Was erklären die Naturgesetze?

Eine Erklärung ist die Antwort auf die Frage nach dem Anfang. Die Schöpfungsgeschichte ist beispielsweise eine Erklärung des Sabbatgebotes, weil es darauf zurückgeht, dass auch Gott ganz am Anfang nach seiner Arbeit geruht habe.

Interessanter Weise fängt die Bibel mit den Worten Im Anfang (b´reschit) an. Der Anfang ist in unserem Verständnis die Ursache, die ja auch dem Wort nach der die erste, anfängliche Sache, die Ursache ist.

Ich kann etwas, das erklärungsbedürftig ist, immer nur mit etwas anderem erklären. Das Unbekannte oder noch Unverstandene kann ich nur mit etwas anderem, was bereits bekannt und verstanden ist, erklären.

Ob die gegebene Erklärung überzeugen kann, ist eine ganz andere Frage.

Wenig überzeugend ist zum Beispiel, dass die Arbeitslosigkeit durch eine wirtschaftliche Flaute, die Jahreszeit oder das schlechte Wetter erklärbar sei.

Hier werden lediglich Zusammenhänge zwischen der Arbeitslosigkeit und anderen Phänomenen behauptet. Die Arbeitslosigkeit selbst wird damit überhaupt nicht erklärt. Das was die Arbeitslosigkeit ist, liegt in ihr selbst, in ihrem Wesen und in ihrer Wahrheit, wie Hegel sagen würde, nicht irgendwo in den Wolken.

Ebenso wenig ist das Naturgesetz der Gravitation eine Erklärung dafür wie die Gravitation zu Stande kommt. Es ist lediglich eine quantitative Beschreibung dessen, wie die Gravitation wirkt.

Vielleicht könnte man so formulieren: Die Beschreibung beschreibt etwas, wie es ist, die Erklärung versucht zu klären, wie und warum etwas  geworden ist.

Die Erklärung versucht etwas auf etwas anderes, Ursprünglicheres zurückzuführen.

Versteht man ein Naturgesetz so, als sei es der Ursprung eines Phänomens, dann steht dahinter die Vorstellung, es habe das Gesetz der Gravitation schon gegeben, bevor es Körper gab, die diesem Gesetz unterliegen können.

Das ist die deistische Vorstellung des siebzehnten Jahrhunderts, die davon ausgeht, dass Gott seine Gesetze erlassen und sich anschließend aus dem Weltgeschehen zurückgezogen habe. Der Begriff des Naturgesetzes hat in dieser Theologie ihren Ursprung.

Ich glaube nicht, dass die Naturgesetze etwas in diesem Sinne Äußerliches sind. Ich denke, dass die Naturgesetze mit der Natur, die sie beschreiben geworden sind.

Naturgesetze sind nicht anders als die Gesetze, die das menschliche Zusammenleben regeln. Auch diese Gesetze wurden erst mit der Zeit parallel mit der zunehmenden Komplexität der Gesellschaften entwickelt.

Sicher gab es noch keine Gesetze, die den Geldverkehr regeln, bevor es überhaupt Geld gab.

Das Gesetz der Gravitation entsteht mit den Körpern, die es beschreibt, und es verschwindet auch wieder, wenn es diese Körper nicht mehr gibt.

Es gibt keine ewig gültigen Naturgesetze und kann sie gar nicht geben, weil es in der Natur keine Gegenstände gibt, die nicht dem Werden und Vergehen unterworfen sind, auf die diese Gesetze Anwendung finden könnten.

Was erklären also Naturgesetze?

Sie erklären gar nichts. Sie beschreiben und quantifizieren kontinuierliche Phänomene in der Natur und machen sie vorhersagbar.

Es ist ein Irrtum zu glauben, dass nur die Wissenschaft in der Lage sei, Vorhersagen zu machen.

Unbewusste Vorhersagen steuern unser ganzes Verhalten. Wer schon einmal eine Treppe hinunter gegangen ist, deren unterste Stufe erhöht oder erniedrigt wurde, erinnert sich daran, dass er ins Stolpern kam.

Bei jedem Schritt macht unser zentrales Nervensystem eine Vorhersage, wie weit der Boden von unseren Füßen entfernt ist. Wir verlassen uns dabei unbewusst auf Erfahrungswerte und nur in unbekanntem Terrain kontrollieren wir jeden Schritt bewusst.

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20 Gedanken zu „Was erklären die Naturgesetze?

  1. rotegraefin

    Es gibt aber Erfahrungen und aus diesen Erfahrungen heraus kann ich mir einiges erklären und oft schließt eben der Mensch von sich auf andere. Da bedarf es dann der Kommunikation und des Austausches um einen undefinierbaren Einheitsbrei zu vermeiden oder erst einmal aufzulösen.

    Antwort
  2. Kardinal Novize Igor

    @hansarandt

    Wo auf Erfahrung basierende Erkenntnisse einzuordnen sind, hat Kant mit seinem „a posteriori“ Begriff ganz gut eingeordnet.

    Demnach aber stimmt es so nicht, dass Naturgesetze nichts erklären. Auf Basis gründlicher Kenntnisse der Naturgesetze wurden Computer gebaut, Medikamente entwickelt etc. Und hinter einer Entwicklung steckt natürlich immer auch eine Erklärung und ein Erklärenlassen – auf Basis der Naturgesetze.

    Nur eines erklären die Naturgesetze (eigentlich: die Natur-Axiome, hier gilt es zu unterscheiden, es gibt auch aus diesen Axiomen abgeleitetes) nicht: sich selbst. Das bedeutet aber nicht, dass sie „nichts“ erklären. Nur in die Erkenntnisse, die „tiefer“ liegen als sie selber, dringen sie nicht vor.

    Wenn man aber Erklärung unbedingt als ein hinter die Axiome dringendes sehen will, dann erklärt aber auch die Theologie gar nichts, da mir kein Theologe bekannt ist, der „hinter“ das Geheimnis Gottes gekommen wäre….

    LG KNI

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Eine Erklärung versucht etwas noch Unbekanntes mit etwas bereits Bekanntem zu erklären.
      Es gibt verschiedene Arten des Erklärens:
      Die bekanntesten sind die Rückführung auf eine Ursache oder die Reduktion auf einzelne Bestandteile. Diese beiden Methoden sind die beliebtesten in der Naturwissenschaft.
      Man kann aber auch etwas erklären, indem man eine Geschichte erzählt, das machen die Historiker von Haus aus, das ist auch eine beliebte Methode in den Religionen, findet aber auch in der Naturwissenschaft ihre Anwendung. Denn auch die Geschichte vom Urknall ist eine Geschichte eines Anfangs und einer Entwicklung analog zur bekannten Schöpfungsgeschichte.
      Ein Naturgesetz ist weder das eine noch das andere. Es ist die mathematische Beschreibung! einer Erfahrung posteriori.
      Wollte man in dem Gesetz der Gravitation die Ursache der Gravitation sehen, dann wäre das in etwa so als wollte man in der Höhe der Quecksilbersäule eines Thermometers die Ursache für die Temperaturveränderung erkennen wollen.
      Die Ursache der Gravitation ist bis heute unbekannt, genauso wie die Ursache des Urknalls oder die Frage danach, wer denn dann Gott erschaffen hat. Eine letzte Antwort kann nur der erhalten, der keine! weiteren Fragen stellt. Es ist dabei völlig egal, wer die Fragen stellt und wer sie nicht beantwortet, die Theologie, die Naturwissenschaft, Fritzchen, Georg oder wer auch immer.

      Antwort
  3. Kardinal Novize Igor

    Nun, wenn du „Geschichten erzählen“ schon als Erklärung auffasst, dann gehören aber „mathematische Geschichten“ auch dazu. Also Ableitungen etc….auch in Zusammenhang mit Naturgesetzen – alles „Geschichten“, logische obendrein.

    Warum aber sagst du dann, Naturgesetze würden nichts erklären?

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      „stimmt nicht“ ist eine Behauptung, weder ein Argument noch eine Begründung. Es müsste heißen, stimmt nicht, weil….und dann könnt von mir aus kommen, weil es ein Klischee ist, aber dann müsste es weiter gehen: Es ist ein Klischee weil….?

      Antwort
    1. hansarandt Autor

      Ein Naturgesetz ist die mathematiusche Beschreibung eines in der Regel kontinuierlichen und wiederholbaren und deshalb auch VorhersagbarenVorgans in der Natur.

      Hier noch ein Gedanke zum Thema den ich als Kommentar woanders hinterlassen habe:
      Eine Erklärung versucht etwas noch Unbekanntes mit etwas bereits Bekanntem zu erklären.
      Es gibt verschiedene Arten des Erklärens:
      Die bekanntesten sind die Rückführung auf eine Ursache oder die Reduktion auf einzelne Bestandteile. Diese beiden Methoden sind die beliebtesten in der Naturwissenschaft.
      Man kann aber auch etwas erklären, indem man eine Geschichte erzählt, das machen die Historiker von Haus aus, das ist auch eine beliebte Methode in den Religionen, findet aber auch in der Naturwissenschaft ihre Anwendung. Denn auch die Geschichte vom Urknall ist eine Geschichte eines Anfangs und einer Entwicklung analog zur bekannten Schöpfungsgeschichte.
      Ein Naturgesetz ist weder das eine noch das andere. Es ist die mathematische Beschreibung! einer Erfahrung posteriori.
      Wollte man in dem Gesetz der Gravitation die Ursache der Gravitation sehen, dann wäre das in etwa so als wollte man in der Höhe der Quecksilbersäule eines Thermometers die Ursache für die Temperaturveränderung erkennen wollen.
      Die Ursache der Gravitation ist bis heute unbekannt, genauso wie die Ursache des Urknalls oder die Frage danach, wer denn dann Gott erschaffen hat. Eine letzte Antwort kann nur der erhalten, der keine! weiteren Fragen stellt. Es ist dabei völlig egal, wer die Fragen stellt und wer sie nicht beantwortet, die Theologie, die Naturwissenschaft, Fritzchen, Georg oder wer auch immer.

      Antwort
  4. hansarandt Autor

    Wenn du daran glaubst, dass Gott oder die Natur die Gesetze erlassen hat, nach denen sich die Natur dann richten muss, wie die Deisten des 17. Jahrhunderts, dann erklären die Naturgesetze etwas, weil sie sie für eine Ursache halten.
    Wenn Du wie ich in solchen Fragen lieber ohne Mystifikationen auskommen willst, dann musst du ehrlicher Weise zugeben, dass die Naturgesetze lediglich eine mathematische Beschreibung in der Natur wirksamer Kräfte sind.

    Antwort
  5. Kardinal Novize Igor

    ad1) Warum sollte Gott die Naturgesetze NICHT erlassen haben? Steht die Natur etwa „über“ Gott? Sind nicht alle Kräfte von Gott? Über die Formulierungen der Wirkweisen der Kräfte lässt sich freilich streiten, aber über die Kräfte – s. Kant – an sich wohl kaum.

    ad 2) Richtig! Und nichts anderes behaupten Naturwissenschaftler seit jeher, und langsam scheint es auch Theologen klar zu werden! 🙂

    wobei man sich den Terminus „LEDIGLICH eine mathematische Beschreibung…“ sparen könnte, weil dahinter zumeist eine gewaltige Kunst steckt…..

    LG KNI

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Für einen gläubigen Christen ist das natürlich kein Problem sich vorzustellen, dass Gott die Naturgesetze erlassen hat. Für einen atheistischen Naturwissenschaftler aber schon, nur den weise ich darauf hin, dass er die Naturgesetze unbewusst mystifiziert.
      Das Wort „lediglich“ bedeutet dass etwas lediglich das eine und nicht auch noch etwas anderes ist, also lediglich eine Beschreibung und nicht auch eine Erklärung so ähnlich wie wenn ich sagen würde, dieser Zettel ist lediglich ein Veranstaltungshinweis auf ein Konzert und nicht auch schon die Eintrittskarte. Mit diesem Ausdruck wollte ich etwas differenzieren, nicht herabwürdigen.

      Antwort
  6. Kardinal Novize Igor

    @hansarandt:
    Dann sind wir uns einig!

    Wobei ich noch hinzufügen möchte, dass ein gläubiger Naturwissenschafter seinen intellektuellen Auftrag wohl so betrachtet, dass er alles, was sich logisch oder aposteriorisch herleiten lässt, auch herleitet (und damit sein „Talent“, siehe Gleichnis im NT auch nützt), und was er nicht herleiten kann, wozu die „Gnadengaben“ zählen welche etwa im katholischen Hochgebet erwähnt werden, in Dankbarkeit annimmt.

    LG KNI

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      So wie du das sagtst, finde ich das völlig in Ordnung nur sollte der Naturwissenschaftler seine Gandengaben nicht an der Haustür abgeben, wenn er mit seiner Arbeit beginnt. Die Gnadengabe der Weisheit, das Gute und das Böse unterscheiden zu können, sollte er schon in sein Labor mitnehmen, seinen aposteriorischen Verstand braucht er aber zum Hochgebet nicht mitzunehmen, das wirkt auch so. Wir Protestanten haben die Schwäche, dass wir unseren Verstand nur schwer ausschalten können, auch nicht im Gottesdienst, das ist manchmal hinderlich.

      Antwort
  7. Kardinal Novize Igor

    Er gibt seine Gnadengaben nicht bei der Haustüre ab, keine Sorge! Darum gibt es zb. auch genügend Wissenschaftler, die sich weigern, für die Waffenindustrie oder skrupellose Pharmariesen zu arbeiten.

    Da auch ein Naturwissenschaftler in der Kirche erst einmal Mensch, dann Christ ist, und dann erst einmal gar nichts, wird sein aposteriorischer Verstand wohl erst einmal (bis vielleicht auf die predigt, wo er sich mitzudenken gestattet), keine sonderliche Verwendung finden.

    Dass aber jemand, egal wer, an der Kirchentür seinen Verstand sozusagen abgebe, und sei es auch beim Hochgebet, wird wohl weder möglich noch zielführend sein….

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Was ich nur sagen wollte, war dass in der Kirche mehr als nur der Verstand gebraucht wird und das er dort nur eine untergeordente Rolle spielt. Die Menschen gehen nicht in die Kirche, um sich schlau zu machen, sondern weil sie auf das Evangelium hören und sich von ihm etwas sagen lassen wollen und noch aus einigen anderen Gründen.

      Antwort

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