Glaube und Wissen im Hintergrund

Früher waren die Priester die Oberkaste, die das Weltwissen verwalteten. Im Iran und in Indien sind sie es bis heute.

Sie waren die wissenden Ratgeber des Königs, sozusagen der wissenschaftliche Beirat des Bundestages, der durch den Grafen zu Guttenberg bekannt geworden ist.

Symbolisch manifestierte sich das im Jerusalemer Tempel. Nur der Priester durfte das Allerheiligste betreten, das Volk musste im Vorhof des Tempels bleiben. Nur Mose durfte direkt mit Gott sprechen, das Volk war derweil auf Abwegen.

Heute wird der Unterschied zwischen Wissenden und Glaubenden symbolisch in der Eucharistie dargestellt. Nur der Priester hat den vollen Zugang zu beiden Elementen des Abendmahls, die Gläubigen haben an der Eucharisite nur zum Teil teil.

Traditionell bestand der Gegensatz zwischen Glauben und Wissen lediglich darin, dass nicht alle zum Wissen den vollen Zugang hatten sondern dass dieser Zugang den Priestern vorbehalten blieb.

Im Grunde ist das Priestertum die erste Geheimloge der Weltgeschichte. Gut belegt ist diese Beobachtung auch in den Mysterienkulten der Antike, die sich über die Geheimhaltung des Wissens in ausdifferenzierten Hierarchien definierten.

Das Wissen wurde später vor allem in Klöstern gepflegt. Hier sammelte man die Weisheit der Welt, hier wurden die Schriften des Aristoteles, der wahrscheinlich der erste systematische Naturwissenschaftler  der Weltgeschichte war, ins Lateinische übersetzt.

Francis Bacon, ein Mönch, erfand im Kloster die Theorie der empirischen Überprüfung einer Theorie durch das Experiment.

Die Theologie galt neben der Metaphysik als die Krone der Wissenschaft.

Die wissenschaftliche Methode war die Deduktion. Induktive Schlüsse waren aus nachvollziehbaren Gründen in der Logik nicht erlaubt.

Auch heute noch kann man nicht ohne Weiteres von einem einzelnen Ereignis auf etwas Allgemeines schließen.

Die Vernunft und das Wissen, wie sie in der Antike verstanden wurden, waren selbstverständlicher Bestandteil der katholischen Lehre und Praxis.

Papst Benedikt XVI. hat in einer bemerkenswerten Rede vor dem Deutschen Bundestag 2011 ungefähr folgendes gesagt:

Die Lehre der Katholischen Kirche ruht auf drei Säulen: Der Natur, der Vernunft und auf der Heiligen Schrift.

Er machte deutlich, dass der Katholizismus keine reine Buchreligion sei, wie der Islam und wie es auch in der Reformierten Tradition des Protestantismus verstanden wird.

Gott ist auch in der Natur erkennbar. Goethe und Spinoza, von dessen Philosophie Goethe ausging, machten das zur Voraussetzung ihres Denkens, sie waren Pantheisten.

Werner Heisenberg, einer der Väter der Quantenphysik sah das ähnlich, als er sagte:

„Wer aus dem Becher der Naturwissenschaft zu trinken beginnt, wird zum Atheisten. Er entdeckt aber später auf dem Grunde des Bechers Gott.“

Als zweite Erkenntnisquelle nennt Papst Benedikt die Vernunft. Die katholische Kirche hat immer versucht die Religion als vernünftig zu erweisen.

Am berühmtesten sind die Gottesbeweise des Thomas von Aquin. Mache behaupten, dass einer seiner Beweise bis heute nicht widerlegt sei. Sicher kann man da verschiedener Ansicht sein.

Wie anderen Substanzen in der Natur wurden auch Gott durch die damalige Wissenschaft Akzidenzien zugeschrieben. Die wichtigsten Eigenschaften Gottes, sind seine Allmacht, seine Gerechtigkeit und seine Güte.

Leider sind diese drei Eigenschaften Gottes so wenig in Einklang zu bringen, wie der Welle/Teilchen Dualismus des Lichtes.

Die Widersprüche zwischen der Vorstellung, Gott sei gleichzeitig allmächtig, gerecht und allgütig, sind unübersehbar. Man nennt diese Widersprüche auch das Theodizeeproblem.

Wie kann Gott das zulassen? Warum ist er so ungerecht? Hat Gott am Ende gar nicht die Macht dem Bösen zu wehren und wenn doch, warum tut er es dann nicht? Auf all diese Fragen gibt es bis heute keine wirklich befriedigende Antwort.

Im Grunde geht es schon im Buch Hiob um diese Fragen. Es scheint zwar so als ginge es um die Frage nach der Glaubensstärke Hiobs, aber im Grunde geht es um die Gerechtigkeit oder Ungerechtigkeit Gottes.

Es gibt eine sehr interessante Interpretation dieses Buches von dem amerikanischen Literaturwissenschaftler Jack Miles, der behauptet, dass in der Hebräischen Bibel, die er als Roman versteht, Gott nach der Auseinandersetzung mit Hiob fortan geschwiegen habe.

Das Schweigen Gottes ist eine Möglichkeit, das Theodizeeproblem zu lösen. Im Grunde genommen ist das die Theorie, die viel später als „Deismus“ bekannt wurde und in der Regel das Denkmodell der ersten Aufklärer war.

Nach dieser Theorie, hat Gott sich nach der Erschaffung der Welt zurückgezogen und die Welt uns, den Menschen überlassen.

Er macht von seiner Macht einfach keinen Gebrauch mehr. Der Deismus ist die Theorie der freiwilligen Selbstbeschränkung Gottes.

Descartes der Vater der Aufklärung und selbst Deist, ging einen Schritt weiter. Er zog grundsätzlich alles in Zweifel und begründete das neue Weltverständnis mit seinem berühmten cogito ergo sum, ich denke, also bin ich.

Der Mensch kann nichts sicher wissen, nichts über seine Umwelt und nichts über Gott außer der Tatsache, dass er zweifelt.

Das zentrale „sum, ich bin“ ist wohlbekannt. Es ist der Name Gottes im Alten Testament. Das sog. Tetragramm, die vier Buchstaben des Gottesnamens JHWH bedeuten nichts anderes als: „Ich bin“

Nun kommt aber nicht mehr Gott diese fundamentale Eigenschaft zu, sondern dem Menschen. Der Psychologe würde heute sagen, die Menschen haben die Erkenntnis, die Descartes hatte, auf Gott projiziert und sie haben damit in gewisser Weise Recht.

Es kam, wie es kommen musste. Auch der Deismus hatte als plausible Rechtfertigungstheorie Gottes ausgedient. Ein neues Paradigma musste gefunden werden.

Hier tritt Immanuel Kant, der Vollender der Aufklärung auf den Plan. Heinrich Heine hat einmal versucht, den Franzosen die Bedeutung Kants zu erklären.

Er sagte, Kant habe die Grundfesten der Religion genauso zum Einsturz gebracht, wie der Sturm auf die Bastille in der Französischen Revolution den Niedergang der Monarchie bedeutet hat.

Kant hat Gott unwiederbringlich und endgültig vom Thron gestürzt. Das ist sein Verdienst, wenn man das so bezeichnen will.

Ähnlich, wie schon im Alten Testament behauptet wurde, dass es die anderen Götter gar nicht wirklich gibt, wurde dieser Gedanke nun auf den Gott des Christentums selbst übertragen.

Ludwig Feuerbach erklärte Gott zu einer Projektion des Menschen, was auch eine Wiederholung der Kritik am Götzendienst war, wie sie uns im Alten Testament begegnet.

Friedrich Nietzsche hat diesen Gedanken in die berühmten Worte, „Gott ist tot“, gefasst.

Nun kann man aber nicht umhin, nach dem Sturm auf die Bastille, etwas anderes an ihre Stelle zu setzen.

Das war zunächst die Terror Herrschaft des Robbespiere und in der Folge der Russlandfeldzug Napoleons, den Goethe zeitweise für den reitenden „Weltgeist“ gehalten hat. (1)

Ein ähnliche Lage ergab sich, nachdem Kant in seiner Kritik der reinen Vernunft Gott vom Thron der Geistes- und Weltgeschichte geholt hatte.

Etwas anderes musste an die Stelle Gottes treten.

Zunächst war es die Philosophie der Aufklärung in Gestalt des Denkenden Individuums selbst, die den entstandenen Hohlraum füllte.

Die Philosophie und die Wissenschaft begannen sich selbst als Lehrgebäude, in denen Gott nicht vorkommt, zu begreifen.

Hier fällt zum ersten Mal das Wissen und die Religion auseinander.

War es früher, der Priester, der das Wissen hütete, es bisweilen geheim hielt und die Glaubenden teilweise daran teilhaben ließ, war diese Funktion nun auf den Wissenschaftler übergegangen, der als Wissenschaftler keine Beziehung zu Gott pflegen sollte und durfte.

An dieser Stelle entwickelt sich zum ersten Mal die Anschauung, dass Wissen und Glauben zwei grundsätzlich verschiedene Dinge sind, bez. sein sollen. Diese Auffassung resultiert aus der Vertreibung Gottes aus der Wissenschft.

Der deutsche Idealismus und besonders Hegel haben dieser Auffassung zum Teil heftig widersprochen. Für Hegel waren die Gedanken, die er in seiner Logik entwickelt hatte, nach seinem eigenen Dafürhalten  „die Gedanken Gottes, bevor er die Welt erschaffen hat“. Hegel war der letzte große Philosoph, sieht man von Josef Ratzinger ab, der das Wissen und den Glauben noch zusammen denken konnte. Darin ist sein Freund Goethe ihm gefolgt.

Wenn ein König vom Thron gestürzt wird, ist der Thron zwar vorübergehend leer, die Funktionen, die an der Institution des Thrones hingen, bleiben aber erhalten.

Nach dem der alte Machthaber gestürzt ist muss ein neuer Machthaber den Thron besteigen. Da auf keinem Thron der Welt ein ganzes Volk Platz hat kommt man nicht umhin zu differenzieren.

Auch die neuen Machthaber werden ihre Macht ausüben müssen, wenn sie den Thron für sich erhalten wollen.

An den Thron Gottes sind außerordentliche Funktionen gekoppelt, die die Funktionen eines gewöhnlichen Thrones übersteigen.

Erwartet man von einem guten König, dass er mächtig, weise, gütig und gerecht ist, so erwartet man von Gott darüber hinaus auch, dass er allmächtig, allgütig, allwissend, und gerecht ist.

Da es im neuen Paradigma ein göttliches Wissen mehr gibt, kann allein die Wissenschaft verbürgen, ob etwas wahr ist oder nicht. Sie ist somit von ihrem universalen Anspruch her, die einzige Instanz gesicherten Wissens zu sein, im Prinzip allwissend.

Alles was man sicher wissen kann, ist durch die Wissenschaft überprüftes Wissen und umgekehrt fällt alles, was man wissenschaftlich nicht überprüfen kann, in den Bereich der Meinung, des Glaubens und der vagen Vermutung.

Mit der Fähigkeit alles, was man wissen kann, zu wissen ist untrennbar die Macht verbunden, die ganz selbstverständlich aus dem überlegenen Wissen hervorgeht. Hier gilt die bekannte Gleichung Wissen ist Macht.

Insofern vertritt die Wissenschaft zum Teil auch die Funktion der Allmächtigkeit Gottes in ihrem sichtbaren Symbol der Atombombe.

In der Frage nach der Gerechtigkeit Gottes verhält sich die Naturwissenschaft analog zu den Deisten der Aufklärung. Wenn die Atombombe erst einmal erschaffen ist, so wie Gott damals die Welt erschuf, liegt es nicht mehr in der Verantwortung der Wissenschaftler, auf wen auch immer und warum die die Bombe dann auch abgeworfen wird.

In dieser Frage hat sich die Wissenschaft eine freiwillige Selbstbeschränkung auferlegt.

Anders ist es mit der Güte Gottes. Hier sieht sich die Wissenschaft durchaus in der Lage, die Funktion Gottes zu erfüllen, indem sie auf die Segnungen der modernen Technik hinweist, die ohne die Naturwissenschaft nicht möglich gewesen wären.

Wäre die Wissenschaft nur angewandte Wissenschaft im Sinne von Technologieentwicklung, könnte man ihr nur den Vorwurf machen, sie sei mit Schuld an den Opfern der Weltkriege, was aber mit dem deistischen Argument relativ leicht entkräftet werden kann.

Niemand will auf die Annehmlichkeiten der Technik verzichten nur weil man mit der gleichen Technik auch Unheil stiften kann.

Problematischer wird es, wenn eine sich fundamental und theoretisch verstehende Wissenschaftsrichtung die anderen Funktionen Gottes ausfüllen will, indem sie alles Wissen für sich beansprucht und sich selbst als die treibende Macht der Veränderung begreift.

Es ist aber gar nicht so sehr die Wissenschaft, der man Fehlentwicklungen vorwerfen kann, sondern es sind vielmehr die Menschen, die sich nach den verlorenen gegangenen Funktionen der Herrschaft Gottes sehnen und sie irgendwo anders zu finden hoffen.

Die Rolle der Priester, die den Menschen die Welt erklären und die über geheime Information verfügen, deren Quellen sie nicht preisgeben wollen, sind die Journalisten.

Auf einen Politschauspieler im Welttheater kommen bisweilen hunderte von Journalisten, Redakteure, Nachrichtensprecherinnen und Kommentatoren.

Im modernen Welttheater spielen die Politiker die Rolle des Königs und die Medien die Rolle der Priester, die Geheimnisse hüten oder ausplaudern und den Gläubigen erklären, wie sie die Welt verstehen sollen. Die Regisseure im Welttheater wollen in der Regel lieber ungenannt bleiben.

Wir sehen, die Dialektik zwischen Glauben und Wissen ist sehr viel komplexer, als wir das für gewöhnlich wahrnehmen. Je mehr man  über diese Zusammenhänge weiß, desto unklarer werden die Trennlinien zwischen beiden.

Das erinnert mich stark an die berühmte Unschärferelation von Werner Heisenberg. Wenn man das eine klar sieht, verschwimmt das andere und umgekehrt. Jede Kamera kennt genau dieses Phänomen, entweder ist der Vordergrund scharf oder der Hintergrund. Je schärfer ich den Vordergrund fokussiere, desto unschärfer wird der Hintergrund.

Anmerkung 1:

Die anfängliche Begeisterung Goethes hat schwer gelitten, nachdem er persönlich in Frankfurt und Weimar die Bekanntschaft mit den Soldaten der Revolution machen musste. Es soll sich dabei um traumatische Erlebnisse gehandelt haben, die er niemals im Detail schildern wollte und geschildert hat. Diese Erfahrung hat ihn dazu bewogen, seine nicht standesgemäße Geliebte zu heiraten, weil er ihr zu großem Dank verpflichtet war.

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