Vernunft und Wirklichkeit

Hegel sagt, die Wirklichkeit sei vernünftig und umgekehrt, das Vernünftige sei wirklich. Das hängt aber davon ab, was man unter Vernünftigkeit und was man unter Wirklichkeit verstehen will.

Tatsache ist, dass das eine mit dem anderen wechselwirkt. Wirklichkeiten, wie wir sie im zwanzigsten Jahrhundert während zweier Weltkriege haben erleben müssen, lassen an der Vernunft zweifeln.

Das gängige Erklärungsmuster, für die scheinbar außer Rand und Band geratene Menschheit ist  der Wahnsinn der Akteure, also deren Unvernunft.

Nun gibt es aber auch den umgekehrten Vorgang. Die Vernunft, oder das, was dafür gehalten wird, kann die Wirklichkeit verändern.

Eine Zeit lang galt es als vernünftig, wenn sich ein Volk gegen das andere behauptet und durchsetzt.

Dieses Verständnis von Vernunft ist keineswegs überholt oder gar abgeschafft worden, sondern lebt in modifizierter Form weiter und bestimmt unsere Wirklichkeit.

Das neue Dogma lautet, der Einzelne, das Individuum müsse sich gegen das andere durchsetzten und behaupten. Das sei angeblich die einzige Motivation unserer menschlichen Handlungen.

Jeder will im globalen Konkurrenzkampf bestehen, auf dem Arbeitsmarkt, in der Familie gegen die Geschwister, im Kampf der Geschlechter, im Kampf um Wohlstand und um einen Platz an der Sonne.

Dieses Dogma geht auf Thomas Hobbes und eine Strömung in der angelsächsischen Philosophie zurück. Es bestimmt das strategische Denken im Kalten Krieg und wird zu herrschenden Lehre in der Ökonomie durch Milton Friedmann und in der Gesellschaft durch Ayn Rand.

Diese Lehre, die den Menschen auf seinen Selbsterhaltungstrieb gegen andere Menschen reduziert und das zu seiner Vernunft erklärt, schafft und produziert damit die Wirklichkeit, die sie angeblich nur analysiert.

Ein Mensch, der ausschließlich seinen individuellen Nutzen und Vorteil im Auge hat, ist vollständig berechenbar. Er fügt sich in die Modelle der Spieltheorie, wie vormals das Individuum in die Masse beim Aufmarsch.

Wer die Vernunft wider alle Vernunft auf den Egoismus reduziert, kann so die Wirklichkeit erfolgreich in den Wahnsinn treiben.

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts zeigt auf erschreckende Weise, dass das möglich ist.

Wer sich mit diesem Thema vertieft auseinandersetzten will, dem sei das letzte Buch, Ego – das Spiel des Lebens, von FAZ-Herausgeber Frank Schirrmacher verwiesen oder der Podcast mit Fefe auf Alternativlos

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43 Gedanken zu „Vernunft und Wirklichkeit

  1. Titus Pauly

    Ich denke, dass bzgl. der Vernunft bisher weder in der Erkenntnistheorie noch in der Psychologie bisher zureichende Bestimmungen vorliegen.
    Zunächst sollte die Vernunft vom Verstand unterschieden werden und zwar prinzipiell, kategorial und hinsichtlich ihrer Methode und Bedeutung. Denn oft findet man die Begriffe Vernunft und Verstand synonym verwendet, womit dann mit Vernunft meist der menschliche Verstand im Gegensatz zum tierischen gemeint wird.
    Kants unterschied den Verstand als Vermögen der Begriffe von der Vernunft als Vermögen der Prinzipien. Da aber der Verstand auf Kategorien sich gründet, ist auch er ein Vermögen der Prinzipien. Natürlich sind jedoch die Unterscheidungen bei Kant um einiges differenzierter.
    Ich für meinen Teil schlage alles dem Verstande zu, was Kant als theoretische Vernunft beschreibt. Vernunft im eigentlichen Sinne ist mir Kants praktische Vernunft.
    Ich unterscheide Verstand und Vernunft von Methode und Bedeutung her derart, dass der Verstand nach Gesetzen der Logik denkt, die Vernunft aber nach Gesetzen der Dialektik wertet.
    Freilich ist dieser Ansatz mit Kant nicht verwertbar, da Kant die Dialektik als eine Logik des Scheins ablehnte. Es lässt sich sogar zeigen, dass die Logik selbst ein begrenzter Spezialfall der Dialektik ist und man umgekehrt zu den Grundsätzen der Dialektik gelangt, wenn man die drei Grundsätze der traditionellen Logik ins Gegenteil kehrt.
    Wie sich Vernunft auswirkt hängt zudem vom Entwicklungsgrad der Vernunft ab, der insgesamt sieben Stadien umfasst und hinsichtlich der moralischen Auswirkung von Lawrence Kohlberg beschrieben wurde.
    Erst wenn diese erkenntnistheoretische Vorarbeit geleistet ist, bedarf die Frage danach was Vernunft sei, in ihrer Beantwortung nicht mehr der konkreten Handlungsbeispiele (Kriegstreiberei, Selbsterhalt…), sondern kann allein allgemein beantwortet werden. Ansonsten fallen die Antworten noch oft in der Weise aus, wie dem Sokrates auf die Frage, was denn das Schöne sei, mit Verweis auf schöne Dinge geantwortet wurde.

    Der hier nur angerissene Sachverhalt wird später noch ein Kapitel im Thema meines Blogs werden. Kann jedoch noch eine lange Zeit dauern, weil der Fahrplan es recht weit hinten vorsieht und ich derzeit nichtmal recht Zeit finde, das aktuelle Kapitel zu beenden.

    Lieben Gruß
    Titus

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Vielen Dank für Deinen ausführlichen Kommentar.

      Besonders interessant finde ich die Unterscheidung zwischen Verstand und Vernunft bei Hegel. Er sagt:

      Hegel wörtlich:

      “Der Wirklichkeit des Vernünftigen stellt sich schon die Vorstellung entgegen, dass sowohl die Ideen als auch die Ideale weiter nichts als Schimären eines Hirngespinstes seien. Und umgekehrt, dass die Ideen und Ideale etwas viel zu vortreffliches seinen, um wirklich zu sein und viel zu ohnmächtig, um sich Wirklichkeit zu verschaffen.

      Aber die Abtrennung der Wirklichkeit von der Idee ist besonders bei dem Verstande beliebt, der die Träume seiner Abstraktionen für etwas Wahrhaftes hält. Und auch das Sollen, das er gerne auch im politischen Felde vorschreibt, ist eitel.

      Als ob die Welt auf ihn gewartet hätte, um zu erfahren, wie sie sein solle aber nicht sei. Wäre sie, was sie sein soll, wo bliebe die Altklugheit des Sollens?”

      Die Gedanken, die ich mir selbst dazu gemacht habe finden sich auf meiner Seite Hegel:
      https://hansarandt.wordpress.com/hegel/

      Antwort
      1. Titus Pauly

        Werd ich mir mal durchlesen.

        Was Hegel betrifft: Absoluter Idealismus geht zu weit, da bin ich eher bei Fichte oder Schelling.
        Dialektik ja, aber nicht anstatt Logik, sondern ergänzend.
        Zudem muss ich zugeben, dass ich von Hegel allein die Ph. d. G. gelesen habe. Dies war für den Rest abschreckend genug, weil ich finde, dass er sich viel zu kompliziert ausdrückt. Das gilt vielleicht auch für Kant. Aber bei ihm mag ich wenigstens den Stil.
        Mit Nicolai Hartmann verbindet mich inhaltlich viel, und ebenso mit Lotze, dessen Stil ich zudem sehr mag.

      2. hansarandt Autor

        Ich frage mich, was an Hegels „Idealismus“ absolut sein soll. In seiner Wissenschaft der Logik, was ich für sein wichtigstes Buch halte, geht er vom Realismus aus. Er konstruiert nicht Begriffe im luftleeren Raum, sondern rekonstruiert, wie wir die Wirklichkeit begreifen und wie wir mit Begriffen umgehen. Das interessante an seiner Logik ist, dass sie beschreibt, wie wir tatsächlich denken, nicht wie wir formal richtig denken sollten. Seine Wissenschaft und sein ganzes Denken sind deskriptiv. Er versucht zu ergründen, wie die Vernunft in der Natur und in der Geschichte und in unserem Denken wirkt, nicht wie sie „idealer“ Weise wirken sollte. Man muss die Welt nicht mit den Augen Hegels betrachten, doch wenn man sie allein mit dem Verstand durch Abstraktion zu begreifen versucht, entgeht einem nicht nur das meiste sondern auch das wesentliche.

      3. Titus Pauly

        Hegel knüpft an an Fichte und Schelling. Mit Schelling möchte er gegen Fichte die Realität des Gegenständlichen Seins nicht aus dem subjektiven Bewusstsein begründen, sondern als etwas Selbständiges und dem Subjekt wirklich Gegenüberstehendes betrachten. Dennoch will er aber auch nicht das Gegenständliche Sein vom Bewusstsein trennen. Er geht deshalb mit Schelling den Schritt zum objektiven Idealismus. Das Gegenständliche Sein ist auch Geist. Es ist das Denken des Weltgeistes. Alles ist in diesem Weltgeist begründet: Denken des Individuums, Wahrheit und Sein sind alle Ausdruck des Weltgeistes. Alles ist in ihm enthalten. Deshalb spricht man auch von absolutem Idealismus.

      4. hansarandt Autor

        Wenn ich dich richtig verstanden habe, geht die der absolute Idealismus zu weit. Warum?
        Wie sollte man denn das gegenständliche Sein vom Bewusstsein trennen, wo doch auch das gegenständliche Sein uns nur vermittels des Bewusstseins zugänglich ist. Es gibt keine Erfahrung vor dem Denken, diese Position hat auch schon Kant vertreten und ich wüsste nicht, wer das bis heute mit welchen schlüssigen Argumenten widerlegt haben sollte.
        Der Positivismus hat diese Fragen nicht beantwortet sonder einfach nur diese Fragen verboten, sie als „Scheinprobleme“ diffamiert.

      5. Titus Pauly

        Auch ich halte ja die Position von Kant für unhintergehbar. Ich bin keinesweg Realist oder gar Positivist, Materialist oder Naturalist. Die Sinne geben uns nur die Erscheinungen der Dinge an sich zu erkennen. Diese Erscheinungen aber sind bloße Vorstellungen der Sinnlichkeit und befinden sich allein im unseren Bewußtsein. Dies will ich also keineswegs widerlegen sondern ist mein Standpunkt. Die Trennung des Gegenständlichen Seins vom Bewußtsein erfolgt für mich durch die zweifache Betrachtungsweise der Dinge als „Dinge an sich“ (real) und „Dinge für uns = Erscheinungen“ (ideal). Dies ist auch die Position Kants, der den Begriff Erscheinungen jedoch auch manchmal so verwendet hat, das man diesen als Begriff für Reales halten kann. Der Realist nutzt dies um die Erscheinungen Als real zu betrachten und die Dinge an sich als ideal (völlige Umkehrung Kants), um dann die unbequemen Dinge an sich abzuschaffen.
        Die Realität der Dinge an sich muss ich jedoch annehmen, da ich sonst keine Erscheinung davon haben könnte. Die Dinge an sich, d.h. Die Realität zu bestreiten führt dazu, dass wir die Erscheinungen nichtmal als Illusionen betrachten können, da auch diese ein reales Objekt als Auslöser erfordern, sondern als Halluzination.
        Darauf basierend lässt sich aber keine allgemeine Philosophische Theorie aufbauen. Eine allgemeine Theorie muss auch bestand haben, wenn man sie auf sich selbst anwendet. Dies ist jedoch bei Theorien mit negierenden Ansatz nicht möglich, da diese dadurch entweder sich selbst, oder ihren Gegenstand aufheben. D.h. Wenn die Halluzilation selbst eine Hallizilation ist, dann ist sie keine, sondern Realität. Ebenso habe ich wahr gesprochen, wenn es eine Lüge ist, dass ich gelogen habe…
        Da ich die Dinge an sich den Erscheinungen vorgängig betrachte, denn erst muss das Ding da sein, bevor ich davon eine Erscheinung haben kann, nenne ich meine Position Realidealism. Absoluter Idealismus geht mir daher diesbezüglich zu weit.
        Ich bin jedoch trotz der Dualität von Ding an sich und Erscheinung ein Substanzmonist wie Spinoza.
        Aber sicherlich wirst Du nicht von mir verlangen dies hier im Kommentar auszuführen.

      6. hansarandt Autor

        Vielen Dank für Deinen sehr interessanten Kommentar. Wahrscheinlich sind wir uns im den wesentlichen Fragen einig.
        Ich bin auch ein großer Fan von Markus Gabriel, Paul Boghossian, Maurizio Ferraris, Hilary Putnam und anderen, die ihren „Neuen Realismus“ in die Debatte werfen und vor allem Positionen bestreiten, die in der Quantenphysik in der Diskussion um Schrödingers Katze zum Teil eingenommen wurden.
        Es ist unbestreitbar, dass unser Alltagsverstand nur funktionieren kann, insofern wir den Unterschied von Realität und Illusion, Traum oder Phantasie, feststellen können und unser Handeln danach ausrichten.
        Ich halte philosophische Positionen, die mit unserem Alltagsverstand nicht kompatibel sind für grundsätzlich problematisch.
        Ich denke, dass das, was Hegel mit „absoluten Idealismus“ meint keine Forderung ist, keine höher entwickelte Philosophie, sondern eine rein deskriptive Beschreibung dessen, was wir tun, wenn wir denken.
        Es ist eine Tatsache, dass das Denken absolute Begriffe wie Gott hervorgebracht hat und dass auch das moderne atheistische Denken nicht ohne absolute Begriffe auskommt. Zum Beispiel der Begriff der „Objektivität“ ist ein solcher absoluter Begriff, der in der Naturwissenschaft nicht weiter in Frage gestellt sondern vorausgesetzt wird, wie der freie Wille in der praktischen Vernunft.
        Denken ohne absolute Begriffe ist meiner Meinung nach nicht denkbar. Selbst wenn man behaupten wollte, es gäbe keine absoluten Begriffe, wäre das selbst wieder eine absolute Aussage.
        Eine Philosophie sollte, wie du richtig sagst, auch auf sich selbst angewendet werden können.
        Hegel schreitet vom Ding an sich, wie es in der Realität ist, zu dem Begriff des Dings, was es für mich ist, zu dem Ding an und für sich fort, in dem beides dialektisch aufgehoben ist.
        Die Naturwissenschaft folgt dem reduktionistischen Modell, indem es einzelne Faktoren aus einer Komplexeren Struktur herauslöst und analysiert.
        Hegel versucht in seiner Logik die Dinge in ihrem Kontext zu begreifen. Die Geisteswissenschaften folgten lange Zeit diesem Modell und nannten es Hermeneutik.
        Ich habe in dieser Tradition meine Wurzeln und mir scheint, dass mit dieser Methode die Welt, wie sie tatsächlich ist, besser verstanden werden kann.
        Wenn ich allerdings die Wirklichkeit nicht verstehen sondern statt dessen verändern will, wie Marx in völliger Verkehrung dessen, was Hegel meinte, gefordert hat, dann bin ich bei der Naturwissenschaft besser aufgehoben, die möglichst alles beherrschen, ihren Algorithmen unterwerfen und manipulieren will.

      7. Titus Pauly

        Hier bin ich nun mit absolut jedem Wort mit Dir einig. Bis auf die „Wurzeln“ die bei mir andere sind und die ich Dir bei Gelegenheit darstellen werde, hätte dieser Text auch von mir sein können.

        Wie aber soll es weiter gehen mit der Philosophie? Was meinst Du welche Richtung sie nehmen wird? Wird oder soll die analytisch geprägte anglo-amerkanische Richtung vorherrschend bleiben? Und wie kann man der Philosophie bei den Naturwissenschaften wieder Gehör verleihen?

      8. hansarandt Autor

        Leider hat es die Philosophie sehr schwer und ein bestimmtes Paradigma der Naturwissenschaft hat bereits die Macht über das Denken übernommen und nimmt mehr und mehr erschreckend totalitäre Züge an.
        Unsere Gesellschaft wird den Utopien der Schönen neuen Welt von Aldous Huxley und dem Roman 1984 von George Orwell immer ähnlicher.
        Schön an der schönen neuen Welt ist, dass wir uns mit Informationen selbstbestimmt versorgen können, wie es noch vor kurzem undenkbar gewesen wäre.
        Ich sehe aber auch an vielen Ecken orwellsche Tendenzen, die diese Informationsfreiheit und Meinungsfreiheit bereits wieder einschränken.
        Ich denke unsere Zeit braucht Propheten, die es anders sehen und auch laut sagen. Einer davon, war Frank Schirrmacher, wie gesagt, jetzt ist er tot. Aber seine Bücher kann man noch lesen, es lohnt sich.

      9. Titus Pauly

        Darüber hinaus mag es durchaus sein, dass Hegel unser Denken so darstellt, wie Du es beschreibst. Da ich mich jedoch nur sehr wenig direkt mit Hegel beschäftigt habe, kann ich dies nicht beurteilen. Hegel stand natürlich immer auch auf meiner Liste derer, die ich für wichtig halte und mit denen ich mich beschäftigen wollte, bisher aber fehlte mir die Zeit dazu, denn Hegel ist ja nicht mal eben nur durchzulesen sondern bedarf der intensiven Einarbeitung.

      10. hansarandt Autor

        Ich glaube sogar, man muss Hegel sogar lieben, um sich die Mühe zu machen, Ihn verstehen zu wollen. Ich bin da selber ganz am Anfang. Er selber hat einmal gesagt, niemand habe ihn verstanden außer einem, und der habe ihn auch nicht verstanden.

      11. Titus Pauly

        Übrigens halte ich die Erzeugung der Vorstellung von Idealen Nicht für ein wirken der Vernunft. Sie entstehen infolge logischen Schließens und oft durch Negation von Begrenzungen. Für meine Theorie sind sie damit reine Verstandeserzeugungen. Sache der Vernunft ist es, wie man sich dazu stellt, d.h. im Rahmen welcher Modalität man Seinsaussagen über solcher Ideale tätigt, wobei natürlich zu unterscheiden ist, um was für eine Art Ideal es sich handelt: Gott, Freiheit oder ein gedachtet Kreis…

      12. hansarandt Autor

        Auch der Begriff Baum oder Dampfmaschine ist ein „Ideal“, wie jeder Begriff. Das hat Hegel in seiner Wissenschaft der Logik überzeugend zeigenkönnen. Wie sollte Denken ohne „Ideale“ möglich sein?

      13. Titus Pauly

        Was Du hier ansprichst ist ja nicht erst seit Hegel als Problem offenbar, sondern geht auf eine Problematik zurück, die Aristoteles offen gelassen hat und die als Universalienstreit seither die gesamte Philosophiegeschichte durchzieht – und als eigentlicher Kampfplatz der Metaphysik bis heute ungelöst ist.

      14. Titus Pauly

        Ontologischer oder semantischer Realismus, Idealismus oder Nominalismus, Intuitionismus oder Konstruktivismus oder ganz was anderers. Zudem realistische oder instrumentalistische Theorieauffassung. Zumindest unter Philosophen ist es ein Allgemeinplatz, dass der Universalienstreit nach wie vor ungelöst ist.
        Falls er für Dich gelöst ist, dann gehörst Du einer beneidenswerten Minderheit an und solltest Deine Theorie veröffentlichen.
        Wie eine Lösung aussehen sollte. Keine Ahnung – allein das zu analysieren würde Bände füllen , die sich zu beschäftigen hätten mit Sichtweisen von Whitehead, der die Subjekt-Prädikat-Form von Aussagen in „Prozess und Realität“ abschafft, mit Quines „ontological comitments“ über die in einer Ontologie verwendeten Variablen, aber auch mit Kripke und der Problematik semantischer Geschlossenheit künstlicher Sprachen.
        Die Fragestellungen, die sich im Zusammenhang mit einer eingenommenen Position zum Universalienstreit ergeben sind so sehr komplex und weitreichend, dass es wahrscheinlich nichtmal mehr auffallen würde, wenn die Lösung schon irgendwo rumliegt. Man würde sie als solche wohl kaum erkennen.
        Wenn Hegel die Lösung wäre, dann würde man diese Frage heute wohl nicht mehr als ungelöst betrachten – es sei denn die Philosophie ist in ihrem aberwitzigen Bestreben sich selbst auf eine Wissenschaft zu reduzieren intellektuell so verblödet, dass sie die Lösung der „wahren Philosophen“ nicht verstehen. Ein Gedanke, den ich nicht in allen seinen Momenten für überspitzt halte.

      15. hansarandt Autor

        „Das Universalienproblem betrifft die Frage, ob es Allgemeinbegriffe wirklich gibt oder ob sie menschliche Konstruktionen sind.“
        Wenn das die Frage sein sollte, dann ist sie schon gelöst. Wenn es die Allgemeinbegriffe wirklich gibt, dann gibt es sie wirklich. Wenn sie menschliche Konstruktionen sind, dann gibt es sie auch wirklich.
        Da „Allgemeinbegriffe“ auch Begriffe sind, gehören sie zur menschlichen Sprache. Wer wollte mit welchem Recht bestreiten, dass die menschliche Sprache eine menschliche Konstruktion ist?
        Man kann die Lösung philosophischer Probleme dadurch verhindern, indem man sie unnötig verkompliziert.

      16. Titus Pauly

        Das der Universalienstreit als gelöst gelten soll ist mir völlig neu – kann ich auch nirgendwo recherchieren. Wenn dem so ist, dann sage mir bitte wo das steht, denn dann müsste ich eine Arbeit, an der ich seit Jahren sitzt u.U. große Umarbeitungen vornehmen.

        Deine Lösung hört sich gut an, sagt mir aber leider nichts.
        „Wenn es die Allgemeinbegriffe wirklich gibt, dann gibt es sie wirklich. Wenn sie menschliche Konstruktionen sind, dann gibt es sie auch wirklich.“
        Also: Wenn A dann A
        Und: Wenn A dann B
        Den ersten Satz können wir uns schenken. Hier handelt es sich um eine Tautologie. Sie ist immer wahr; egal was für A eingesetzt wird.
        Bleibt der zweite Satz. Wenn Allgemeinbegriffe menschliche Konstruktionen sind, in welcher Weise sind sie dann wirklich; was ist gemeint mit „wirklich“? Wirklich als Ding (Hyposthase), als Funktion (Kognition), als Vorstellung (Imagination), als Einbildung (Phantasie), Illusion, Halluzination…
        Handelt es sich aber bei all diesen Möglichkeiten nich auch um unterschiedliche Arten ontologischen Seins. So ist doch ein Ding auf anderer Art wirklich, als eine Funktion desselben.
        Aus diesen Gründen kann ich, so leid es mit tut und so sehr ich Deine Meinung auch schätze, leider mit der hier gegebenen Lösung nicht so viel anfangen.

        falls Du heute noch antworten solltest, dann erwarte bitte von mir heute Abend keine Antwort mehr zurück. Es wird mir sonst zu spät. Ich werde jedoch antworten, sobald ich kann.

        Lieben Gruß und Danke für das großartige Gespräch 🙂
        Titus

      17. hansarandt Autor

        Ich halte es nicht so sehr mit den Antworten, die „irgendwo stehen“. Ich halte es mit Heinz von Foerster, der sagte: Die Antwort können wir uns nur selber geben.
        Es ist zum Beispiel völlig egal, wo steht, ob es Gott gibt, und wo steht, dass es ihn nicht gibt.
        Ob es Gott gibt oder nicht gibt, kann ich nur selbst entscheiden. Ich muss das glauben oder nicht glauben.
        Dasselbe gilt für die Universalien, für die Relativitätstheorie oder was auch immer. Selbst die Mathematik beruht auf willkürlichen Entscheidungen, auf den Axiomen, die auch völlig anders hätten gewählt werden können.
        Ich halte das Universalienproblem für ein Scheinproblem. Wir können auf Universalien genauso wenig verzichten, wie auf die Realität oder den freien Willen. Wenn wir denken, dann müssen wir das alles zusammendenken. Das war es, was Hegel zu zeigen versucht hat.
        Das Problem ist die falsche Frage, es ist das „oder“ in dem Ursprungssatz:
        “Das Universalienproblem betrifft die Frage, ob es Allgemeinbegriffe wirklich gibt o d e r ob sie menschliche Konstruktionen sind.”
        Das „oder“ ist die typische Konstruktion der reduktionistischen Logik des ausgeschlossenen Dritten. Widersprüche sind auszuschließen: entweder oder.
        Ganz anders die Logik Hegels. Der Widerspruch wird in seinem Denken nicht ausgeschlossen, sondern er ist die treibende Kraft des dialektischen Denkens überhaupt.
        Die Frage im Universalienstreit ist falsch gestellt. Die Universalien sind nicht das eine oder das andere, sondern sie sind das eine und das andere. Die Universalien und ihr Gegenteil sind aufgehoben im dreifachen Sinne des Wortes.

      18. Titus Pauly

        Allerdings vertrete ich nicht die Meinung, das die dialektische Synthese von wirklich und ideal bzgl. der Universalia nötig ist. Da es sich um ein Scheinproblem handelt, ist dies auch nur eine Scheinlösung. Für mich sind die Allgemeinbegriffe nichts als ideale Konstrukte, denen in der Realität nichts entspricht. Dies müsste auch Deiner idealistischen Position zuträglicher sein als die Annahme, dass ihnen auch in der Realität irgendetwas entspräche.
        Und wenn dem so wäre, dann wären auch dies nur Dinge an sich, über die wir ohnehin nicht mehr aussagen könnten.

      19. hansarandt Autor

        Ich habe vielleicht einen anderen Realitätsbegriff als du. Für mich besteht die Realität nicht nur aus Dingen, die man anfassen kann. Zum Beispiel gehört auch die Temperatur oder die Helligkeit zur Realität, obwohl man sie nicht anfassen kann, um nur ein naheliegendes Beispiel zu nennen.
        Die Realität ist wesentlich mehr als die Dinge, die irgendwie aus Elementarteilchen bestehen und man kann die Realität auch nicht darauf zurückführen, wie das manche Neurowissenschaftler versuchen.
        Sehr anschaulich vertritt Markus Gabriel diese These in seinem Werk, „Warum es die Welt nicht gibt“.
        Als Beispiel führt er Margret Thatcher an, wir können sinnvoll über sie reden und wissen, was gemeint ist, obwohl ihr nichts in der physikalischen Umwelt entspricht.
        In dieser Sichtweise ist Gott so real wie die Temperatur. Gott ist es deshalb, weil von ihm die Rede ist, wie von Margret Thatcher, obwohl beide keine physikalische Repräsentationen haben und die Temperatur ist es, weil wir sie messen.
        Es gibt Quantenphysiker, die sich zu der Behauptung versteigen, der Mond sei nicht da, solange man nicht hinsieht.
        Das Universum im klassischen Sinne ist nach Markus Gabriel eine ontologische Provinz. Ein winziger Ausschnitt aus einer viel umfassenderen Realität.
        Allein die Anzahl der natürlichen Zahlen ist größer als das Universum, weil es als endlich vorgestellt wird, die natürlichen Zahlen aber eine unendlich große Menge von Elementen enthält, die in der Lage wäre jede beliebige Anzahl sogar von beliebig vielen sogenannten Multiversen zu übertreffen. Keine einzige dieser unendlich vielen Zahlen kommt im Universum vor.
        Die Zahl, so hat Hegel das erklärt, ist die Negation der Negation. Wenn ich alle speziellen Eigenschaften eines Baumes negiere, ob er ein Laub- oder ein Nadelbaum ist usw., dann bleibt der abstrakte Begriff, der zugleich der allgemeinste Begriff des Baum ist, übrig.
        Wenn ich nun diesen allgemeinsten Begriff einer Sache auch noch negiere bzw. abstrahiere, dann bleibt die Eins übrig die Zahl. Nicht ein Baum, sondern ein nicht näher bestimmtes Irgendwas, der allgemeinste Begriff von etwas.
        Interessanter Weise fußt unser modernes Denken genau auf dieser Quadratur der Negation. Viele Naturwissenschaftler sind der festen Überzeugung, dass etwas nur dann wirklich sei, wenn es zählbar und messbar ist.
        Nun ist es aber naturgemäß schwierig Liebe zu zählen oder zu messen. Daraus schließe ich, dass sich die Anhänger dieses naturwissenschaftlichen Weltbildes eine Welt ohne Liebe wünschen.
        Eine Welt ohne Liebe wäre sogar vorstellbar, wenn alle Menschen durch Maschinen ersetzt sein werden.
        Solange aber das nicht der Fall ist, gilt, das kein Mensch überleben kann, der als Kleinstkind keine Liebe und Zuwendung erfahren hat.
        Dies konnte sogar mit der Zählmethode herausgefunden werden. Von den Säuglingen, die man lediglich physisch ernährt hat, ohne mit ihnen zu sprechen oder sich ihnen zuzuwenden, hat keiner überlebt.
        Das solche Experimente überhaupt durchgeführt wurden, spricht, vornehm ausged für die Lieblosigkeit der Wissenschaftler, um es vornehm auszudrücken.

      20. Titus Pauly

        Hallo Hans,

        in der Tat besteht mein Begriffsinhalt (Intension) von Realität zunächst in Dingen, die konkret (anschaulich und wenn man so will theoretisch anfassbar) in Raum und Zeit als Dinge an sich bestehen, von denen wir deshalb Erscheinungen haben können.
        Realität i.e.S. bezieht sich damit für mich zunächst auf Dinge an sich einer theoretisch möglichen empirischen Erkenntnis.
        Da Dinge an sich zumeist aber zeitlich vergänglich sind, gilt mir Realität i.w.S. auch für (einstmalige) Dinge an sich einer theoretisch möglichen historischen Erkenntnis, die entweder aus dem Gedächtnis eigener Erfahrung stammt, oder durch historische Fakten vermittelt ist (wie bei Maggie Thatcher oder Cäsar).
        Logisch betrachtet handelt es sich für mich bei empirische und historischen Dingen an sich um (relative) Subjekte, die Träger von Prädikaten sind, mit denen wir den Dingen an sich die von uns erkennbaren Eigenschaften zuschreiben. So sind Temperatur und Helligkeit messbare Eigenschaften der Sonne, und somit keine real bestehenden Subjekte, sondern eben Eigenschaften oder Wirkungen eines solchen für uns, und damit nicht real bestehende, sondern in uns (ideal) bestehende Erscheinungen.
        Um es auf den Punkt zu bringen: ALLES, was wir empirisch und historisch als real zu erfassen glauben, sind Zustände und Eigenschaften (ideale relative Prädikate) von Dingen an sich (reale relative Subjekte). Die gesamte Welt, jeden Gegenstand, erfassen wir allein anhand von Eigenschaften. abstrahieren wir von diesen, dann verbleibt nichts als das Ding an sich als Subjekt dieser erscheinungskonstituierenden Eigenschaften, dessen Realität ich deshalb annehmen muss, weil ohne realen Träger auch dessen Eigenschaften nicht bestehen könnten.
        Die Welt als Erscheinung ist sämtlich idealer Inhalt unseres Bewußtseins. Einzig real ist die Welt bestehend aus Dingen an sich, über die wir weiter nichts sagen können und deshalb gilt für sie der letzte Satz in Wittgensteins Tractatus.

        Ich bin da völlig mit Kant überein und habe mich allein zu Zeiten, als ich mich noch im dogmatischen Schlummer befand, mit ihm, und das mitunter heftig, gestritten. Auch wenn es für mich aus heutiges Sicht ganz amüsant ist, so hat es mein Gemüt doch damals immer wieder sehr in Wallung gebracht. Nicht aber, dass dies am inhaltlichen gelegen hätte – nein – anstatt meine Argumente zu parieren, knöpfte er sich nach einer Weile einfach den Rock zu, und das vom obersten Kopf her, was immer total bescheuert aussah, und verschwand mit der Ausrede, dass er zum Abendbrot noch seinen Senf anrühren müsse. Was die Sache beträfe solle ich meinen schalen Kopf desweiteren an seinem Buche genügsam halten, welches ja mittlerweile nicht nur in zweiter Auflage vorläge, sondern dem zudem noch eine kurze Einführung beigesellt sei, das wegen solchen Dreiviertelsköpfen wie mich ja extra nach analytischer Methode verfasst ward.

        Nun gut – Spaß beiseite!

        So sehr ich einerseits mit Kant überein bin, so gibt es andererseits auch Unterschiede. So ist meinen gesamten Vorstellungen ein recht einfaches erkenntnistheoretisches Ordnungsschema unterlegt, auf das ein Kategoriensystem bezogen ist, das aus lediglich drei Kategorien bestehend wesentlich einfacher als Kants Tafel zu handhaben ist, und außerdem ist mir die Dialektik eine wichtige Erkenntnismethode und nicht nur eine Logik des Scheins.

        Das meinen Vorstellungen unterlegte Ordnungsschema ist dabei keine willkürlich nach eigenem Gutdünken zusammengewürfelte Struktur, sondern basiert auf der inneren Organisatinsstruktur der Mathematik, d.h. der möglichen Zahlenarten und der notwendigen Reihenfolge ihrer theoretischen Einführung, sowie der Anzahl der Operationsordnungen.
        Dabei sind Zahlen nichts weiter als grammatische Artikel, d.h. bestimmte oder unbestimmte Mengenartikel. Für sich allein haben Zahlen allein den Nutzen das Rechnen zu üben. Zahlen liefern erst dann eine Erkenntnis über die Erscheinungen der Welt, wenn sie auf etwas bezogen werden.
        Du hast geschrieben „Allein die Anzahl der natürlichen Zahlen ist größer als das Universum, weil es als endlich vorgestellt wird“.
        Ich würde eher sagen, die Anzahl der Natürlichen Zahlen ist unendlich, die Gegenstände im Universum aber endlich, nicht das Universum selbst.
        Ich verwende hier lieber den Begriff Welt. Die Welt besteht für mich aus dem unendlichen Raum und der darin befindlichen Materie, bzw. einer endlichen Anzahl von Gegenständen.
        Was Multiversen, Raum und Dimensionen betrifft, möchte ich Dich bitte an dieser Stelle auf meine Beiträge im Blog „Die Welt besteht 1 – 5“ verweisen.

        Die Zahl als Negation der Negation sehe ich auch so. Allerdings ist die Abstraktionskette damit noch nicht zu Ende.
        Abstrahieren wir vom konkreten Ding (der Erscheinung), so bleibt dessen Begriff, der nun ohne Bezug auf das konkrete individuelle raumzeitlich bestimmte Ding zum Allgemeinbegriff wird. Aus diesem Tisch wird der Begriff Tisch, der für alle Tische steht.
        Abstrahieren wir vom bestimmten Begriff, so verbleibt uns seine Zahl (der Betrag). Diese ist noch allgemeiner, denn sie kann nicht nur für Tische stehen, sondern für jedes Ding.
        Nun können wir auch noch von der bestimmten Zahl abstrahieren und erhalten die Variable als allgemeinste Form, denn diese kann für jede Zahl stehen. Sie ist sozusagen dann die Negation der Negation der Negation.

        Was nun Naturwissenschaftler für wirklich halten, ist mir relativ schnuppe. Viele derselben sind vorschnell und unphilosophisch in ihrer Auslegung. Ihre Resultate sind wichtig, deren Deutung jedoch oft zweifelhaft.
        Sie verklären oft die kantischen Erscheinungen zu realen Dingen unf erklären dann das Ding an sich zu einer unnötigen Verdoppelung der Welt (so ging auch schon der empirisch orientierte Aristoteles gegen den Idealismus Platons vor).
        Der Positivismus hat dann die vermeintlich idealen Dinge an sich gänzlich entfernt und die Erscheinungen hypostasiert, sodass zur Rettung der Dinge als Bewußtseinsinhalte es einer ganz neuen Philosophie bedurfte, die als Phänomenologie Einzug gehalten hat.
        Der Ruf „zurück zu Kant“ nach dem Untergang des Deutschen Idealismus war daher schon ganz richtig, ist aber im Erfolgsrausch der Naturwissenschaften von diesen ignoriert worden.
        Das Resultat war, dass die Philosophie, initiiert durch den Wiener Kreis und weitergeführt in der Analytischen Philosophie, ihr Wesen, die Metaphysik, preisgab und stattdessen derart zu den Wissenschaften aufschaute, dass sie selbst eine solche werden wollte.
        Dies führte nicht nur zu einem Bankrott ihrer wesenhaften Weiterentwicklung, sondern auch zu einer multiplen Uneinigkeit im eigenen Lager, die in einer Vielzahl verschiedener Schulen und neu entstehenden Fachrichtungen gipfelte. Und heute stehen wir nun da, wir Philosophen, müssen uns mühsam einarbeiten in die komplexen Terminologien der verschiedensten Richtungen, die alle irgendwie richtig erscheinen, wissen aber weder was Erscheinen bedeutet, noch bekommen wir eine Gesamtschau zusammen.
        Und die Naturwissenschaften? Zu denen dringen unsere Wortklaubereien schon lange nicht mehr durch – sie betreiben daher ihr eigenes Ding, legen philosophisch naiv aus, weil oft ohne Kenntnis erkenntnistheoretischer Grenzen, und verdummen wie die Kirchen im Mittelalter, denn wissenschaftsgläubigen Menschen nun von der anderen Seite her.

        „Sapere aude! Habe Mut dich deines eigenen Verstandes zu bediene!“ wahr Kants Wahlspruch der Aufklärung. (Wie Du schon sagtest: egal was irgendwo geschrieben steht)
        Ersetzen wir aber hier Verstand durch Vernunft, dann haben wir den Wahlspruch der heute nötigen neuen Aufklärung, die uns mit philosophischen Mitteln über die Bedeutung der größtenteils ad acta gelegten Religion aufzuklären hat. Dazu aber ist zunächst eine Metaphysik durchzuführen!

        Das sollten wir uns vornehmen.

        Lieben Gruß
        Titus

      21. hansarandt Autor

        Im großen und ganzen stimme ich dir zu. Eine Frage hätte ich noch. Warum ist der Idealismus eigentlich „untergegangen“ wie du schreibst. In seiner, wie ich meine, pervertierten Form, dem Marxismus hat er die halbe Welt erobert und das, was eigentlich an ihm gut war, wird nicht einmal mehr zur Kenntnis genommen.
        Prof. Pirmin Stekeler-Weithofer in Leipzig rekonstruiert die Phänomenologie des Geistes als die sich selbst Bewusstwerdung des Geistes. Im Grunde führt er Hegel auf die Einsicht des Sokrates zurück, der im Gegensatz zu seinen Zeitgenossen wusste, dass er nichts weiß, während die anderen Wissenschaftler in dem naiven Glauben verharrten, sie wüssten etwas sicher.
        Das moderne naturwissenschaftliche Weltbild hat sich zu einer neuen Metaphysik entwickelt ohne sich dessen bewusst zu sein.
        Ich selbst habe das einmal Kryptokatholizismus genannt und auf meine Weise künstlerisch in einem kleinen platonischen Dialog verarbeitet.

      22. Titus Pauly

        Ich denke, der abrupte Untergang des Idealismus um 1850 hatte mehrere Gründe.

        Zum einen entwickelte sich der Idealismus über Fichte, Schelling und Hegel vom subjektiven über den objektiven zum absoluten Idealismus, sodass eine Weiterentwicklung gar nicht mehr möglich erscheint.
        Sodann ist die Schwerverständlichkeit der Philosophie von Hegel nicht nur für den Laien abschreckend, sondern auch für Philosophen, was eine allgemeine Akzeptanz und Verbreitung sicherlich erschwerte. Schopenhauer sprach abwertend von der „Professoren-Philosophie der Philosophie-Professoren“.
        Sodann stellte Hegel zunächst die Gegensätze heraus (Natur-Geist, Welt-Gott, Werden-Sein, Individuum-Gemeinschaft), die er dann aber immer wieder im dialektischen Dreischritt auf höherer Ebene aufhob. Dies führte dazu, dass die weniger tiefgründig denkenden Nachfolger umgekehrt sus der Einheit heraus denkend, sich für nur eine der beiden in der Synthese aufgehobenen Seiten glaubten entscheiden zu können, wobei die einen diese, die anderen jene Seite bevorzugten.
        So konnte religionsphilosophisch aus Hegel sowohl eine theistische und eine pantheistische, als auch eine atheistische Deutung herausgelesen werden. Zudem brach aus gleichem Grunde die hegelsche Schule auseinander in die materialistische Richtung (Linkshegelianer) und die idealistische Richtung (Rechtshegelianer).

        Dass von diesen nun mit Feuerbach, Engels und Marx die materialistische Seite den Sieg davon trug, später begleitet von Empirismus (auf Locke und Hume aufbauend) und Positivismus (auf Comte und Schlick aufbauend), schien zudem besser ins Zeitgeschehen zu passen, wo Erfindingen wie Dampfmaschine, Telefon, Elektrizität, sowie die gesammte industrielle Revolution und ihre Erfolge durch die Beschäftigung mit der Materie entstand. So wurden wohl Religion und idealistische Philosophie aus ähnlichen Gründen dem Zeitgeist zuwieder.

        Mittlerweile jedoch, wo auch der reflektierte Naturwissenschaftler erkennt, dass es zur Theoretischen Rechtfertigung von Wissenschaft einer Metaphysik bedarf, stehen die Chancen einer Rückbesinnung auf idealistische Positionen besser.

      23. hansarandt Autor

        Ich bin mir nicht ganz sicher, ob man Hegel pantheistisch deuten kann oder ob man ihn pantheistisch umdeuten muss, atheistisch kann man ihn aber unmöglich deuten ohne ihn, wie Marx auf den Kopf zu stellen – nicht vom „Kopf auf die Füße“ wie er uns immer weis machen wollte. Der Marxismus hat keine vernünftigen Fußgänger hervorgebracht, die sich in der Wirklichkeit zurecht finden sondern jede Menge Betonköpfe, die in der Geschichte ein Massaker nach dem anderen verantsaltet haben.

      24. hansarandt Autor

        „Übrigens halte ich die Erzeugung der Vorstellung von Idealen Nicht für ein wirken der Vernunft. Sie entstehen infolge logischen Schließens und oft durch Negation von Begrenzungen.“
        Welcher logische Schluss sollte mich zum Ideal einer Gottesvorstellung führen? War es nicht Kant, der zeigen konnte, das genau das nicht geht? Welcher logische Schluss beweist die „Freiheit“?
        Sowohl die Frage nach Gott als auch die Frage nach der Freiheit sind prinzipiell unentscheidbare Fragen. Deshalb können sie nur von uns selbst entschieden werden. Jeder trägt die Verantwortung, für die Entscheidung, die er getroffen hat.
        Das ist das Heinz von Förster Prinzip, das nur schwer zu bestreiten ist.
        https://hansarandt.wordpress.com/2015/03/09/das-heinz-von-foerster-theorem-der-verantwortung/

      25. Titus Pauly

        Eine jeder Schluss (Konklusion), auch auf ein Ideal, muss logisch korrekt sein, weil wir mit Schlüssen, die noch nichtmal logisch sind, überhaupt nichts anfangen können.
        Es ging mir nicht darum, die Freiheit durch logischen Schluss oder durch Negation (die ich ja ebenfalls nannte) zu beweisen, sondern ihren Begriff für den Verstand zu erzeugen. D.h. der Verstand ist mit eigenen Mitteln in der Lage Vorstellungen oder Schlüsse zu erzeugen, deren Bedeutung er in Anwendung auf die Welt nicht entscheiden kann.

        Und über die Unentscheidbarkeit solcher metaphysischen Angelegenheiten habe ich ja eben erst kommentiert – wo wir uns ja auch einig sind.

      26. hansarandt Autor

        Dass die Freiheit als Begriff erzeugt werden muss, um denkbar und verhandelbar zu sein, steht außer Zweifel. Ich glaube es war Kant, der gesagt hat, man könne die Freiheit nicht beweisen, sondern man müsse sie unterstellen, weil sie ein notwendiges Postulat der praktischen Vernunft ist. Ich denke, es gibt keinen logischen Weg zum Begriff der Freiheit, man muss sie wollen.

    2. hansarandt Autor

      “ Erst wenn diese erkenntnistheoretische Vorarbeit geleistet ist, bedarf die Frage danach, was Vernunft sei, in ihrer Beantwortung nicht mehr der konkreten Handlungsbeispiele (Kriegstreiberei, Selbsterhalt…), sondern kann allein allgemein beantwortet werden. Ansonsten fallen die Antworten noch oft in der Weise aus, wie dem Sokrates auf die Frage, was denn das Schöne sei, mit Verweis auf schöne Dinge geantwortet wurde.“
      Genau das sehe ich anders. Wenn der Begriff der Vernunft jeden Inhalts beraubt wurde, ist er zwar „rein“ aber ebenso auch leer.
      Der Verstand lebt von der Abstraktion, das heißt von der Entleerung der Begriffe. Die Vernunft hingegen ist in der Lage ihren Inhalt aufzuheben, was bedeutet ihren Inhalt zu erhalten, ihn zu negieren und ihn zu transzendieren, wie Hegel meint.
      Die Vernunft, die man ihres Inhalts beraubt, ist nichts weiter als der Verstand, der von der Negation, der Abstraktion, und der Logik des ausgeschlossenen dritten lebt.
      Die Vernunft geht aber weit darüber hinaus, indem sie ihren Inhalt sowohl aufhebt als auch transzendiert.
      In gewisser Weise stimme ich dir zu, dass die Vernunft eher in den Bereich gehört, den Kant die praktische Vernunft genannt hat.
      Die Vernunft, von der Hegel spricht, schließt das Gute, das Wahre und das Schöne ein und ist in der Lage darüber zu reflektieren.
      Kants Versuch, die Moral auf eine Formel, den moralischen Imperativ, zu reduzieren greift viel zu kurz und scheitert schon an der nächsten Ecke an jedem beliebigen moralischen Dilemma.

      Antwort
      1. Titus Pauly

        Ich meine nicht der Vernunft ihren Inhalt nehmen, sondern die allgemeinen Prinzipien der Vernunft explizit machen, in dem man von den KONKRETEN Anwendungsbeispielen absieht!
        Indem man also Vernunft nicht dadurch bestimmt, das man sagt dies und jenes zu tun ist vernünftig, dies und jenes aber zu tun ist unvernünftig.
        Was Kants kat. Imperativ betrifft, so halte ich ihn durchaus für korrekt. Sein Problem ist jedoch, dass dieser nur die abstrakte FORM eines moralischen Urteils gibt und vom konkreten Inhalt also absieht. Kommt dieser jedoch im praktischen Lebensalltag hinzu, dann magst Du recht haben mit den Dilemmata.

      2. hansarandt Autor

        In diesem Zusammenhang ist es wieder Heinz von Foerster, der mir eine einleuchtende Antwort gegeben hat.
        Er meinte, Ethik ist keine Moral keine Regel, nach der man sich verhalten könnte sondern eine Haltung. Er beschriebt in seiner Autobiographie Situationen, in denen Menschen ihm unter erheblichen persönlichen Risiko geholfen haben in der Zeit des Dritten Reiches.
        Welche ethische Haltung ein Mensch hat, zeigt sich besonders in Krisensituationen. Gerade der Krieg hat auf diese Weise viel große und kleine Helden produziert.

  2. Titus Pauly

    Das mit den Antworten, die irgendwo stehen, sehe ich ebenso und die diesbzgl. Position von Förster teile ich unbedingt, solange es um Fragen nach Gott, Absolutheit, Unendlichkeit, Freiheit, … geht. Dies ergibt sich schon aus meiner Vorstellung von Aufgabe und Bedeutung der Vernunft.
    Die Universalienfrage jedoch sollte meiner Meinung nach dennoch beantwortbar sein.
    Ich teile Deine Meinung, dass es sich um ein Scheinproblem handelt. Dies jedoch nicht deshalb, weil falsch gefragt wird, sondern weil bei der Entstehung des Problems (Begriffspyramide) unzureichende strukturelle Bedingungen vorausgesetzt wurden. Diese Bedingungen resultieren aus einer unzureichenden Denkstruktur, die ich als Denkschema beschreibe. Da wir dieses Denkschema nach wie vor anwenden, ist der Ursprung des Scheinproblems noch nicht erkannt. Man geht zwar mittlerweile von der meiner Meinung nach richtigen Bedeutung der Allgemeinbegriffe aus, ist aber aufgrund der Anwendung des nach wie vor unzureichenden Denkschemas nicht in der Lage, diese Position auch theoretisch zu begründen.

    Das genannte derzeitige Denkschema verhindert zudem auch eine erfolgreiche Durchführung einer haltbaren Metaphysik. Dabei verstehe ich unter haltbar nicht, dass sie den Kriterien der Wissenschaftlichkeit zu entsprechen hat, sondern das sie dem zu entsprechen hat, dem auch diese Kriterien zu entsprechen haben – der Vernunft.

    Zu dem was Du bzgl. des „oder“ in der Frage gesagt hast, habe ich kürzlich erst einen sehr kurzen Beitrag bei WP gepostet.
    https://tituspauly.wordpress.com/2015/03/31/uber-ablehnung/

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Ich habe mich in der letzten Woche fern ab vom PC mal wieder den gedruckten Büchern gewidmet, dabei ein interessantes Zitat zum Thema Vernunft und Wirklichkeit gefunden:
      „Vernunft gibt es in der Geschichte nicht etwa deswegen, weil alles , was historisch passiert ist, vernünftig gewesen wäre oder weil es sich aufgrund einer rein a priori postulierten, transzendenten Licht der Vernunft am Ende zum Guten, Besseren, zum Fortschritt der Moderne gewendet hätte.
      Vernunft gibt es in der Geschichte, weil es selbst Gütekriterium der rationalen Rekonstruktion einer Entwicklung der Vernunft, d.h. unser Urteilskriterien, ist ,diese Entwicklung als gemeinesame Tat von Menschen und nicht als Folge einer unsichtbaren Hand Gottes oder einer Naturabsicht darzustellen, welche neben oder hinter dem Zufall der Ereignisse gewirkt hat.“
      Pirmin Stekeler-Weithofer, Philosophie des Selbstbewusstseins S. 392

      Antwort

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