Neuer Realismus III

Im Anschluss an die Ausführungen über den Neuen Realismus, die ich hier und hier schon gemacht habe, stelle ich einige Gedanken zweier weiterer Autoren der von Markus Gabriel herausgegebenen Aufsatzsammlung vor.

John Searle definiert in seinem Aufsatz Realismus auf folgende Weise:

„Unter Realismus verstehe ich in diesem Kontext die Auffassung, das eine von unseren Repräsentationen völlig unabhängige Realität existiert.“

Er Wendet sich gegen die Entgegensetzung von Realität und Bewusstsein und Intentionalität analog zu den Kategorien Geist und Materie und meint zeigen zu können, dass auch die Intentionalität und das Bewusstsein einen Teil der Natur darstellt.

Am Phänomen des Durstes veranschaulicht er, dass dieses Grundbedürfnis, das sogar von den Pflanzen geteilt wird, bereits eine Intention darstellt.

Subjektivität und Intention sei nichts, was der Natur quasi von außen zukomme wie der Geist oder die Seele zum Körper, sondern ist selbst Teil der Natur.

Prof. Pirmin Steckler-Weithofer von der Universität Leipzig nennt seinen Beitrag zur Debatte:

„Empirische Realität und generische Wirklichkeit – zu metaphysischen Fehldeutungen materialbegrifflicher Sinnbestimmung“.

Steckler-Weithofer, der selbst auch Physiker ist, setzt sich mit den verschiedenen Spielarten der Analytischen Philosophie und dem modernen Wissenschaftsverständnis auseinander.

Er fordert ein deskriptives Herangehen an wissenschaftstheoretische Fragen und wendet sich gegen „…ideale Modellbilder von einer angeblichen Korrespondenzbeziehung zwischen Aussage und Welt bzw. Subjekt und Objekt.“

In seinem Aufsatz beruft er sich oft auf Heidegger, Hegel und Kant.

Heidegger habe in seiner ontologischen  Reflexion auf jeden Gegenstandsbezug und Geltungsanspruch die Transzendentalphilosophie Kants radikalisiert.

Heidegger, so Steckler-Weithofer, habe viel eher die Metaphysik  durch die logische Analyse der Sprache überwunden, als dies durch die physikalistischen (als solche immer materialistischen) und die empiristischen (als solche immer idealistischen) Hintergrundvorstellungen eines Carnap,  Russel oder Quine möglich gewesen sei.

In diesem Zusammenhang stellt Seckler-Weithofer fest:

„“Diese Vorstellungen von Natur mit oder ohne Gott sind Folgen einer langen Geschichte der Metaphysik, die es alle zu überwinden gilt: Gerade auch der kasualistische Physikalismus oder Naturalismus ist als von uns selbst zusammengezimmertes, insofern ironischer weise idealistisches, metaphysisches Weltbild zu durchschauen, aber das Gleiche gilt auch für die Gewissheitsideologie des cartesischen und empiristischen Subjektivismus.”

In der antiken Tradition der Philosophie stellt die „Physis“ noch eine Einheit dar, die alles umfasst, was überhaupt ist.

Erst in der nachkantischen Ära der Philosophie fällt die Naturphilosophie und die Naturwissenschaft auseinander. Während in der Philosophie die allgemeinen Formen des Wissens Gegenstand der Reflexion sind, wird das materiale Wissen den empirischen Naturwissenschaften zugeschrieben.

Die Natur unterscheidet sich von unserem Wissen dadurch das in der Natur die Dinge von selber wachsen, wie es in dem Wort „nasci“ aufgehoben ist, während unser Wissen immer auch einen (intentionalen) Handlungsaspekt hat.

Auf diesen Unterschied richtet Steckler-Weithofer seine besondere Aufmerksamkeit.

Hegel und Heidegger haben erkannt, dass auch Bezüge auf Einzeldinge („tokens“) längst schon allgemeinen Charakter haben. „Das heißt, dieser Bezug ist sowohl perspektivisch, subjektiv, empirisch, phänomenal und entsprechend vage als auch so, dass jede andere Person die Bezugsform (im Prinzip) reproduzieren können muss.“

Inzwischen, so Steckler-Weithofer, haben das auch analytische Philosophen, wie beispielsweise McDowell wieder erkannt und so einen Anschluss an Einsichten Heideggers und des deutschen Idealismus geschafft.

Auch die bekannte Unterscheidung zwischen Materialismus und Idealismus und die kämpferische Frontstellung zwischen beiden wird von Steckler-Weithofer in Frage gestellt. Dies erläutert er an der Grammatik des Wortes „Wirklichkeit„.

Die „Wirklichkeit“ ist nicht nur ein Kontrast zu „bloß scheinbar“, zwischen Sein und Schein, Traum und Wirklichkeit sondern auch ein Kontrast im Sinne von „anscheinend“, wie es in dem Satz, die Sonne dreht sich anscheinend um die Erde, in Wirklichkeit aber dreht die Erde sich um sich selbst und um die Sonne.

Das Problem liegt in der nicht begriffenen Unterscheidung zwischen Realität und Wirklichkeit.

Der Begriff der Wirklichkeit steht für partiell negierende Ausdrucksformen. „Eigentlich ist das, was wir für wahr halten, falsch, denn es gilt nur anscheinend oder scheinbar, dass p, in Wirklichkeit gilt P*.“

Diese „Logik des Aber“ führt unweigerlich in einen infiniten Regress. Wenn auf den zweiten Blick offenbar geworden ist, dass nicht p gilt, sondern in Wirklichkeit p*, so kann bei einem dritten Blick darauf folgen, dass auch p* nur anscheinend gilt, in Wirklichkeit aber P** der Fall ist und so weiter.

Das wissenschaftliche Denken beginnt seit Aristoteles mit der Klassifikation.  Der Antike Philosoph hat versucht eine genau Auflistung der Tier- und Pflanzenarten zu erstellen.

Eine empirische Begriffsbildung ist aber nie nur eine reine Klassifikation der Art, x gehört zu der Menge aller x, für die gilt…, sondern immer auch eine Klassifikation zusammen mit der dazugehörigen Seinsform, griechisch eidos und idea, bei Hegel: Idee.

Der Begriff ist immer schon das Allgemeine bezogen auf sein prozessuales Sein, der sich in der Aussage wiederspiegelt: „Aus begrifflichen Gründen gilt für ein P, dass es (natürlicher Weise, wesentlich oder auch nur normalerweise) XY tut bzw. tun kann.

Auf diese Weise kommt auch in die Betrachtung von Einzeldingen und deren Begriffsbildung schon ein Handlungsaspekt mit hinein.

Dabei muss immer zwischen dem Normalfall der Idealen Gattung und dem konkreten Einzelfall unterschieden werden, der in der Regen nur eine mehr oder weniger vollständige Repräsentation der idealen Klasse darstellt. Diese Differenz nennt Steckler-Weithofer den Mangel, die steresis.

Weder der Prozesscharakter der Wirklichkeit noch die Handlungskomponenten bei der Begriffsbildung lassen sich, so Steckler-Weithofer, in den Kategorien einer rein formalen, sortalen Prädikaten- und Quantorenlogik angemessen darstellen.

„Generische Sätze“ Sätze, die einem einzelnen Gegenstand eine Art, ein genos zuschreiben, sind zum Beispiel folgende:

Der Löwe in Afrika: Er lebt in Afrika, er jagt Gazellen, frisst aber auch Aas.“

Hinzu kommen Aussagen über seine Kraft und Fähigkeiten, die sich im realen Tun des Löwen in der Form einer energia, also auch in seinem Werk manifestieren.

In analoger Weise zeigen sich etwa auch die Flieh- und Gravitationskräfte der klassischen Mechanik nur in ihrem Werk, etwa in den ballistischen Bewegungsbahnen von Geschossen, Satelliten Planeten und anderen Erd- und Himmelkörpern.

Durch Zuschreibung von modalen Kräften oder Fähigkeiten als Wesenseigenschaften so klassifizierter Gegenstände erklären wir ein Normalverhalten.

Das geschieht formal auf ähnliche Weise, wie wenn wir das Verhalten einer Person durch ihren Charakter erklären. Ein Charakter besteht aus nichts anderem als der verdichten Zuschreibung von dispositionellen Eigenschaften, die sich im Normalverhalten zeigen. Die Erklärung selbst nimmt damit tautologische Züge an.

Die Wahrheit einer solchen dispositionellen Zuschreibung hängt von ihrer Verlässlichkeit, der wiederholt erfahrenen und erfahrbaren Realität der Erscheinungen, in denen sich die sogenannte Wirklichkeit der theoretisch gesetzten Dispositionen oder Kräften zeigt.

Sinnvoll lässt sich über empirische Gegenstände mittels generischer Begriffe nur in räumlich und zeitlich klar abgegrenzten Bereichen reden. Ich kann eine Aussage darüber treffen, dass alle Gazellen in diesem Gehege nur drei Beine haben. Es handelt sich möglicher Weise um eine Krankenstation von verunfallten Exemplaren ihrer Gattung.

Generische Aussagen über empirische Gegenstände, die überzeitlich und ortsunabhängig Gültigkeit beanspruchen, sind nicht möglich. Das muss allein deshalb scheitern, da alle realen Dinge und Wesen entstehen und vergehen. Deshalb gibt es gar keine zeitallgemeine Menge von endlichen Dingen in der Welt.

Diese Gedanken, die auf Hegels Wissenschaft der Logik zurückgehen, haben ich in dem Dialog Großmutter und Hegel veranschaulicht.

Die einzig wirkliche Substanz die es gibt, abgesehen von rein abstrakten Gesetzen in der Mathematik oder Logik, ist, wie Hegel und vor ihm Spinoza lehrte, deshalb die Welt selbst in ihrer Totalität. Hier findet sich möglicher Weise ein Argument für die von Hegel vertretene Ansicht, die Wahrheit sei das Ganze.

Steckler-Weithofer schlussfolgert: „Diese einzige Welt ist zugleich das Allerrealste, sozusagen der Inbegriff aller Realität und Wirklichkeit.“

Dieses Ganze kann man als Natur oder Gott begreifen. Man muss sich aber darüber im Klaren bleiben, dass nur Aussagen in der Welt möglich sind. Auch alle Aussagen über die Welt bleiben Teil der Welt. Eine Perspektive jenseits der Welt einzunehmen, ist nicht möglich.

Dieser Naturbegriff als das Ganze unterscheidet sich von der seiner zweiten Bedeutung, die ihn als Differenzbegriff dessen was von selbst, von Natur aus geschieht, ansieht, der mit der Welt des Handels kontrastiert.

Dieser Vermengung der unterschiedlichen Naturbegriffe fallen laut Steckler-Weithofer die modernen physikalistischen und der klassische- und moderne Materialismus zum Opfer ebenso wie Spinoza, Kant und eine ganze Reihe moderner Philosophen. Er nennt Sellars, Brandon, Millikan, Rotry, Quine und Davidson. Ihnen allen sei gemeinsam, dass „sie glauben, in der „Physik“ eine Art Basisontologie finden zu können, für alles, was es angeblich wirklich gibt.“

Wissenschaft ist daher Arbeit am Begriff und nicht die Abbildung einer transzendenten Wirklichkeit. Es geht weniger um historische oder empirische Erzählungen als vielmehr um generisches Wissen, das unser Urteilen und Schließen allererst ermöglicht.

Theorien werden erst verstanden, wenn sie als materialbegriffliche Setzungen gelesen werden. Eine Theorie darf deshalb nie den Vergleich mit anderen Theorien scheuen. Nur die zur Zeit beste verfügbare Theorie sollten als „wahr“ gesetzt werden.

Da wir davon ausgehen können, dass das Wissen ständig wächst, werden auch die heute institutionell anerkannten Theorien in der Zukunft durch andere und bessere mit weitreichenderen Erklärungsmustern ersetzt werden müssen.

Dabei verschwindet deshalb die alte Theorie nicht gänzlich von der Bildfläche, sondern besteht unter Umständen in einem begrenzten Geltungsbereich weiter, wie zum Beispiel die newtonsche Physik für Geschwindigkeiten im Straßenverkehr nach wie vor gültig ist.

Dabei wird immer vorausgesetzt, dass es eine klare Unterscheidung zischen noch zu prüfenden Hypothesen und als gesichert geltendem Wissen gibt.

Steckler-Weithofer warnt davor, die Reichweite der je eigenen Wissenschaft maßlos zu überschätzen und in einen metaphysischen Glauben zu verwandeln, wie er es in den verschiedenen Ismen verwirklicht sieht.

Auch die Debatte um den Neuen Realismus selbst ist in dieser Hinsicht gefährdet, den Boden unter den Füßen zu verlieren.

Will man den Begriff Realismus oder realistisch trotzdem gebrauchen sollte man sich klar sein, „dass es über Dinge und Bewegungen von Dingen hinaus eine Vielzahl andere wichtige Sachen, wie Ereignisse, ein Geschehen, die Geschichte und politische und moralische Kompetenzen gibt, die gerade dadurch verloren gehen können, … dass man sich ein metaphysisches oder naturalistisches Bild von ihrer Entstehung und Seinsform macht.“

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