Unsägliche Unworte

Da ist es wieder das Unwort des Jahres 2016. Da es sich um ein Unwort handelt, und weil ich niemanden diskriminieren will, der dieses Unwort gebraucht, kann und will ich dieses Unwort selbst nicht benutzen.

Ich benutze statt dessen ein anderes Unwort, das nach wie vor erlaubt ist.

Dieses Unwort heißt „Unwort“.

Es ist erschreckend miterleben zu müssen, wie der Planet der Unworte, der nicht mehr betreten werden darf, beinahe täglich größer wird.

Verzweifelte Versuche neue Worte zu erfinden, die noch nicht verboten sind, wie es in der Silvesternacht 2017 geschehen ist, ziehen den geballten Volkszorn auf sich, falls man das so noch sagen darf.

Es ist zwar erlaubt jedes beliebige Wort als Unwort zu bezeichnen, solange es der Diskriminierung einer unerwünschten Geisteshaltung oder Personengruppe dient, das Unwort selbst als Unwort zu bezeichnen, weil es dessen Funktion im politischen Diskurs aufdeckt, ist allerdings nicht statthaft.

Das Unwort aller Unworte ist kein Unwort, sondern ein ganzer Satz, der lautet: „das wird man doch wohl sagen dürfen…“ Wer mit dem Satz deutlich macht, dass er sich den Mund nicht verbieten lassen will, sieht sich mit der dreisten Erwiderung konfrontiert, dass auch das verboten ist.

Es ist nicht nur verboten bestimmte Unworte zu gebrauchen, sondern auch der Widerstand gegen diese Verbote ist verboten. Es ist unschwer zu erkennen, dass dieses Verbot total ist oder, um es auf den Punkt zu bringen, totalitär.

Es ist erschreckend mit ansehen zu müssen, wie sich das, was sich in unserer medial vermittelten Alltagssprache ereignet, fast schon eins zu eins mit der Dystopie der Sprache, wie sie George Orwell in seinem Roman 1984 beschrieben hat, deckt.

Im Schönsprech Orwells heißt die Lüge Wahrheit, der Krieg Frieden und die Diktatur Demokratie. Heute spricht man im „Verteidigungs“-Ministerium nicht von den Angriffskriegen, die Weltweit geführt werden, sondern von „humanitären Interventionen zur Implementierung von Demokratie und Menschenrechten“.

Noch wichtiger aber als die Dinge durch neue Sprachregelungen auf den Kopf zu stellen, ist es, die Sprache selbst zu beschneiden mit Hilfe der political correctness. Dieses Unwort klingt verdächtig nach Schere im Kopf und genau darum geht es:

In dem man der Sprache die Begriffe nimmt, mit denen sie etwas beim Namen nennen und kritisieren kann, verunmöglicht man das kritische Denken selbst.

Das Ziel der Veranstaltung ist, dass der politische korrekte Mensch nicht einmal mehr in der Lage ist, die Falle in der er selber sitzt, überhaupt noch zu erkennen.

Wem die Begriffe fehlen, der kann das „was man nicht mehr sagen darf“ nicht einmal mehr denken.

Der totalitäre Staat der political correctness ist dann an sein Ziel gekommen, wenn Widerstand gegen ihn nicht nur nicht mehr sagbar, sondern sogar nicht mehr denkbar geworden ist.

Wenn die politisch Korrekten ihren totalitären Endsieg errungen haben, dann kann! niemand mehr politisch unkorrekt denken.

Diesen Endzustand der totalen Diktatur der Gedanken wird man als „Reich der Freiheit“ bezeichnen.

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4 Gedanken zu „Unsägliche Unworte

  1. Kardinal Novize Igor

    sensationeller Artikel!

    Besonders gut gefällt mir: Es ist nicht nur verboten bestimmte Unworte zu gebrauchen, sondern auch der Widerstand gegen diese Verbote ist verboten. Es ist unschwer zu erkennen, dass dieses Verbot total ist oder, um es auf den Punkt zu bringen, totalitär.

    Ich hab auch was geschrieben, geht in eine ähnliche Richtung.

    LG KNI

    Antwort

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