Müßiggang ist aller Laster Anfang

Friedrich Nietzsche der Antichrist:

Der alte Gott, ganz »Geist«, ganz Hoherpriester, ganz Voll­kommenheit, lustwandelt in seinen Gärten: nur dass er sich langweilt. Gegen die Langeweile kämpfen Götter selbst verge­bens.

Was tut er? Er erfindet den Menschen — der Mensch ist unterhaltend… Aber siehe da, auch der Mensch langweilt sich.

Das Erbarmen Gottes mit der einzigen Not, die alle Paradiese an sich haben, kennt keine Grenzen: er schuf alsbald noch andre Tiere.

Erster Fehlgriff Gottes: der Mensch fand die Tiere nicht unterhaltend — er herrschte über sie, er wollte nicht einmal »Tier« sein. — Folglich schuf Gott das Weib. Und in der Tat, mit der Langeweile hatte es nun ein Ende — aber auch mit ande­rem noch! Das Weib war der zweite Fehlgriff Gottes. —

»Das Weib ist seinem Wesen nach Schlange, Heva« — das weiß jeder Priester; »vom Weib kommt jedes Unheil in der Welt« — das weiß ebenfalls jeder Priester. »Folglich kommt von ihm auch die Wissenschaft“… Erst durch das Weib lernte der Mensch vom Baume der Erkenntnis kosten. —

Was war geschehen? Den alten Gott ergriff eine Höllenangst. Der Mensch selbst war sein größter Fehlgriff geworden, er hatte sich einen Rivalen geschaffen, die Wissenschaft macht gottgleich, — es ist mit Priestern und Göttern zu Ende, wenn der Mensch wissenschaftlich wird!

— Moral: die Wissenschaft ist das Verbotene an sich — sie allein ist verboten. Die Wissenschaft ist die erste Sünde, der Keim aller Sünde, die Erbsünde. Dies allein ist Moral. —

»Du sollst nicht erkennen« — der Rest folgt daraus. — Die Höllenangst Gottes verhinderte ihn nicht, klug zu sein.

Wie wehrt man sich gegen die Wissenschaft? das wurde für lange sein Hauptproblem.

Antwort: fort mit dem Menschen aus dem Paradiese! Das Glück, der Müßiggang bringt auf Gedanken — alle Gedanken sind schlechte Gedanken … Der Mensch soll nicht denken. — Und der »Priester an sich« erfindet die Not, den Tod, die Lebensgefahr der Schwangerschaft, jede Art von Elend, Alter, Mühsal, die Krankheit vor allem — lauter Mittel im Kampfe mit der Wissenschaft!

Die Not erlaubt dem Menschen nicht, zu denken … Und trotzdem! entsetzlich! Das Werk der Erkenntnis türmt sich auf, himmelstürmend, götter-andämmernd — was tun! —

Der alte Gott erfindet den Krieg, er trennt die Völker, er macht, dass die Menschen sich gegenseitig vernichten (— die Priester haben immer den Krieg nötig ge­habt …). Der Krieg — unter anderem ein großer Störenfried der Wissenschaft! — Unglaublich!

Die Erkenntnis, die Emanzi­pation vom Priester, nimmt selbst trotz Kriegen zu. — Und ein letzter Entschluss kommt dem alten Gotte: »der Mensch ward wissenschaftlich — es hilft nichts, man muss ihn ersäufen!«

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