Glaubst Du noch oder lebst Du schon?

Gestern bekam ich die aktuelle Ausgabe der Bild am Sonntag geschenkt, nicht weil ich diese Zeitung abonnieren sollte, sondern wegen ihres Leitartikels zum Reformationstag:

„Glaubst Du noch?“, so titelt die BamS, „oder lebst Du schon?“ assoziiere ich sofort. Wahrscheinlich will die Zeitung Luther und die Kirche in die Pfanne hauen oder wenigstens lächerlich machen.

Ich bin überrascht, festzustellen, dass weder das eine noch das andere der Fall ist. Der Leitartikel selbst macht mit der Schlagzeile auf: „Brauchen unsere Kirchen eine neue Reformation?“

Ich stoße auf einen journalistisch außerordentlich gut geschriebenen Artikel, der die Probleme, vor denen die Kirchen stehen, sehr gut und ohne Häme auf den Punkt bringt.

Im zweiten Teil des Artikels werden einige Beispiele aufgezählt, die den Glauben wieder stark machen könnten. Von den Erfolgen des Pastors Deventhal wird berichtet, dessen Gottesdienste gut besucht werden und in dessen Gemeinde mehr Menschen neu eintreten als austreten.

Dann wird Heiner Geißler zitiert, der in seinem neuen Buch, „Was müsste Luther heute sagen?“ unter anderem schreibt: „Wir brauchen einen neuen Luther, der heute die Kirchen fragen müsste, warum leistet ihr gegen die antichristlichen und unmoralischen Kräfte, die die Welt beherrschen keinen Widerstand, wie ich ihn damals gegen Rom entwickelt habe?

Der neue Luther, wie ihn Heiner Geißler sich vorstellt, würde die „Vorherrschaft der Kapitalinteressen, „Die Ökonomisierung aller Lebensbereiche“  und „die globale Armut“ geißeln. Und dann kommt der schönste Satz in dem BamS-Artikel: „Bisher gibt es den neuen Luther nur als Playmobilfigur.“

Angesichts dessen, was Luther 1525 über die „mörderischen Rotten der Bauern“ geschrieben hat, bin ich mir nicht so sicher, ob er sich heute wirklich gegen die globale Armut einsetzen würde. Heiner Geißler allerdings tut es, und ich überlege, ob ich nicht wieder mal ein Buch von ihm lesen sollte.

Weniger überzeugend war ich von der Kolumne, die Margot Käßmann auf derselben Seite zum Thema Reformation beigesteuert hat. Auch nach dem zweiten Lesen ihres Artikels, wird mir nicht klar, was sie uns eigentlich sagen will.

Auffällig ist ihr merkwürdig schnoddriger Schreibstil. Die ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland und Autorin vieler Bücher, weiß für gewöhnlich durchaus, was sie sagen will und wie es professionell in Worte gekleidet werden kann.

Mir scheint, sie will sich in der BamS auf ein imaginiertes Sprachniveau hinunterbegeben, in dem Glauben so vielleicht besser verstanden zu werden.

Da sie aber gar nicht weiß, was sie überhaupt sagen will, verkommt ihr missglückter Versuch zur peinlichen Anbiederung.

Mir stellt sich die Frage, ob die ehemals streitbare Pastorin sich mittlerweile auch in die Reihe derer eingegliedert hat, die dem modernen Zeitgeist mit seinen „unmoralischen“ und „antichristlichen“ Konnotationen, keinen Widerstand mehr entgegensetzen, wie Heiner Geißler behauptet.

In der selben Ausgabe der BamS finde ich ein Interview mit Sarah Wagenknecht, das mich ebenfalls überrascht.

Ganzseitig in einen langen schwarzen Mantel gehüllt sitzt sie auf einer Parkbank im Herbstwald. Sie ist äußerst vorteilhaft fotografiert fast wie eine Eisprinzessin.

Die Fragen sind so gestellt, dass Frau Wagenknecht alles loswerden kann, was sie den Lesern sagen will. Ich vermisse die wohlfeilen Versuche, ihr die Nähe zur AFD zu unterstellen oder sie auf andere Weise aufs Glatteis zu führen.

Es findet sich da auch der fett gedruckte Satz: „Hillary Clinton erhöht die Kriegsgefahr“, ein Problem übrigens, auf das auch Jakob Augstein im Spiegel in dieser Woche hingewiesen hat.

Eine kleine Merkwürdigkeit findet sich aber dann doch. Völlig unvermittelt steht mitten im ganzseitigen Interview in kursiver Schrift der Kommentarsatz:

„Sarah Wagenknecht ist eine freundliche Populistin, sie unterbricht nie, und egal wie scharf ihre politische Attacke ist, ihre Stimme bleibt ruhig.“

Man hat den Eindruck, der Interviewer hat sich schon fast in diese mit Oskar Lafontaine verheiratete Frau verliebt. Ein Ausdruck stört mich allerdings doch.

Wie kann eine Zeitung, die geradezu den Inbegriff des Populismus darstellt, eine Person, die ganz offensichtlich sachlich und ruhig bleibt, mit diesem Schimpfwort belegen?

Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen.

Trotzdem wird es die Leserinnen und Leser seriöser Qualitätsmedien, die für gewöhnlich mit dem Begriff Populismus geradezu inflationär um sich werfen, überraschen, dass es mittlerweile sogar mindestens eine „freundliche Populistin“ gibt, die weiß was sie will, ihren Gegnern nicht ständig ins Wort fällt und auch in harten Auseinandersetzungen ruhig bleibt, alles Qualitäten einer fast schon vergessenen politischen Kultur.

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