Die Kuh in der Nordsee

Der Französische Philosoph Jocelyn Benoist wirbt in dem von Markus Gabriel herausgegebenen Sammelband für einen Realismus ohne Metaphysik.

Er veranschaulicht seine Thesen an zwei Beispielen für wahre Aussagen:

  1. Die Nordsee hat eine Flächenausdehnung von 575.000 km² .
  2. Eine lebendige Kuh auf der Weide unterscheidet sich von einer ausgestopften Kuh im Museum, auch wenn sie beide in der selben Haut stecken.

Es ist zwar von unserer Zuschreibung abhängig, welches Seegebiet wir als Nordsee bezeichnen. Zu anderen Zeiten hatte die Nordsee andere Namen und eine andere Ausdehnung. Es ist aber unbestreitbar, dass das wie auch immer bezeichnete Meer etwas ist, was unserer Bezeichnung vorausgeht.

Aristoteles hat diesen Umstand einmal so ausgedrückt:

„Nicht darum, dass unser Urteil, du seiest weiß, wahr ist, bist weiß, sondern darum, weil du weiß bist, sagen wir die Wahrheit, indem wir dies behaupten.“

Mir fällt dazu noch ein: Es ist nicht deshalb wahr, weil Jesus es gesagt hat, sondern Jesus hat es gesagt, weil es wahr ist.

Die Sache selbst ist im Bezug auf das von ihr ausgesagte transzendent, d. h. sie übersteigt die Aussagen über sie und stellt das Prüfkriterium für die Wahrheit einer Aussage über sie dar.

Benoist bezeichnet das als den traditionellen Wahrheitsbegriff. Er besteht darin eine Sache so zu bezeichnen, wie sie ist, was voraussetzt, dass diese Sache etwas ist. Er nennt es die ontologische Verwurzelung der Wahrheit.

Des weiteren nimmt er  auf den Mathematiker Gottlob Frege Bezug, der in den „Grundlagen der Arithmetik“ nicht nur für die Wirklichkeit diesen transzendenten Status einfordert sondern auch für ideale Konstruktionen des menschlichen Geistes. „Schließlich ist die Zahl nichts Wirkliches, aber doch etwas Ideales, objektives.“

Benoist: „Dieser Standpunkt, nach dem Idealitäten in Bezug auf das Denken genauso so transzendent sind wie Dinge und deshalb auch wie Dinge behandelt werden sollen –  als ob man ihrer Transzendenz nur gerecht würde, indem man sie wie Dinge behandelt -, entspricht dem, was man gewöhnlich Platonismus nennt.“

Auch für die Nordsee gilt dieser Status des Idealen. Ist sie doch eine auf Konventionen beruhende Zuschreibung, die auch anders hätte ausfallen können und anders ausgefallen ist.

Teilt man aber zu einem gegebenen Zweitpunkt die Konvention, dann ist der Satz, Die Nordsee hat eine Flächenausdehnung von 575.000 km² , objektiv wahr und nicht meiner subjektiven Beliebigkeit unterworfen.

Benoist folgert:

„Damit wird die Realität sogar im Sinne einer natürlichen Realität, zum Paradigma des transzendenten Status der Bedeutung, ihrer Unabhängigkeit im Bezug auf das Denken.

Realist zu sein heißt damit, zu denken, dass sich der Gedanke auf etwas bezieht, was ihn ontologisch übersteigt und was unabhängig von ihm existiert.“

Die Kontextualität der Wahrheit veranschaulicht er an einer Kuh, die einmal lebendig auf der Weide steht, und wenig später ausgestopft in einem Museum.

Auch wenn es sich um die gleiche Kuh handelt, wird der Bauer, wenn sie ausgestopft auf seiner Weide steht, sie nicht zu seinem Viehbestand zählen. Aus seiner Sicht steht da keine Kuh auf seiner Weide.

Im Museum repräsentiert die ausgestopfte Kuh neben anderen Tierpräparaten durchaus ein Exemplar ihrer Gattung.

Auch wenn in den verschiedenen Kontexten die gleiche Kuh einmal als existent und einmal als nichtexistent angesehen wird, ist doch trotzdem im jeweiligen Kontext der Satz, da steht eine (ausgestopfte) Kuh auf der Weide, aus Sicht das Bauers objektiv falsch, genauso wie die Aussage im Kontext des Museums objektiv richtig ist.

Auch in verschiedenen Kontexten behält die Wirklichkeit ihre Zwingkraft gegenüber dem Denken und drückt sich darin aus, dass man diese Wirklichkeit in einem bestimmten Kontext auf eine bestimmte Weise bestimmen muss – und nicht auf eine andere.

Das knüpft an den Negativen Realismus, wie er von Umberto Eco im gleichen Band vertreten wird an, der behauptet, es gibt zwar viele verschiedene Möglichkeiten ein Ding in verschiedenen Kontexten richtig zu beschreiben aber es gibt auch eindeutig falsche Beschreibungen, die dem Ding nicht adäquat sind.

Auch er hält den ontologischen Vorrang des Dings vor der epistemologischen Erkenntnis des Dinges fest. Die Wirklichkeit geht der Wahrheit voraus. Weder die Wahrheit noch die Wirklichkeit lassen sich auf das menschliche Denken und die Erkenntnis reduzieren.

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Ein Gedanke zu „Die Kuh in der Nordsee

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