Die neuen Leiden eines jungen Hinterbänklers

Der Erfolg einer Rede in einer Parlamentsversammlung

hängt fast ausschließlich vom Prestige des Redners, ganz und

gar nicht aber von den Gründen, die er vorbringt, ab.

 

Ein unbekannter Redner, dessen Rede gute Argumente,

aber auch nicht mehr enthält, hat keinerlei Aussicht, auch nur

angehört zu werden. Ein alter Abgeordneter, Herr Deseube,

hat kürzlich das Bild des prestigelosen Deputierten wie folgt

entworfen:

„Sobald er die Rednerbühne bestiegen, entnimmt er seiner

Aktentasche einen Aktenstoß, den er planmäßig vor sich aus-

breitet, und dann beginnt er voll Zuversicht“

 

„Er glaubt, er werde die Überzeugung, von der er

beseelt wird, in die Seele der Hörer verpflanzen. Er hat

seine Argumente erwogen und wieder erwogen, ist von

Ziffern und Beweisen erfüllt, ist sicher, Recht zu haben. Vor

der Evidenz seiner Darlegungen wird aller Widerstand
schwinden. Er beginnt, auf sein gutes Redit und auf die Aufmerksamkeit seiner Kollegen vertrauend, die ja gewiß sich nur vor

der Wahrheit beugen wollen.“

 

„Er spricht — und sogleich verwundert ihn die Bewegung

im Saale, er ist durch den entstandenen Lärm etwas erregt*

 

„Warum wird es nicht ruhig? Weshalb diese allgemeine

Unaufmerksamkeit? Woran denken denn diejenigen, die mit-

einander sprechen? Welches dringende Motiv veranlasst jenen

andern, seinen Platz zu verlassen?“

 

„Unruhe befällt ihn; er runzelt die Stirn, hält ein. Durch

den Vorsitzenden ermutigt, fährt er mit erhobener Stimme

fort. Dieselbe Unachtsamkeit. Er spricht lauter, agitiert — der

Lärm um ihn steigert sich nur. Er versteht sich selbst nicht

mehr, hält wieder ein und spricht dann weiter, aus Furcht,

sein Stillschweigen könne den Schluss!-Ruf herbeiführen. Der

‚Lärm wird unerträglich. “

Aus Le Bon, Die Psychologie der Massen 1895

Es scheint, als habe Le Bon das Buch von Roger Willemsen – Das Hohe Haus – gelesen oder auf Phönix eine der vielen vergleichbaren Szenen im Bundestag verfolgt.

 

 

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