Berlin 1945

Heinz von Foerster berichtet:

Also ich war an diesem Morgen (19. April 1945) zurück in der Firma; Zehn Uhr, elf Uhr und auf einmal tönten die Luftangriffssirenen über ganz Berlin.

Die Firma hatte einen wunderschönen Turm. Wir steigen auf den Turm hinauf und sehen ein Flugzeuggeschwader nach dem anderen. Von Überall kommen die Flugzeuge, die B-17 in Formationen, immer jeweils fünfzehn Flugzeuge, ein Geschwader nach dem anderen.

Die werfen ihre Bomben auf Berlin, das ein bisserl weiter nordwestlich von Köpenick liegt, wo die Firma ist. Wir sehen also die Bombardements von Berlin. Das ging so Stunden und Stunden. Es waren vielleicht zweitausend amerikanische und englische Flugzeuge, die ihre Bomben auf Berlin abgeworfen haben.

Und es gab kaum mehr eine Verteidigung, Luftabwehrkanonen waren schweigsam.  Die waren schon zerbombt oder nicht mehr da. und Berlin ist langsam in einer Rauchwolke aufgegangen. Es hat genauso wie eine  mushroom cloud von einer Atombombe ausgeschaut.

Also als das vorbei war nach vier oder fünf Stunden habe ich gesagt: „Ich muss zu den Demmlers. Das schaut ja aus, als ob das alles zerbombt worden ist.“

Also ich bin sofort mit der Straßenbahn zur S-Bahn gefahren. Ich wollte nach Norden fahren. Der Zug ist nur fünf oder sechs Stationen gefahren.

Dann bin ich ausgestiegen und zu Fuß nach Berlin marschiert, an allen Bahnhöfen vorbei, die alle zerbombt waren. Tausende von Toten lagen da. die ganzen Flüchtlinge aus Schlesien und aus dem östlichen Deutschland saßen ja auf den Bahnhöfen. Sie sind alle bei den Bombenangriffen getötet worden.

Einige Tage später:…

Das war ein unerhörtes Abenteuer. Ich bin zum Anhalter Bahnhof gegangen und habe auf die letzten Züge nach Westen gewartet. Auf dem Bahnsteig waren die Flüchtlinge aus dem Osten. Die hatten alle ihr Gepäck dabei und haben die letzten Züge benutzt.

Sie konnten aber mit ihrem Gepäck nicht mehr einsteigen. Es war einfach zu viel. Es war kein Platz mehr da. Sie haben ihr Gepäck also stehen gelassen und sind in den Zug eingestiegen.

So waren die Bahnsteige voll mit dem zurückgelassenen Gepäckstücken der Flüchtlinge aus dem Osten. Da standen die Koffer und Säcke, die Körbe, die Rucksäcke und alles. Du konntest kaum über den Bahnsteig gehen.

Dann kam schließlich ein Zug angefahren, rückwärts, der Anhalterbahnhof war ja ein Kopfbahnhof. Man konnte nicht durch die Türen in den Zug einsteigen, weil die zurückgelassenen Koffer,  Rucksäcke und Säcke  so hoch gestapelt waren, dass man die Türen der Waggons nicht mehr aufmachen konnte.

Ich bin also durch ein Fenster in den Zug geklettert, habe gerade noch meinen kümmerlichen Rucksack mitgenommen, dann bin ich in Richtung Westen abgefahren.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s