Der Ohmphalos im 21. Jahrhundert

Der Omphalos ist ein antiker phallischer Kultstein im Tempel von Delphi. Er war mit Wollgirlanden überzogen und markierte den Nabel der Welt.

Mich erinnert dieser Stein äußerlich an ein Gebäude in London und ein weiteres in Barcelona. Sicher gibt es noch mehr Gebäude, die diesem Kultstein nachempfunden sind.

Das, was er symbolisiert, den Nabel der Welt, erscheint in der Geschichte immer wieder in verschiedenen Formen.

Die großen Religionen haben dafür verschiedene Orte. Jerusalem steht für das Judentum und das Christentum, Mekka für den Islam und der Nullmeridian in London an der Sternwarte Greenwich einst für das englische Empire und heute für die globale Welt.

Um die Welt, die Politik oder ein wissenschaftliches System zu ordnen, bedarf es eines solchen archimedischen Nullpunkts auf den alles bezogen werden kann.

In der Monarchie ist das der Kaiser, in der Religion ist es Gott oder ein Prinzip und in der Geometrie ist es der Nullpunkt in einem Koordinatensystem.

Im frühen 20. Jahrhundert fingen diese Bezugspunkte an, sich aufzulösen. Viele Monarchien gingen im Strudel der beiden Weltkriege unter und hinterließen ein Machtvakuum, in das sehr schnell neue totalitäre Ideologien gestoßen sind, verkörpert durch den Faschismus und den Sowjetkommunismus.

Auch in der Wissenschaft wurden scheinbar gesicherte Erkenntnisse vom Sockel gestoßen wie in der Politik die Kaiser und Zaren.

Albert Einstein war es, der mit der Theorie an die Öffentlichkeit trat, es gäbe keine absolute Zeit und keinen Absoluten Raum, sondern sowohl der Raum als auch die Zeit seinen vom jeweiligen Beobachter und auch voneinander abhängig.

Das herkömmliche Koordinatensystem im Euklidischen Raum schrumpfte zu einer willkürlichen Setzung eines Beobachters, die durch jeden weiteren Beobachter, der ein eigenes Bezugssystem hat, relativiert wird.

Es scheint als habe er damit den Omphalos, den Nabel der Welt um den sich alles dreht und auf den alles bezogen ist, abgeschafft.

Dieser Schein trügt. Der Omphalos, auf den sich alles bezieht, liegt jetzt nicht mehr außen in der für alle sichtbaren Welt, sondern innen, in der persönlichen Wahrnehmung jeden einzelnen Menschen.

Mit anderen Worten, der neue Omphalos ist das Individuum.

Die neue Religion ist der Individualismus. Auf die Spitze getrieben wurde dieser Gedanke im Anschluss an Nitzsche von Aleister Crowly. Er forderte den bedingungslosen Egoismus und befürwortete den Einsatz von Gewalt zur Erreichung seiner Ziele. Er nannte seine Religion Thelema und sich selbst als der Antichrist und das Große Tier 666.

Als weitere Speerspitze des Individualismus wäre da noch Ayn Rand zu erwähnen. Die im 1905 in Sankt Petersburg geborene Bestseller-Autorin setzt sich in ihrer politischen Theorie auch für einen uneingeschränkten von jeglicher Regulierung freien Kapitalismus ein. Ihre Bücher erreichten eine Gesamtauflage von 25 Millionen Exemplaren. Rand zählt in den Vereinigten Staaten zu den einflussreichsten politischen Autoren des 20. Jahrhunderts.

Ein den Individualismus und den moralischen Subjektivismus verabsolutierende Theorie richtet hinterrücks den Omphalos wieder auf, den sie eben gerade mit viel Getöse vom Thron gestürzt hat.

Der neue Omphalos ist das Individuum. Aber auch hier kommt es wieder auf die Perspektive an. Um mit Einstein zu sprechen sieht das aus dem Blickwinkel des Vermögenden, der die Welt (mit)regiert, gut aus. Es scheinen sich für ihn unbegrenzte Möglichkeiten zu ergeben.

Aus der Perspektive des Regierten, Unterdrückten und Ausgebeuteten stellt der propagierte Individualismus eine Methode dar, ihn umso wirkungsvoller zu unterdrücken, da alle Formen des kollektiven Widerstandes in der neuen Werteordnung überholt und anachronistisch erscheinen.

In der Monarchie, so erzählt ein Witz, herrsche der Mensch über den Menschen. Im Kommunismus sei es genau umgekehrt.

Auch im 21. Jahrhundert, das vom anything goes und alles ist relativ geprägt ist, bleibt es dabei: Der Mensch herrscht über den Menschen bzw. sehr, sehr wenige Menschen herrschen über den ganzen Rest.

Dazu benötigen sie eine Ideologie. Diese Ideologie ist der Individualismus, der Schein der Freiheit, und das uneinlösbare Versprechen der Gleichheit.

Das ist der Omphalos des 21. Jahrhunderts

„Alles ist relativ“, bis auf die Aussage selbst, denn sie nimmt für sich in Anspruch absolut wahr zu sein.

Auch hier beißt sich die Katze wieder in den Schwanz.

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