Dem Weltgeist auf die Finger geschaut

Bei meinen Hegelstudien kamen mir einige seiner Gedanken auf merkwürdige Weise bekannt vor. Irgendwie erinnerten sie mich an Ludwig Wittgenstein.

In der Philosophiegeschichte, habe ich folgendes Narrativ kennen gelernt. Ludwig Wittgenstein, der ursprünglich zum Wiener Kreis der Philosophen des logischen Empirismus zählte, habe später die Wende zur Pragmatik vollzogen und den so genannten Linguistic turn der Philosophie initiiert.

Seit dem wird Philosophie in erster Linie als Sprachphilosophie verstanden, die sich die Aufgabe gestellt hat, entweder eine ideale formale Kunstsprache zu kreieren, mit dem Ziel ein axiomatisches Modell des Wissens zu entwerfen, das es ermöglichen soll, Erkenntnis in quasi mathematischen Formeln zu beschreiben und abzusichern.

Eine andere Methode der Sprachphilosophie, die sich enger an den späten Wittgenstein und dessen Philosophischen Untersuchungen anlehnt, analysiert die Alltagsprache und versucht auf diesem Weg Kriterien der Erkenntnisgewinnung ans Licht zu bringen und transparent zu machen.

Ausgangspunkt dieser Methode ist die Einsicht, dass weder die Grammatik einer Kunstsprache, wie es Rudolf Carnap in seinem Buch, der Logische Aufbau der Welt, versucht hat, noch die Semantik die auch die Bedeutung der Worte mit einbezieht, hinreichen, um damit die Funktion der Sprache zu erfassen.

Man kommt nicht umhin in die Analyse der Sprache ihre praktische Anwendung in jeweils divergierenden Kontexten mit einzubeziehen.

Diese Einsicht wird gemeinhin als die Wende zu Pragmatik bezeichnet und Wittgenstein wird dafür gefeiert, dies erkannt zu haben.

Bahnbrechend ist diese Einsicht nur auf dem Hintergrund, der oben beschriebenen Holzwege, die dieser Erkenntnis unmittelbar vorausgegangen sind.

Wer nur einen Augenblick über die Alltagssprache nachdenkt, hätte es eigentlich längst wissen müssen:

Weiß doch jeder vernünftige Mensch, dass es weder alleine auf die vordergründige Bedeutung der Worte und noch weniger auf den Satzbau ankommt, sondern dass vor allem darauf, wer es zu wem wie sagt, was er damit meint, was er damit intendiert und was er damit erklären will.

Ein Teilaspekt dieser Vielfalt der möglichen Bedeutungen eines einzigen Satzes spiegelt sich in der Alltagsweisheit die sagt: „Der Ton macht die Musik.“ Jeder vernünftige Mensch weiß das.

Nun wissen wir von Hegel, dass er schon immer großen Respekt vor der Vernunft hatte.

Mir scheint, die gefeierten Einsichten Wittgensteins gehören bei Hegel zu den selbstverständlichen Grundvoraussetzungen seiner Philosophie.

In der Wissenschaft der Logik analysiert er die Praxis der Erkenntnisgewinnung und erkennt sie als durch die freie Wahl und nachfolgende Akzeptanz eines Kollektivs in einer Epoche bestimmt.

Philosophie ist für ihn Arbeit am Begriff und damit an den Grundbausteinen der Sprache.

Mir scheint, dass die späten Einsichten Wittgensteins, für Hegel eher die selbstverständlichen Voraussetzungen seiner Philosophie sind, die für ihn immer eine Analyse der Begriffe ist, mit denen wir die Welt zu erfassen suchen.

Damit ist seine philosophische Analyse ganz wesentlich eine Analyse der Sprache, und ihrer konkreten Praxis in einer begrenzten Epoche.

Wenn wir diesen Satz nachbuchstabieren, dann sind wir mitten in der Postmoderne und erkennen in Hegels Denken den Begriff der sozialen Konstruktion der Wirklichkeit.

Rückblickend scheint es so, als sei Hegel seiner Zeit weit voraus gewesen. Er selbst soll einmal geäußert haben, dass er eigentlich alles gesagt habe, was zu sagen ist oder noch steiler, seine Gedanken in der Wissenschaft der Logik seien die Gedanken Gottes bevor er die Welt erschuf.

Mir scheint es, als habe der Weltgeist, der sich nach Hegel in der Geschichte manifestiert,  seinem größten Apologeten im Nachhinein Recht gegeben.

Mir ist bewusst, dass meine Vermutung sehr grob geschnitzt ist. Deshalb freue ich mich über jede Differenzierung, Erwiderung oder Zustimmung.

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