizit zeigen, dass die Religionskritik sich über etwas zu erheben versucht, aber gleichzeitig selbst den Regeln unterliegt, die sie überwunden zu haben glaubt. Insofern habe ich ein apologetisches Interesse.

      Noch stärker denke ich aber in die Richtung, die sie in ihrem Kommentar angedeutet haben:
      “ … ein Gottesglaube, der hilft, klassische und moderne Formen von Götzendienst zu durchschauen und der Versuchung zu widerstehen, das Unverfügbare verfügbar zu machen.“

      An einer anderen Stelle sprechen sie von einer „religiösen Kritik“ an der Wirklichkeit.
      Das ist genau das, was mir vorschwebt. Ich bedauere sehr, dass in unserer Kirche zwar sehr stark die Frage bedacht wird, wie wir unseren Glauben der modernen Wirklichkeit so anpassen können, dass er verstanden wird, was ja an sich kein verkehrter Gedanke ist. Der Gedanke aber, dass umgekehrt der moderne Zeitgeist von unserem Glauben und von unserer Tradition her, kritisiert werden kann und kritisiert werden sollte, ist in den letzten Jahrzehnten nur selten in Erscheinung getreten.

      Antwort

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