Trinität für Fortgeschrittene

Hegel sieht in seiner Philosophie, die er selbst für die auf den Begriff gebrachte Trinitätslehre der christlichen Tradition hält, einen wahrhaften Gottesdienst.

Zufällig kam ich bei meiner Lektüre der Philosophie des Selbstbewusstseins von Pirmin Stekele-Weithofer gerade an die Stelle, an der er die diese Auffassung Hegels rekonstruiert, und das geht so:

„Hegel deutet die Rede über Gott den Vater der Christlichen Theologie als absolute, und d.h. a fortiori: kontrafaktisch ideelle Rede über den Geist, also als Rede über die Kulturgeschichte sub specie aeternitas. Er ist die wahrhaft ewige, weil als Form zeitlose, Idee der vernünftigen Humanitas.

Der Gottesssohn repräsentiert diesen Geist in seiner jeweiligen historischen Konkretheit, Bedingtheit und Endlichkeit. Er ist ein Ideal der Menschlichkeit, repräsentiert durch eine historische Person so wie etwa Sokrates das Ideal des Philosophen verkörpert.

Der Heilige Geist ist die reale Entwicklung und Vertiefung dieser Humanitas im Fortgang der Geschichte, im Gespräch der Menschen, in der Entwicklung der Institutionen. (…)

Hegel deutet damit die christliche Lehre von der Dreieinigkeit Gottes als Vorbegriff seiner eignen Einsicht in die dialektische Entwicklung des Geistes bzw. der Vernunft, was mancher als unbescheidene Anmaßung empfinden mag.

Die größere Anmaßung besteht freilich darin, uns zu zwingen, traditionelle Metaphern nur zu verehren, oder uns zu überreden, sie ganz abzulehnen: Beides bedeutet nicht begreifen wollen.

Wenn daher Hegel erklärt, dass Gott im Gedanken selbst zu finden ist, so ist dies trotz aller Zweideutigkeit ernst zu nehmen. Als platonischer Ironiker erklärt Hegel die Philosophie zum wahren Gottesdienst:

Wahre Religion ist gemeinsame reflexive Analyse der Konstitution des Menschlichen, der im emphatischen Sinne humanen Welt, nicht private Kontemplation eines noch dazu jenseitig missverstandenen Gottes.“

Die Philosophie des Selbstbewusstseins Seite 189

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