Wie kann die Wirklichkeit vernünftig sein?

Für keinen Satz wurde Hegel so sehr gescholten, wie für die Behauptung, dass das Wirkliche vernünftig sei und umgekehrt.

Wie kann er sich erdreisten, so etwas angesichts des Elends und des offensichtlich Unvernünftigen in der Welt zu behaupten.

Ich denke diese Kritik rührt daher, dass man Hegel nicht verstanden hat. Hegel selbst soll auf seinem Totenbett resigniert gesagt haben, niemand habe Ihn verstanden, nur einer habe ihn verstanden und der habe ihn auch nicht richtig verstanden.

Nun bin ich auf einen Zeitgenossen gestoßen, der meint, Hegel verstanden zu haben und diesen Satz auch so erklären zu können glaubt, dass ihn eigentlich jeder verstehen kann. Leider konnte Hegel diesen Menschen nicht mehr persönlich kennen lernen.

Aufmerksame Leser meines Blogs ahnen schon jetzt, wer dieser jemand, der Hegel angeblich richtig verstanden hat, sein könnte. Wer sollte es sein, wenn nicht wieder Pirmin Sekeler-Weithoffer, dem ich schon drei Artikel in meinem Blog gewidmet habe.

Seine Erklärung in allgemein verständlicher Form funktioniert ungefähr so:

Wenn wir über die „Wirklichkeit“ reden, dann können wir es nur mit Hilfe von Begriffen und Anschauungen tun, die ursprünglich frei gewählt und später kollektiv akzeptiert worden sind.

Wenn wir sagen, etwas sei in Wirklichkeit so und nicht etwa so, wie es bisher immer fälschlicher Weise angenommen wurde, dann folgt unserer Begriff der „Wirklichkeit“ einer Theorie, in deren Rahmen sinnvoller Weise von Wirklichkeit gesprochen werden kann.

Dabei setzten wir weiterhin voraus, dass die allgemein akzeptierte Theorie, auf die wir uns berufen und die den Rahmen für die behauptete „Wirklichkeit“ bereitstellt, ihrerseits vernünftig ist, weshalb sie von (fast) allen akzeptiert wird.

Der Begriff der Wirklichkeit und der Begriff der Vernünftigkeit fallen in dieser Perspektive zusammen und sind voneinander nicht mehr klar unterscheidbar.

Wenn ich davon rede, dass etwas in Wirklichkeit so und nicht anders ist, setze ich implizit eine Theorie voraus, die für sich in Anspruch nimmt, dass sie vernünftig sei und mich deshalb dazu legitimiert, vernünftige Aussagen über die Wirklichkeit zu machen.

Betrachte ich das Ganze von der Vernunft her, dann kann sich die postulierte Vernunft meiner Aussage nur dadurch erweisen, dass Dinge in der so bezeichneten Wirklichkeit die Vernünftigkeit meiner Theorie bestätigen.

Dabei ist immer darauf zu achten das die Kategorie der Vernünftigkeit sich niemals auf die subjektive Wahrnehmung und auf subjektive Regeln des Schließens gründen kann, sondern vor allem auch darin besteht, dass der Begriff des Vernünftigen ebenso wie der Begriff der Wirklichkeit für sich in Anspruch nehmen, kollektiv akzeptiert und anerkannt zu sein, sonst wäre jedes Reden und Argumentieren sinnlos.

Immer muss jedes Argumentieren Bezug nehmen auf gemeinsam anerkannte und geteilte Normen und Regeln der Kommunikation, der logischen Argumentation und der intersubjektiv überprüfbaren Beobachtung der Wirklichkeit.

Die Regeln, denen man dabei folgen muss, sind keineswegs überzeitlich und allgemein verbindlich. Vielmehr sind sie lediglich stabil innerhalb abgrenzbarer Epochen in der Geschichte und sind dem ständigen Wandel durch wissenschaftliche Revolutionen und Paradigmenwechsel ausgesetzt.

Folgt man dieser Argumentation, sehe ich nicht wo und warum man Hegel widersprechen sollte.

Der scheinbare Widerspruch entsteht erst, wenn man diese Aussage Hegels in seiner Objektlogik verortet, und nicht in seiner Wesenslogik, wo sie hingehört, und sie als Aussage über einzelne Gegenstände oder Anschauungen interpretiert. Der Satz, das Wirkliche sei auch vernünftig, ist eine metalogische Reflexion in der Wesenslogik.

Das bloß Faktische, das bloße Sein oder das Gegebene, in Hegels Terminologie die bloße Realität, ist keineswegs per se vernünftig.

Pirmin Sekeler-Weithofer, der meint Hegel so verstanden zu haben, wendet sich mit viel Emphase gegen jeden Versuch wissenschaftliche Erkenntnis aus diesem Prozess des Werdens und Vergehens auszukoppeln und allgemein gültige überzeitliche Prinzipien aufzustellen, der alle konkrete Erfahrung deterministisch kausal folgen muss.

Diesen falschen Glauben meint er sowohl in der klassischen dogmatischen Theologie, genauso wie in bestimmten Formen des Empirismus und auch des (kritischen) Rationalismus wiederzufinden.

Das populäre Wissenschaftliche Weltbild, das sich auf vermeintlich unhinterfragbare Tatsachen und angeblich überzeitlich gültige Schlussregeln beruft, verhält sich strukturell analog zu der herkömmlichen Theologie und Philosophie, die alles auf einen ursprünglichen alles determinierenden Erstbeweger respektive Gott, ein allgemeines Naturgesetz oder eine Weltformel zurückführen will.

Ludwig Feuerbach hatte recht, als er diesen Gott bzw. seine Platzhalter für eine freie Erfindung der Menschen hielt.

Worum es Hegel geht, ist, dass sich der Mensch durch Reflexion seiner eigenen Autonomie und Freiheit wieder bewusst wird. Nur ein solchermaßen bewusster Mensch ist den vermeintlich ewigen Wahrheiten der Theologen, Philosophen und Wissenschaftler nicht hilflos ausgeliefert.

In ähnlicher Weise argumentierte Kant, als er sagte, es ginge darum, dass der Mensch den Ausgang aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit findet.

Dieser Apell Kants ist heute so wichtig wie eh und je. Es fehlt nicht an Versuchen, den Menschen mittels Ideologien, professionellen Methoden und angeblich ewigen Wahrheiten in seiner Unmündigkeit festzuhalten.

8 Gedanken zu „Wie kann die Wirklichkeit vernünftig sein?

  1. Pingback: Vernünftige Wirklichkeit – wirkliche Vernunft | Philosophenstübchen-Blog

    1. hansarandt Autor

      Die Verlinkung genehmige ich gerne. Hier sind meine neusten Hegelstudien entlang der Philosophie des Selbstbewusstseins von Stekeler-Withofer, frisch aus der Tastatur. Ich habe selten ein so erhellendes Buch gelesen wie die Philosophie des Selbstbewusstseins, es macht mir Hegel zusätzlich sympatisch.

      Antwort
  2. Pingback: “Freiheit ist Einsicht in die Notwendigkeit” | Dumme Fragen

  3. sascha313

    @ „Es fehlt nicht an Versuchen, den Menschen mittels Ideologien, professionellen Methoden und angeblich ewigen Wahrheiten in seiner Unmündigkeit festzuhalten.“ Wobei man allerdings nicht vergessen darf festzustellen, daß das gesellschaftliche Sein das Bewußtsein bestimmt, der Mensch aber vermöge seines Denkens, welches eine relative Selbständigkeit besitzt, imstande ist, die Welt zu erkennen und gesellschaftlich vereint auf Natur und Gesellschaft einzuwirken und diese seinen Bedürfnissen entsprechend umzugestalten. Letzterem stand bei Kant dessen Agnostizismus im Wege.

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Die Möglichkeiten der Menschen die Welt zu verändern, sind viel bescheidener als sie vordergründig zu sein scheinen.
      Zwar bestimmt das Sein das Bewustsein, keine Frage aber umkekehrt bestimmt auch das Bewustsein das Sein, denn nur mittels unseres Bewusstseins können wir überhaut ausdrücken was das „Sein“ angeblichk ist. Wenn Sie die Möglichkeit der Weltveränderung hervorheben heben sie damit gleichzeitig hervor, das das Bewusstein und die daraus abgeleiteten Handlungen durchaus in der Lage sind auch das Sein zu änder vice versa.

      Antwort

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