Eine Lanze für die Beichte

Unzählige Menschen, die der katholischen Kirche den Rücken gekehrt haben, berichten über traumatisierende Erlebnisse, die sie im Zusammenhang mit der Beichte gehabt haben.

Ich möchte dennoch eine Lanze für die Beichte brechen.

Zunächst will ich den wohl schärfsten und intelligentesten Kritiker der Beichte zu Wort kommen lassen, Friedrich Nietzsche. Er schreibt in seinem berühmten „Antichrist“:

Der Priester entwertet, entheiligt

die Natur: um diesen Preis besteht er überhaupt. — Der Ungehorsam gegen Gott, das heißt gegen den Priester, gegen

»das Gesetz«, bekommt nun den Namen »Sünde«; die Mittel, sich wieder »mit Gott zu versöhnen«, sind, wie billig,

Mittel, mit denen die Unterwerfung unter den Priester nur noch gründlicher

gewährleistet ist: der Priester allein

»erlöst« … Psychologisch nachgerechnet, werden in jeder priesterlich organisierten Gesellschaft die »Sünden«

unentbehrlich: sie sind die eigentlichen Handhaben der Macht, der Priester lebt von den Sünden, er hat nötig, dass

»gesündigt« wird … Oberster Satz: »Gott vergibt dem, der Buße tut« —auf deutsch: der sich dem Priester unterwirft. —“

Die Beichte, ein Herrschaftsinstrument par excellence!

Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Haben die Priester nicht auch ihre Schäfchen mittels der Beichte ausgehorcht, um sie anschließend ans Messer zu liefern? Auch das ist sicher geschehen.

Nur, können wir auf die Beichte verzichten?

Kommt hier nicht etwas zum Ausdruck, wird nicht hier etwas rituell dargestellt, was notwendig zum Menschsein gehört, egal welcher Weltanschauung oder Religion man angehört?

Gibt es einen Menschen, der nichts versäumt, der nichts falsch macht, der nichts versäumt, vergeigt oder verschwitzt?

Diesen Menschen gibt es definitiv nicht!

Erwarten wir nicht von jedem anständigen Menschen, dass er in der Lage ist, seine eigenen Fehler zuzugeben, ehrliche Reue zu zeigen und um Vergebung zu bitten?

Und kann nicht der Frieden zwischen zwei Menschen nur wieder hergestellt werden, wenn sie bereit sind, einander zu vergeben?

Vergebung kommt von Geben, von Hergeben.

Wenn ich nicht bereit bin, meinen Ärger, meinen gekränkten Stolz, meine mir zugefügte Verletzung herzugeben, dann habe ich sie noch, und sie wird mich so lange weiter belasten, wie ich auch im Zukunft nicht bereit bin, diese unguten Gefühle abzulegen.

Wirklich hergegeben habe ich etwas nur dann, wenn ich bereit bin, es auch zu vergessen und wenn ich es auch tatsächlich vollständig vergesse. Wer sagt, „vergeben ja aber vergessen nie!“, der hält etwas zurück, was ihn selber krank machen kann.

Das Schöne an der Beichte ist, dass die Vergebung garantiert ist. Sie erfolgt am Ende der Beichte in jedem Fall unabhängig davon, was auch immer gebeichtet wurde.

Wann und wo, wenn nicht in der Beichte kann ich mir so sicher sein, die Vergebung auch tatsächlich zu erhalten und wie oft wird sie an anderer Stelle im Alltag verweigert?

Noch einmal zum Mitschreiben:

In der Beichte ereignet sich etwas idealtypisch, was für das Menschsein, insofern es gelingendes Leben ist, geradezu kantisch eine Bedingung der Möglichkeit darstellt.

Das alles sage ich, obwohl ich weder katholisch bin, noch jemals vor dem Vorhang eine Beichte abgelegt habe.

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