Das Selbstbewusstsein Gottes

Beginnen wir mit dem Selbstbewusstsein. Im allgemeinen geht man davon aus, das Selbstbewusstsein sei etwas, was der Homo Sapiens vor spätestens 200.000 Jahren in der Evolutionsgeschichte entwickelt habe und was ihn von allen anderen Lebewesen unterscheidet.

Das ist aus mehreren Gründen ein Irrtum:

Erstens zeigen auch Tiere Phänomene des Selbstbewusstseins, indem sie zwischen sich und ihrer Beute unterscheiden können und in der Lage sind, intentional zu handeln.

Der zweite Irrtum ist viel grundsätzlicher:

Das Selbstbewusstsein ist nicht der Ausgangspunkt der menschlichen Entwicklung sondern deren Endzweck.

Das ist die die zentrale These der Philosophie des Selbstbewusstseins wie sie Pirmin Stekeler-Weithofer in Anschluss an Hegels Philosophie des Geistes entwickelt.

Das Selbstbewusstsein ist nicht vom Himmel gefallen sondern entfaltet sich erst in der Zeit. Seine Entwicklung dauert an und ist noch lange nicht abgeschlossen.

Schaut man zurück, kann man das in der großen Entdeckung Sigmund Freuds wieder erkennen, der erstmals das vormals Unbewusste ins Bewusstsein hob und damit bewusst machte.

Selbst Gott ist dieser Entwicklung seines eigenen Selbstbewusstseins unterworfen wie im Übrigen schon lange bekannt ist, worüber sich aber die meisten bis heute nicht bewusst sind.

Gott wird in der abendländischen Tradition gerne als allwissend, allmächtig, allgütig und gerecht dargestellt. Es wird unterstellt, dass ihm diese Eigenschaften von Ewigkeit her zukommen. Gott wird überzeitlich gedacht.

Ganz anders sieht es die hebräische Bibel, die als der Prozess der Bewusstwerdung Gottes verstanden werden kann.

Diesen Bewusstwerdungsprozess Gottes, wie ihn der Tenach (die biblischen Bücher des Alten Testamentes in der Reihenfolge wie sie im Judentum tradiert werden) zeichnet, hat Jack Miles, ein amerikanischer Litertaturwissenschaftler, in seinem Buch „Gott“ rekonstruiert.

Dieses Buch „Gott“ von Jack Miles ist eines der abenteuerlichsten und interessantesten Bücher, die ich jemals gelesen habe.

Jack Miles liest den Tenach als sei es ein Roman. Der Protagonist dieser Erzählung ist Gott, der Antagonist ist der Mensch.

Der Gott des Judentums, der anders als die Götter in der antiken Welt ursprünglich alleine ist, erschafft den Menschen um sich seiner selbst bewusst zu werden.

Selbstbewusstsein ist nur durch Reflexion auf ein Anderes oder einen Anderen möglich. Selbst wenn man sich nur im Spiegel betrachtet (reflektiert) unterscheidet man zwischen sich und seinem Spiegelbild.

Der Betrachter und sein Spiegelbild sind zwar annähernd gleich aber trotzdem handelt es sich um  zwei verschiedene Objekte, den Betrachter und sein Spiegelbild.

Um sich selbst erkennen zu können, erschafft Gott den Menschen, ein (Spiegel)bild seiner selbst. So beginnt der Roman „Gott“ im ersten Kapitel mit der Feststellung:

„Und Gott schuf den Menschen ihm zum Bilde, zum Bilde Gottes schuf er ihn, 1. Mose 1,27)

Dieser Schöpfungsakt ist seinem Wesen nach willkürlich und frei. Sein Spiegelbild der Mensch hat deshalb auch die Eigenschaft, willkürliche und freie Entscheidungen zu treffen.

Die Zukunft ist damit prinzipiell offen und nicht determiniert.

Da niemand wissen kann, wie sich die Zukunft entwickelt, auch Gott nicht, denn sonst wäre seine Schöpfung nicht frei, ist auch der Allmächtige in der biblischen Erzählung am Anfang nicht allwissend sondern vollkommen unwissend.

Der Mensch entwickelt sich in dem Roman, den der Tenach erzählt, so, dass er Gottes Zorn erregt. Davon erzählt der Sintflut-Mythos.

Gott erkennt die Menschheit als „böse von Jugend auf“.

Es heißt: Es reute Gott, dass er die Menschen gemacht hatte.“ (Genesis 6,6). In der Folge beschließt er sein eigenes Schöpfungswerk mittels einer Sintflut zu vernichten.

Damit erliegt er seinem Zorn und lässt sich zu etwas hinreißen was er hinterher ebenfalls bereuen wird. Nachdem er seine Schöpfung fast vollständig vernichtet hat, bekennt er: „Ich will hinfort nicht mehr die Erde verfluchen um der Menschen willen;… Und ich will hinfort nicht mehr schlagen alles, was da lebt, wie ich getan habe.“

Man spricht in diesem Zusammenhang auch  von der doppelten Reue Gottes. Anders ausgedrückt könnte man sagen, Gott lernt dazu!

Auch später noch ist von der Reue Gottes die Rede im Zusammenhang mit der Absetzung des Königs Saul.

Die Fähigkeit Gefühle zu empfinden und auszuleben teilt der Gott Israels mit den anderen Göttern in der Antike.

Den weiteren Gang der Gesichte im Tenach zeichnet Jack Miles in groben Zügen so nach:

Gott verliebt sich in das Volk Israel, für das er Partei ergreift und streitet. Mit Macht mischt er sich in die Geschichte ein, wie er es schon in der Sintflut getan hat.

In der Wüste leidet er unter der Undankbarkeit des Volkes Israel, dass lieber wieder „zurück an die Fleischtöpfe Ägyptens“ will.

Im Laufe der Geschichte stellt Gott seine aktive Interventionspolitik ein und beschränkt sich in Selbstbescheidung darauf, nur noch seine Stimme mittels der Propheten zu Gehör zu bringen.

Gott handelt nicht mehr selbst sondern spricht nur noch zu seinen Propheten.

Auch das ist nur eine Epoche in der Geschichte Gottes mit den Menschen. Er beschließt am Ende zu schweigen und die Menschen sich selbst zu überlassen.

Im letzten Buche des Tenach, in der Geschichte von Ester, kommt das Wort Gott nicht mehr vor. Weder kommentiert Gott das Geschehen noch spricht er zu seinem Volk oder seinen Propheten, und schon lange greift er nicht mehr selbst in die Handlung ein.

Das Buch Ester endet sinngemäß mit dem Satz, wenn sie nicht gestorben sind, dann feiern sie noch heute das Purimfest.

Der letzte Satz lautet:

“ Denn Mordechai, der Jude… war groß unter den Juden und beliebt unter der Menge seiner Brüder, weil er für sein Volk Gutes suchte und redete, was seinem ganzen Geschlecht zum Besten diente.“

Wer Ohren hat zu hören, hört hier den säkularisierten kategorischen Imperativ Immanuel Kants. Von Religion ist im Buch Ester nur noch im deskriptiven Sinne einer soziologischen Kategorie, unter die das Volk Israel fällt, die Rede.

Das Schweigen Gottes, wie es die Autoren des Tenachs gesehen haben, erinnert stark an die deistische Vorstellung der Aufklärung nach der Gott, nach dem er seine Naturgesetze eingesetzt hat, sich zurückgezogen habe und die Menschheit sich selbst überlassen hat.

Es erinnert auch an die viel zitierte Einsicht Ludwig Wittgensteins, der in seinem Tractatus Logico-Philosophicus lapidar feststellt:

„Wovon man nicht reden kann, darüber muss man schweigen.“

Liest man den Roman Gott mit den Augen Jack Miles, dann erkennt man in Gott ein emotionales, lernfähiges, sich allmählich seiner Selbst bewusst werdendes Wesen. Das macht ihn den Menschen so ähnlich, wie im Tenach bzw. in der Bibel auch explizit behauptet wird.

Interessanter Weise passt das überhaupt nicht mit der landläufigen Vorstellung zusammen, nach der Gott gerade durch seine übermenschlichen Eigenschaften der Allmacht, Allwissenheit und Allgüte klassifiziert ist. Damit steht in Zusammenhang das Problem der Gerechtigkeit Gottes, das unter dem Begriff Theodizee thematisiert wird.

Die Apologeten dieser Gottesvorstellung berufen sich merkwürdiger Weise auf den selben „Roman“, wie Jack Miles, um ihre Thesen zu begründen. Man sollte meinen, dass sie sich den Inhalt dieses Buches noch nie bewusst gemacht haben. Auch ich selbst bin erst durch die Lektüre von Jack Miles vor  fünfzehn Jahren darauf aufmerksam geworden.

Auf dem Hintergrund der These Stekeler-Weihofers, das Selbstbewusstsein, sei nicht Ausgangspunkt sondern Zielpunkt einer Entwicklung ist mir diese Rekonstruktion des sich entwickelnden Selbstbewusstseins Gottes wieder ins Gedächtnis gekommen.

Obwohl das Selbstbewusstsein nur der Zielpunkt einer Entwicklung sein kann, ist es selbst nur in der Rückschau quasi von hinten her erkennbar, wie ich in meinem Beitrag die Eule der Minerva zu zeigen versucht habe.

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23 Gedanken zu „Das Selbstbewusstsein Gottes

  1. alphachamber

    L. Feuerbach: „Der Mensch schuf Gott nach seinem Bilde.“ Was auch erklärt, dass das Gottesbild (in Wahrheit die GottesbildER) sich über den Verlauf der Geschichte ändern.

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Ganz Deiner Meinung. Der Alte soll einmal gesagt haben: „“Ei, bin ich denn darum so alt geworden, dass ich immer dasselbe denken soll? Ich strebe vielmehr täglich etwas anderes, neues zu denken, um nicht langweilig zu werden. Man muss sich immerfort verändern, erneuen, verjüngen, um nicht zu verstocken.”
      Das waren die Worte Gottes, die er einem seiner größten Propheten, Johann Wolfgang von Goethe eingab. Der glaubte zwar selber nicht wirklich an Gott, konnte sich aber wie Gott benehmen, das ehrt ihn.

      Antwort
  2. sebastianmeisel

    Ich finde es immer wieder faszinierend, wie der Mensch, der ja genau genommen selbst nicht einmal genau weiß, was Selbstbewusstsein überhaupt ist und nur aufgrund der Tatsache, dass er sich seiner selbst bewusst ist, vermuten kann, dass das auch auf andere zutrifft, meint Aussagen über die Psyche Gottes zu machen.
    Ich muss zugeben, mich faszinieren solche Gedanken. Ich mache da immer gerne mit – auch wenn ich weiß, dass ich mich mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit irre. Gott wusste, dass wir Menschen auf solche Gedanken kommen müssen – selber schuld …

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Die Bibel sagt, Gott wusste am Anfang gar nichts, er musste auch alles erst lernen. Das habe ich mir nicht ausgedacht, das steht da drin, muss man nur lesen. Wie Gott wirklich ist weiß sowieso keiner genauso wenig, wie ich weiß wer Du wirklich bist und umgekehrt. Es ist auch ganz allgemein nur bedingt Zielführen davon zu reden, was auch immer in Wirklichkeit ist. Nur eines ist sicher: Morgen ist alles Schnee von gestern.

      Antwort
      1. Kardinal Novize Igor

        Dass „Gott am Anfang nichts wusste“, erscheint mir viel zu anthropozentrisch. Ich weiss auch nicht, wo das in der Bibel stehen sollte. Und wenn es dort steht, wäre der Kontext interessant.

        Eine Exegese dieses Satzes im Zusammenhang mit der gesamten Perikope wäre jedenfalls hilfreich.

        LG KNI

      2. hansarandt Autor

        Dieser Satz steht so nicht in der Bibel, sondern er ergibt sich wenn man die Geschichte liest. Warum fällt es ihm erst hinterher auf, dass die Menschen böse sind und bereut, dasser die Menschen geschaffen hat. Das Buch von Jack Miles ist eine sehrt genaue Interpretation des Tenachs, die den wissenschaftlichen Ansprüchen der Literaturwissenschaft genügt. Jack Miles ist außerdem auch Theologe und Jesuit.

  3. alphachamber

    „Gott sagte dies…“, „Gott wusste das…“ Na, So einen guten Draht zum Schöpfer hätte sich Einstein erträumt – da können wir ja mit dem Denken aufhören 🙂

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Ich habe keine Ahnung, was Gott sagt oder was Gott denkt, ich sage nur was in der Bibel über ihn steht nicht mehr und nicht weniger. Da kann sich jeder selbst von überzeugen ganz egal ob er Gott für eine Witzfigur hält oder den Protagonisten in einem Märchen, nur von dem letzteren rede ich, so wie ich sagen würde Rotkäppchen hat gesagt: „Warum hast Du so einen großen Mund?“ und der Wolf hat gesagt: „Weil ich dich fressen will!“

      Antwort
      1. alphachamber

        Er hat es nicht „herausbekommen“ (sonst hätte er ja den Gottesbeweis). Einstein war, wie viele andere Wissenschaftler, ein gläubiger Mensch und nahm wohl an, dass alles was er fand von einem Schöpfer so erschaffen wurde. Die Geist/Körper-Dichotomie der deutschen Philosophie erlaubt die Entkoppelung der Vernunft vom Glauben.
        P.S. mir ist schon klar, dass Sie sich auf das – von Menschen – geschriebene Wort bezogen. Die Frage ist, wie relevant sind die Schriften zur Frage der Wirklichkeit und Vernunft.

      2. hansarandt Autor

        Wieso gerade die deutsche Philosphie für die Geist/Körper Dichotomie verantwortlich sein soll und für die Entkoppelung von Vernunft und Glauben ist mir nicht recht klar. Von der Antike bis zum ausgehenden 16. Jahrhundert gab es keine Geist/Körper Dichotomie.
        Meinetwegen kann man Kant für diese Dichotomie mit verantwortlich machen vor allem aber Descartes mit seiner Aufteilung zwischen der res cogitans und res extensa. Das war aber meines Wissens kein Deutscher.
        Hegel hat seine Vorläufer in dieser Frage korrigiert.
        Viel stärker ist es ein Anliegen der angelsächsischen analytischen Tradition der Philosophie, zwischen Vernunft und Glauben zu unterscheiden. Allerdings geht dieser Schuss meiner Ansicht nach hinten los, wie ich in dem Beitrag: Wider den Materialismus zu zeigen versucht, der eine These Pirmin Stekeler-Weithofers aufnimmt, die er in Anschluss an Hegels Philosophie des Geistes aufstellt.
        http://www.amazon.de/Philosophie-Selbstbewu%C3%9Ftseins-Formanalyse-taschenbuch-wissenschaft/dp/3518293494

  4. Kardinal Novize Igor

    Es wundert mich ein wenig, dass ausgerechnet Du, der du fundierte Thesen, auch wenn sie sehr gut fundiert sind, nicht übernehmen magst, eine so vage Theorie, dass das Bewusstsein „Endzweck“ für irgendwas sei, doch recht unkritisch übernimmst.

    Abgesehen davon, machst du, für meine Begriffe, Gott doch viel zu klein, wenn du ihn derart unserer banalen Weltgeschichte unterworfen siehst. Ehrlicherweise muss ich sagen, dass mir dein Gottesbild zu irdisch und viel, viel zu klein ist.

    Insofern kann ich jetzt deine Emotionen bezüglich der Naturwissenschaften verstehen:

    Wenn du Gott SO klein siehst, ja dann sind die Naturwissenschaften natürlich größer, dann ist die Vision der modernen Physik tatsächlich viel tiefer und interessanter als die Schau Gottes! Dann musst du die Naturwissenschaften künstlich „verkleinern“ und ihre Bedeutung verringern, um dein Gottesbild daneben bestehen lassen zu können, logisch.

    Dann würde es mir aber ratsam erscheinen, sich nicht weiter in den naturwissenschaften zu zersteuen, und auch nicht in der Philosophie, auch nicht in der Theologie,

    sondern die Größe Gottes im Schweigen zu suchen, im Gebet und in der Kontemplation.

    LG KNI

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      „sondern die Größe Gottes im Schweigen zu suchen, im Gebet und in der Kontemplation.“
      Schöner und liebevoller hätte man den Satz, „halt die Klappe“ nicht formulieren können, Kompliment.
      Die These, dass das Selbstbewusstsein der Endzweck und nicht der Ausgangspunkt der Philosophie sei, ist alles andere als vage. Wenn Du meine Beiträge zu dieser These liest, die meist aus wörtlichen Zitaten von aus der Philosophie des Selbstbewusstseins bestehen, dann sollte das deutlich werden.
      https://hansarandt.wordpress.com/?s=stekeler
      http://www.amazon.de/Philosophie-Selbstbewu%C3%9Ftseins-Formanalyse-taschenbuch-wissenschaft/dp/3518293494/ref=asap_bc?ie=UTF8
      Nun zu der Kleinheit Gottes, die seine Größe keineswegs ausschließt. Es sollte Dir bekannt sein, dass Gott als Säugling auf die Welt kam Schutzlos und ohnmächtig, wie jeder andere Säugling auch. Und es sollte dir auch bekannt sein, dass er ans Kreuz gegangen ist und verzweifelt schrie: Mein Gott, mein Gott warum hast du mich verlassen.
      Das macht ihn aber keineswegs klein. Seine Größe besteht ja gerade darin sich klein zu machen und klein machen zu wollen. Wie sagte doch Jesus, wenn einer unter Euch groß sein will, dann mache er sich zum Diener der anderen.
      Die Macht Gottes unterscheidet sich ganz wesentlich von der Macht herkömmlicher Potentaten, sein Reich ist nicht von dieser Welt. Heißt es doch, Gott sei in den Schwachen mächtig.
      Interessant ist Deine Vermutung, dass ich mit meinem kleinen Gott neidisch auf die großen Errungenschaften der Naturwissenschaften sei. Ich werde darüber nachdenken. Meine eigenen Vermutungen habe ich vor allem in folgenden Beiträgen zum Ausdruck gebracht, die alle in den letzten Tagen entstanden sind.
      https://hansarandt.wordpress.com/?s=stekeler

      Antwort
  5. Kardinal Novize Igor

    „Die These, dass das Selbstbewusstsein der Endzweck und nicht der Ausgangspunkt der Philosophie sei, ist alles andere als vage. “ – Ich kann ichts in jenen Ausfühungen finden, die mir die These weniger vage erscheinen lässt. -man kann es glauben oder eben nicht…..

    ad „Klappe halten“:
    Nein, ich wollte damit definitiv nicht „halt die Klappe“ sagen, sondern auf das Wissen der Alten zurück greifen, die das Kontemplieren – als ein Finden des „logos“ nicht in quantitavem, sondern in qualitativem Sinne – praktiziert haben.

    Wir kennen alle das Gefühl, wenn uns -durch iregndein Erlebnis oder Innenschau – ein Wort in einer neueren und tieferen Bedeutung entgegen tritt. Das trifft auch auf den zu, der das „Wort“ selbst ist. Diese tiefere Sicht kann aber oftmals nur über die Einheit Kontemplation-Ruhe-Gebet-Schweigen-Schauen gefunden werden.

    Im übrigen glaube ich auch, dass sich Gott in Christus klein gemacht hat, aber eben in Christus, und nicht im Vater. Das ist für mich ein wesentlicher Unterschied, hierin liegt ja das Mysterium der Dreifaltigkeit.

    Ich muss den Vater nicht „verkleinern“, um die Demut Christi betrachten zu können.

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Wieso ist das mit dem Selbstbewustsein so schwierig? Hast Du noch nie die Erfahrung gemacht, dass dir nach Jahrzehnten etwas bewusst wurde auch über dich selbst, was du vorher noch nie in Betracht gezogen hast? Oder willst Du behaupten, du seist Dir immer schon selbst bewußt gewesen nachdem du bei der Geburt Deine Mutter verlassen hast. Gibt es nicht endlos viele Ratgeber und Trainigsprogramme, wie man sein Selbstbewustsein entwickeln kann?
      Wenn sich der Vater aber nicht verkleinert, wie kommt er dann rein in das Jesuskind (im Bild gesprochen) Wenn ich Glauben will, das Jesus nicht nur ein Prophet oder ein Versuchballon war, den sich Gott aus sicherer Distanz angeschaut hat, dann ist er nicht mehr der Mensch gewordene Gott, der ewige Logos, der Fleisch geworden ist, wie Johannes berichtet.
      Das bedeutet nicht, dass ich auf die Macht Gottes verzichten will, sie ist aber von anderer Art, sie ist in den Schwachen mächtig.

      Antwort
      1. Kardinal Novize Igor

        Ad „Selbstbewusstsein“: Du beantwortest mir hier Fragen, die ich gar nicht gestellt habe….

        Zum Thema „Verkleinerung“: Du solltest dir die Sache mit der Dreifaltigkeit noch mal anschauen! dann klärt sich deine Frage ganz von allein!

        LG KNI

      2. hansarandt Autor

        Willst Du damit sagen, dass es eine für alle Verbindliche Anschauung der Dreifaltigkeit gibt. Wenn Du mir sagst, wo ich die finden kann, dann schaue ich sie mir gerne an.

      3. hansarandt Autor

        Bei meinen Recherchen über die Trinität bin ich doch tatsächlich fündig geworden:
        Hegel sieht in seiner Philosophie, die er selbst für die auf den Begriff gebrachte Trinitätslehre der christlichen Tradition hält, einen wahrhaften Gottesdienst.
        Zufällig kam ich bei meiner Lektüre der Philosophie des Selbstbewusstseins von Pirmin Stekele-Weithofer gerade an die Stelle, an der er die diese Auffassung Hegels rekonstruiert, und das geht so:
        „Hegel deutet die Rede über Gott den Vater der Christlichen Theologie als absolute, und d.h. a fortiori: kontrafaktisch ideelle Rede über den Geist, also als Rede über die Kulturgeschichte sub specie aeternitas. Er ist die wahrhaft ewige, weil als Form zeitlose, Idee der vernünftigen Humanitas.
        Der Gottesssohn repräsentiert diesen Geist in seiner jeweiligen historischen Konkretheit, Bedingtheit und Endlichkeit. Er ist ein Ideal der Menschlichkeit, repräsentiert durch eine historische Person so wie etwa Sokrates das Ideal des Philosophen verkörpert.
        Der Heilige Geist ist die reale Entwicklung und Vertiefung dieser Humanitas im Fortgang der Geschichte, im Gespräch der Menschen, in der Entwicklung der Institutionen. (…)
        Hegel deutet damit die christliche Lehre von der Dreieinigkeit Gottes als Vorbegriff seiner eignen Einsicht in die dialektische Entwicklung des Geistes bzw. der Vernunft, was mancher als unbescheidene Anmaßung empfinden mag.
        Die größere Anmaßung besteht freilich darin, uns zu zwingen, traditionelle Metaphern nur zu verehren, oder uns zu überreden, sie ganz abzulehnen: Beides bedeutet nicht begreifen wollen.
        Wenn daher Hegel erklärt, dass Gott im Gedanken selbst zu finden ist, so ist dies trotz aller Zweideutigkeit ernst zu nehmen. Als platonischer Ironiker erklärt Hegel die Philosophie zum wahren Gottesdienst:
        Wahre Religion ist gemeinsame reflexive Analyse der Konstitution des Menschlichen, der im emphatischen Sinne humanen Welt, nicht private Kontemplation eines noch dazu jenseitig missverstandenen Gottes.
        Ich denke speziell an diesem Satz scheiden sich unsere beiden Geister:
        Die größere Anmaßung besteht freilich darin, uns zu zwingen, traditionelle Metaphern nur zu verehren, oder uns zu überreden, sie ganz abzulehnen: Beides bedeutet nicht begreifen wollen.
        Ich sehe mich als einen der seinen Glauben begreifen will, deshalb habe ich Theologie studiert und deshalb höre ich nicht auf immer neue dumme Fragen zu stellen. Du hingegen für die Kontemplation, die nur verehren, aber nicht begreifen will.
        So what? Des Menschen Wille ist sein Königreich.

  6. Kardinal Novize Igor

    PS: ad “Die These, dass das Selbstbewusstsein der Endzweck und nicht der Ausgangspunkt der Philosophie sei, ist alles andere als vage. ”

    Ich muss mich berichtigen: das Bewusstsein als Subjekt der Philosophie – dieses betrachtete Subjekt mag tasächlich der Endzweck der Philosophie sein.

    Ich dachte aber, dies scheint mir in deinem Text etwas zweideutig formuliert zu sein, dass du meintest, das Bewusstsein sei der Philiosophie oder sonst irgendwas untergeordnet, was ich nicht unterschrieben hätte.

    PPS.: Der Themenkreis Kontemplation-Ruhe-Schweigen hat sicherlich sehr viele Aspekte (siehe Theresa v. Avila, Meister Eckehart, Johannes vom Kreuz….).

    Und ich glaube, dass du mit mir darin übereinstimmst, dass der Aspekt „Klappe halten“ wohl einer der oberflächlichsten dieser Aspekte ist. Wolltest du dich da in Ironie üben und die Zeichen der Zeit spiegeln?

    Unsere Zeit ist ja überlaut, überschnell und geschwätzig.Sie hat mit Kontemplation nichts am Hut. Die Rhetorik unserer Zeit wird immer routinierter, der Inhalt immer flacher. Unsere Zeit hat die Ruhe, die Stille und das Schweigen verlernt….

    LG KNI

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      NIcht „Bewusstsein ist das Subjekt der Philosophie“, sondern die Praxis des kollektiv verankerten Subjekts ist das Bewustsein.
      Deinen Ausführungen über die Kontemplation und das Schwiegen stimme ich voll zu.

      Antwort
  7. Kardinal Novize Igor

    ad 2) sind wir uns einig! 🙂

    ad 1) Nö, zu oberflächliche Definition des Bewusstseins. Das wollen uns Diktatoren einreden, dass „bewusstsein“ nur als was Kollektivistisches verständlich wäre, nach dem Motto: „Nur gemeinsam sind wir Mensch.“ Na Hurra.

    LG KNI

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Das mit dem Kollektiv ist deskriptiv gemeint, es geht gar nicht anders. Ich kann mir nur selbst bewusst werden, wenn ich mich in einem anderen spiegele. Das autonome Individum ist niemals allein, sondern immer schon in eine Gemeinschaft hineingeboren, von der es die Sprache, das Denken und auch das Selbstbewustsein lernt.

      Antwort
  8. Kardinal Novize Igor

    ….und genau da fängt die Kontemplation an, um zu erkennen, dass diese Definoition des Bewusstseins zu oberflächlich ist…..

    LG KNI

    Antwort

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