Die Wahrheit totschlagen?

Oh meine Brüder, ist jetzt nicht alles im Flusse? Sind nicht alle Geländer und Stege ins Wasser gefallen? Wer hielte sich noch an »Gut« und »Böse«? »Wehe uns!

Es gibt einen alten Wahn, der heißt Gut und Böse. Um Wahrsager und Sterndeuter drehte sich bisher das Rad dieses Wahns. Einst glaubte man »Alles ist Schicksal:

du sollst, denn du musst!«

Dann wieder misstraute man allen Wahrsagern und Sterndeutern: und darum glaubte man

»Alles ist Freiheit: du kannst, denn du willst!«

Oh meine Brüder, über Sterne und Zukunft ist bisher nur gewähnt, nicht gewusst worden: und darum ist über Gut und Böse bisher nur gewähnt, nicht gewusst worden!

»Du sollst nicht rauben! Du sollst nicht totschlagen!« – solche Worte hieß man einst heilig; vor ihnen beugte man Knie und Köpfe und zog die Schuhe aus.

Aber ich frage euch: wo gab es je bessere Räuber und Totschläger in der Welt, als es solche heilige Worte waren?

Ist in allem Leben selber nicht – Rauben und Totschlagen? Und dass solche Worte heilig hießen, wurde damit die Wahrheit selber nicht – totgeschlagen?

Oder war es eine Predigt des Todes, dass heilig hieß, was allem Leben widersprach und widerriet? – Oh meine Brüder, zerbrecht, zerbrecht mir die alten Tafeln!

Friedrich Nietzsche, Also sprach Zaratustra

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