Alles hat seine Zeit

Zusammen mit „ausgesucht“ bin ich mal wieder auf der Suche nach der Wahrheit.  Sein Vorschlag ist, dass es nicht eine, sondern wenn überhaupt unendlich viele Wahrheiten gibt, was letztlich gleichbedeutend damit ist, dass es (k)eine Wahrheit gibt.

Wenn das stimmen sollte, wäre das dann die Wahrheit, die einzige Wahrheit und somit auch die eine Wahrheit. Die Katze beißt sich in den Schwanz.

Hegel umschifft das Problem geschickt, indem er sagt, „das Ganze ist die Wahrheit“, also all die unendlich vielen Wahrheiten zusammen.

Dieses Ganze ist auch gleichzeitig das Eine, weil es ja nur das Ganze sein kann, wenn es außer im nichts anderes gibt also nur das Eine übrig bleibt.

Ist das nicht ein rettender Gedanke? Was wären wir ohne die Wahrheit? Wie sollten wir jemals eine Lüge erkennen? Wie sollten wir uns zurechtfinden im Irrgarten der Beliebigkeit des anything goes?

Ich finde auch Kant hat praktikable Vorschläge gemacht. In seiner Kritik der reinen Vernunft bleibt fast nichts übrig, was als uneingeschränkt wahr angesehen werden könnte.

Nicht einmal die Kategorien von Raum und Zeit können für sich beanspruchen universell wahr zu sein. Er klassifiziert sie als Konstrukte unseres Denkens und damit als Produkte unserer Willkür.

Die verschiedenen Arten des Denkens in euklidischen, nichteuklidischen, linearen und gekrümmten und n-dimensionalen Räumen machen die Sichtweise Kants anschaulich.

Daneben postuliert er aber eine praktische Vernunft. Zum Beispiel sagt er, die Ethik sei ein Postulat der praktischen Vernunft. Damit meint er, es gibt keine letzte allgemeingültige Wahrheit, die ein ethisches Urteil rechtfertigen könnte.

Auch hier konstruiert der Mensch die Wahrheit, die er gerne als Gottgegeben oder objektiv darstellt.

Das gilt grundsätzlich auch für die Wissenschaft. Auch die Naturwissenschaft konstruiert Kriterien, die ihr erlauben, zwischen wahren und falschen Ergebnissen zu unterscheiden. Die Kriterien selbst können aber keine letzte Gültigkeit und ewige Wahrheit für sich beanspruchen.

Das gilt selbst für die Naturgesetze. Sie gelten unter den uns bekannten Bedingungen. Auch die Schwerkraft ist erst mit der Zeit entstanden und wird genauso wieder vergehen. Darüber hinaus ist sie ein theoretisches Konstrukt.

Ebenso ist die Mathematik ein in sich geschlossenes System, das auf frei gewählten Axiomen beruht, die austauschbar sind. Wie jedes andere System enthält sie sogar notwendig unentscheidbare Widersprüche, die nur auf einer das System selbst verlassenden Metaebene lösbar sind, wie der Mathematiker Gödel nachgewiesen hat.

Letztendgültige Wahrheiten sind nach allem, was wir wissen, wohl nicht zu haben.

Nichts desto trotz gibt es unendlich viele kleine Wahrheiten wie zum Beispiel dass die Milchtüte leer ist, dass ich meinen Schlüssel verlegt habe und gerade nicht wiederfinde, dass es draußen vor der Tür regnet oder dass Tante Erna in der letzten Woche verstorben ist.

Die Wissenschaft hat unendlich viele solche kleinen und gar nicht so kleinen Wahrheiten entdeckt, von denen die Menschen vorher auch nicht den Hauch einer Vorstellung hatten.

Die Naturwissenschaft ist eine Disziplin der praktischen Vernunft. Sie hat vieles verständlich, berechenbar, vorhersagbar und beherrschbar  gemacht und der Menschheit damit einen großen Dienst erwiesen.

Im Grunde entwickelt die Naturwissenschaft Modelle, ähnlich den kantischen Kategorien, deren Funktionieren sie in der Realität überprüfen kann. Dabei kommt es nicht darauf an, ob das Modell die „Wahrheit“ darstellt, sondern nur darauf, dass die gemachten Vorhersagen auch tatsächlich eintreffen und das die zusammengebaute Maschine funktioniert und tatsächlich das leisten kann, wofür sie gebaut wurde.

Wer sich für dieses Kleinklein interessiert, ist bei Kant, der etwas Ordnung in das Dickicht bringt, gut aufgehoben.

Wer den großen Wurf mag, dem empfehle ich Hegel. Zugegeben, man muss schon eine große Leidenschaft für diesen Philosophen haben, wenn man zum Beispiel die Gedanken in seiner Logik nachvollziehen will.

Auch wenn man sich dieser Übung aus nur zu verständlichen Gründen nicht unterziehen will, empfehle ich sein Diktum, die Wahrheit sei das Ganze, mal als Denkmodell auszuprobieren.

Anschaulich wird dieses Denkmodell in so banalen Sätzen wie ohne Schatten kein Licht, jedes Ding hat zwei oder unendlich viele verschiedenen Seiten oder alles hat seine Zeit.

 

 

 

 

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