Rund um die Sonne und das Paradies

Um die Sonne ranken sich eine Vielzahl von Legenden und wissenschaftlichen Theorien, die es wert sind, näher betrachtet zu werden.

Die Sonne, so war die allgemeine Meinung, geht im Osten auf und im Westen wieder unter. In der Zwischenzeit bewegt sie sich um die Erde. Das war die theoretische Schlussfolgerung, die man aus der Beobachtung der Sonne zog.

An der Beobachtung selbst hat sich bis heute nichts geändert. In unserer Umgangssprache geht die Sonne nach wie vor im Osten auf und im Westen unter. Wer wollte angesichts eines liebenden Pärchens am Südsehstrand davon sprechen, dass sich die Erde am Abend just in dem Moment in Richtung Osten weggedreht hat, als er seiner Angebeteten einen Heiratsantrag machte.

Eine der bis heute bekanntesten Legenden rund um die Sonne, ist die in jeder Tageszeitung ständig wiederholte Behauptung, die Menschen im Mittelalter, hätten geglaubt, die Erde sei eine Scheibe.

Schon die alten Griechen gingen davon aus, das die Erde eine Kugel ist und das hat sich auch später nicht geändert. Die Mär von dem platten Weltbild im Mittelalter ist eine Erfindung des neunzehnten Jahrhunderts, um die Neuzeit gegenüber dem „finsteren“ Mittelalter in einem umso helleren Licht erscheinen zu lassen. Wer das nicht glauben will, mag sich bei der Firma Google und Wikipedia danach erkundigen.

Richtig ist, dass man bis zur kopernikanischen Wende in der Neuzeit davon ausging, das die Erde der Mittelpunkt im  damals bekannten Universum sei.

Mittlerweile ist auch die Vorstellung die Sonne ruhe in der Mitte unseres Planetensystems durch die Relativitätstheorie überholt. Ihr zu Folge gibt es nur relative Bewegungen zueinander. Ruhende Fixpunkte sind in dieser Theorie ausgeschlossen.

Eigentlich dürfte man heute auch nicht mehr wissenschaftlich korrekt davon sprechen, dass sich die Erde am Abend in Richtung Osten von der Sonne wegdreht, weil diese Vorstellung fälschlicher Weise von einer ruhenden Sonne ausgeht.

Nun verhalten sich wissenschaftliche Theorien nicht in der Ausschließlichkeit zueinander, wie das gerne postuliert wird. Es ist nicht so, wie Karl Popper meinte, das eine Theorie durch Falsifikation gänzlich abgeschafft wird und an ihre Stelle eine gänzlich neue träte.

Alle drei genannten Theorien, die geozentrische, die heliozentrische und die relativistische bestehen nebeneinander weiter.

Die Sonne geht nach wie vor im Osten auf, obwohl sie sich im heliozentrischen Weltbild gar nicht bewegt und sich im relativistischen Weltbild auch nicht in Ruhe befindet.

Was lernen wir daraus?

Wir lernen daraus, dass der Text nur im Kontext einen Sinn macht, eine Einsicht, für die unter anderem Ludwig Wittgenstein steht.

Eine der Sonne analoge Entwicklung hat die Philosophie durchlaufen.

Als das geozentrische und das christliche Weltbild zusammen gebrochen waren, war man auf der Suche nach neuen Gewissheiten.

Wenn nicht mehr Gott als der letzte Urgrund, der unbewegte Beweger, wie Aristoteles meinte, angesehen werden konnte, was sollte dann an seine Stelle treten?

Mir scheint das die Wissenschaft und die Medien wichtige Funktionen übernommen haben, die vormals in der Obhut der Kirche lagen.

Die Wissenschaften sollten die neuen Garanten der Wahrheit sein, für die einstmals die Theologen und das Lehramt einstanden, und die Medien für ihre massenwirksame Verbreitung sorgen, die vornehmste Aufgabe der Missionare.

Bleiben wir bei der Wissenschaft.

Wie kann in einer von Gott losgelösten Welt sicheres Wissen gewonnen werden? Wie kann die Wissenschaft legitimer Weise von Wahrheit sprechen?

Nachdem man bereit war, die Existenz aller nicht materiellen Dinge zu bestreiten, legte sich der Versuch nahe, die Wahrheit ausschließlich aus der empirischen Beobachtung raumzeitlicher Gegenstände mittels Generalisierung zu gewinnen.

Die Methode war die des induktiven Schließens vom Besonderen zum Allgemeinen, eine Methode, die Aristoteles einst kategorisch ausgeschlossen hatte.

Das Problem der Induktion besteht unter anderem darin, dass es keine theoriefreien Beobachtungen gibt, die die Wahrheit einer Generalisierung rechtfertigen könnten.

Hierzu ein Beispiel:

Schon die Beobachtungsaussage, dieses Ding ist ein Baum, setzt zwei Konzepte voraus. Es muss eine theoretische Vorstellung davon geben, was ein „Ding“ ist und außerdem eine theoretische Vorstellung darüber, was die Klasse der Bäume von anderen Arten belebter Organismen unterscheidet.

Beobachtungen sind nur möglich mittels vorgängiger Theorien, sogenannter synthetischer Urteile a priori, wie Kant richtig meinte.

Das Unternehmen via Beobachtung empirischer Tatsachen zu gesichertem Wissen in Form von Generalisierungen und Theorien zu gelangen, kann als gescheitert angesehen werden.

Einen Ausweg meinte Karl Popper mit seinem Falsifikationismus gefunden zu haben. Es ist ein Versuch zu retten, was zu retten war.

Seine Methode ist deduktiv. Er beginnt mit der Theorie, einer Hypothese, die wie auch immer und sei es durch eine Eingebung im Traum entstanden sein darf.

Die Sicherheit und die Wahrheit dieser Hypothese erweist sich in ihrer empirischen Überprüfung. Eine Hypothese, so meint er, kann so lange Gültigkeit beanspruchen, wie sie nicht widerlegt ist.

Da aber auch die Falsifikation beliebig oft wiederholbar sein muss und sich auf empirische Daten beruft, kommen die Probleme der Induktion durch die Hintertür seiner Theorie wieder herein.

Einen Ausweg aus dieser Problemlage hat Thomas S. Kuhn zu beschreiten versucht. Er fragt nicht nach den logischen Prinzipien der Wissenschaft, nicht nach Induktion und Deduktion, sondern beobachtet die Praxis der Wissenschaft.

Dort erkennt er als grundlegende Kategorie das Paradigma. Das Paradigma ist eine Sammlung etablierter wissenschaftlicher Aussagen, die als gesichertes Wissen gelten und nicht hinterfragt werden.

Solche Paradigmen, wie das geozentrische Weltbild, werden durch wissenschaftliche Revolutionen, durch neue Paradigmen ersetzt. Dieser Wechsel vollzieht sich nicht in der von Karl Popper behaupteten Weise durch Wiederlegung einer wissenschaftlichen Aussage, sondern ist ein Prozess der sich über Jahrzehnte oder gar Jahrhunderte hinziehen kann.

In der Regel muss erst mindestens eine Generation etablierter Wissenschaftler des alten Paradigmas abtreten, bevor ein neues Paradigma eine Chance hat.

Die Frage, inwiefern in der Wissenschaft von Wahrheit gesprochen werden kann, wird in der Sichtweise Thomas Kuhns gar nicht erst gestellt.

Es ist eine beliebte Methode der Wissenschaft, unbeliebte Fragen dadurch zu beantworten, dass man abstreitet, dass es sich hierbei überhaupt um wissenschaftliche Fragen handelt. Beredetes Beispiel dafür ist die im Logischen Empirismus gängige Unterscheidung von echten wissenschaftlichen Problemen und sognannten „Scheinproblemen„, die in der Wissenschaft nichts zu suchen haben.

Es scheint so zu sein, als könne man die Frage nach der Wahrheit nur dadurch beantworten, dass man ihr ausweicht. Hier erkennen wir die postmoderne Begeisterung für die These, „es gibt keine Wahrheit“, wieder.

Nun ist es aber eine offensichtliche Tatsache, dass kein Wissenschaftler der Versuchung widerstehen kann, die Wahrheit zu suchen und natürlich auch finden zu wollen.

Pirmin Steckler-Weithofer, ein theoretischer Philosoph an der Universität Leipzig, äußert sich zu dieser Problemlage in der folgenden Weise:

„Diese Vorstellungen von Natur mit oder ohne Gott sind Folgen einer langen Geschichte der Metaphysik, die es alle zu überwinden gilt: Gerade auch der kasualistische Physikalismus oder Naturalismus ist als von uns selbst zusammengezimmertes, insofern ironischer weise idealistisches, metaphysisches Weltbild zu durchschauen, aber das Gleiche gilt auch für die Gewissheitsideologie des cartesischen und empiristischen Subjektivismus.“

Steckler-Weithofer fordert alle diese fehlgeleiteten Wahrheitsansprüche von der Religion bis zu bestimmten Vorstellungen in der postmodernen Wissenschaft zu überwinden.

Ich bezweifle, ob das möglich sein wird, weil auch in diesem kritischen und aufgeklärten Postulat, die Sehnsucht nach gesichertem Wissen um die Wahrheit durchschimmert.

In seinem Aufsatz löst Steckler-Weithofer dieses Versprechen nicht ein. Es sollte mich wundern, wenn er es an anderer Stelle einlösen könnte.

Wichtig finde ich seine Beobachtungen, mit denen er moderne Theorien entgegen ihren eigenen Postulaten als idealistisch durchschaut.

Zweifelhaft erscheint mir allerdings, dass der Idealismus tatsächlich überwindbar ist. Versuche hierzu hat es reichlich gegeben. Der erfolgreichste war mit Sicherheit der von Karl Marx. Es war zugleich der folgenreichste Versuch. Die Folgen hätten fataler nicht sein können.

Ich schlage vor, dass wir nach all den gescheiterten Versuchen die Wahrheit zu finden, wieder zu den Quellen zurückkehren. Und wo ist die Quelle? Ganz am Anfang, im Paradies. Dort steht von alters her der Baum der Erkenntnis.

Viele wollen bis heute nicht begreifen, wieso Gott damals den Menschen verboten hat, von diesem Baum zu essen. Dabei ist das doch ganz einfach:

In der Erkenntnis liegt nicht nur ein Segen, sondern auch ein Fluch und hinter allem steht das unstillbare Bedürfnis des Menschen, so sein zu wollen wie Gott.

Ist nicht schon im Schöpfungsbericht die ganze Problematik rund um die Wahrheit und die Erkenntnis durschaut, wie Steckler-Weithofer fordert? Ist nicht seine Forderung, dieses Problem zu überwinden, ein zum Scheitern verurteilter Versuch zurück in das Paradies zu kommen, oder wie Marx es ausdrücke, in das „Reich der Freiheit“?

Ich plädiere dafür, sich in menschlicher Bescheidenheit zu üben. Der Mensch hat durch das Essen des Apfels zwar die Fähigkeit zur Erkenntnis erlangt, aber das macht ihn noch lange nicht Gott gleich. Das war ein uneingelöstes Versprechen der Schlange im Paradies, zum Glück.

Der Mensch ist nicht nur mit der Fähigkeit zur Erkenntnis gesegnet, weil er „gottähnlich“ geschaffen ist, sondern auch dazu verflucht ständig nach der Wahrheit auf der Suche zu bleiben. Man fühlt sich hier an den Mythos von Sisyphos erinnert oder an das Pauluswort:

„nicht das ich es schon ergriffen hätte, ich jage ihm aber nach.“

Advertisements

8 Gedanken zu „Rund um die Sonne und das Paradies

  1. alphachamber

    Da scheinen Sie wieder viel und schnell zusammen gelesen zu haben – und einiges davon blieb dabei wohl unverdaut. Einige Zitate verraten nicht immer das ganze Bild, da lässt sich manche Erkenntnis nicht einfach so herbeigoogeln. So entsteht perzeptives Denken.
    Nette Grüße

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Wäre konkrete Kritik nicht angebrachter als pauschale Bemitleidung bzw. Verurteilung? Trotzdem Danke für Ihr Interesse, sie scheinen den Text immerhin gelesen zu haben.
      Wenn Sie es besser wissen, bin ich auf jeden Fall sehr daran interessiert. Vielleicht klappt es ja einmal, dass wir nicht aneinander vorbeireden, wie das ja schon häufiger vorgekommen ist.

      Antwort
  2. alphachamber

    „…pauschale Bemitleidung bzw. Verurteilung?“
    Fassen Sie es nicht so auf; das Format ist nicht geeignet für weitgehende Ausführungen.
    Kurz: Ihr Essay enthält eine Reihe unterschiedlicher Denker, deren Theorien durch Ihre in kurze Zitate gewickelten Aussagen nicht gerecht werden. So lassen sich z.B. die Falsifizierung und Wittgensteins Gewissheit nicht rational abhandeln. Auch gibt es Probleme mit den aufgeführten Kausalitäten. Forschen Sie weiter!

    „…Wenn nicht mehr Gott als der letzte Urgrund, der unbewegte Beweger, wie Aristoteles meinte, angesehen werden konnte, was sollte dann an seine Stelle treten?“
    Das ist das Problem des Philosophen, nicht das des Gläubigen 🙂

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Die Gedanken in meinem Besinnungsaufsatz rund um Wittgenstein und Popper funktionieren auch ohne die die geannten Philosophen. Mir ging es auch nicht um eine „rationale Abhandlung“ dieser Denker. Ich habe die beiden nur bestimmten Denk- und Fragerichtungen meiner Ansicht keineswegs vollständig, wie sollte das auch gehen in einem solchen Text, aber durchaus zutreffend zugeordnet.

      Welche Probleme mit den „aufgeführten Kausalitäten“ meinen Sie?

      Es gibt ja nicht nur Probleme mit Kausalitäten, sondern die Kausalität selbst ist ein Problem.

      Glauben Sie mir auch „Gläubige“ haben und hatten schon immer durchaus zuweilen handfeste Probleme an Gott zu glauben.

      Antwort
  3. Kardinal Novize Igor

    Um es noch einmal zu verdeutlichen (dabei dachte ich, dass das schon lange klar wäre??):

    Wenn ich von der „flachen Erde“ spreche, und ich dieses Weltbild (vermutlich fälschlicherweise) dem Mittelalter zuordne, so geht es mir nicht darum, irgend eine Aussage über das weltbild des Mittelalters zu tätigen.

    Sondern ich verwende das Bild der „flachen Erde“ als ein Gleichnis. Ich will damit einzig und allein die Frage aufwerfen: Wie würde sich ein Mensch verhalten, der an eine flache Erde glaubt, der diesen Glauben mit seiner Religion junktimiert, wenn dieses sein Weltbild erschüttert wird? Ich verwende dieses Gleichnis sehr gerne, vor allem für psychologische und philosophische Fallstudien: wie verhält sich dieser Mensch, wenn die Indizien immer erdrückender gegen dessen Weltbild sprechen?

    Selbstverständlich ließen auch andere Gleichnisse für diese Gedanken-Experimente verwenden, aber ich empfinde jenes eben als sehr geeignet.

    Ob nun die Menschen des Mittelalters tatsächlich an eine flache oder runde Erde glaubten, ist also für die solcherart aufgeworfenen philosophischen Fragen gegenstandslos.

    Ich kann aber, um hinkünftig Missverständnissen vorzubeugen, gerne von menschenähnlichen Wesen mit Namen X sprechen, die auf dem Planeten Y wohnen, den die X für eine Scheibe halten – bis eines Tages ein Bewohner dieses Planeten selbigen umrundet, und dann einige Jahrhunderte später, wieder andere X den Planeten von oben sehen, da sie ihre ersten Raketen gebaut haben etc……

    Im übrigen bin ich deiner Meinung, dass das Mittelalter tatsächlich eine schwerwiegend unterschätzte Zeit ist.

    LG KNI

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      So verstanden gebe ich dir Recht. Ich denke das Wissen entwicikelt sich ständig weiter, sodaß Dinge, die heute noch als sicher gelten schon morgen einer Epoche zugerechnet werden, als man noch nicht wusste, dass…..

      Antwort
  4. Kardinal Novize Igor

    PS.: Dass alle Wissenschaftler einen Hang zur Verabsolutierung ihrer Wahrheit hätten, ist, wie ich schon oft gesagt habe, Dichtung. Klischee. Oder auch Vorurteil. Arbeitshypothesen sind etwas anderes als Beweise.

    PPS.: Kant hat mit seiner Kritik der reinen Vernunft sicherlich nicht für eine Abschaffung des Empirischen gesprochen. Er hat vielmehr die apperzeptive Verbindung zwischen Empirie und Logik skizziert. Es ist denn auch die Empirie keineswegs gescheitert. Wir reden ja hier nicht nur von Naturwissenschaften, sondern auch vom zwischenmenschlichen Bereich. Das besteht aus 99% Empirie.

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Ich wollte auch nicht bestreiten, dass es empirische Einsichten gibt. Dein Einwand, Kant betreffend ist vollkommen richtig.
      Was ich und meiner Ansicht nach Kant und viele andere bestreiten, ist, dass es reine, theoiefreie empirische Erkenntnisse gibt.
      Man kann zwar theoretische Aussagen machen, die empirisch nicht überprüfbar sind, aber umgekehrt kann man keine theoriefreien Erkenntnisse über empirische Tatsachen gewinnen, was nicht heißt, dass es keine empirischen Tatsachen gibt.

      Antwort

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s