Doppelbelichtung

Wissen ist Abstand, Wissen ist Stillstand und der Feind des Sinns.

Als mein Vater an jenem Frühlingsabend 1976 den Vorschlaghammer über den Kopf hob, und ihn auf den Fels hinab sausen ließ, tat er dies in einer Welt, die er kannte und die ihm vertraut war.

Erst als ich selbst in das gleiche Alter kam, begriff ich, dass man dafür auch einen Preis bezahlt.

Wenn der Überblick über die Welt größer wird, schwindet nicht nur der Schmerz, den sie verursacht, sondern auch der Sinn.

Die Welt zu verstehen heißt, einen bestimmten Abstand zu ihr einzunehmen. Was zu klein ist um mit dem bloßen Auge wahrgenommen zu werden, wie Moleküle und Atome, vergrößern wir und was zu groß ist, wie Wolkengebilde, Flussdeltas,  Sternbilder verkleinern wir.

Wenn wir den Gegenstand so in die Reichweite unserer Sinne gemacht haben, fixieren wir ihn. Das Fixierte nennen wir Wissen. In unserer gesamten Kindheit und Jugend streben wir danach, den korrekten Abstand zu Dingen und Phänomenen einzunehmen.

Wir lesen, wir lernen. wir erfahren , wir korrigieren. Dann gelangen wir eines Tages an den Punkt, an dem alle notwendigen Abstände bestimmt alle notwendigen Systeme etabliert sind,.

Es ist der Punkt, an dem die Zeit schneller zu vergehen beginnt. Sie stößt auf keine Hindernisse mehr. Alles ist festgelegt. Die Zeit durchströmt unser aller Leben.

Die Tage verschwinden in einem rasenden Tempo und ehe wir uns versehen, sind wir vierzig, fünfzig oder sechzig.

Sinn erfordert Fülle. Fülle erfordert Zeit. Zeit erfordert Widerstand.

Wissen ist Abstand, Wissen ist Stillstand und der Feind des Sinns.

Mein Bild von Vater an jenem Abend 1976 ist mit anderen Worten eine Doppelbelichtung:

Einerseits sehe ich ihn, wie ich ihn damals sah, mit den Augen eines Achtjährigen, unberechenbar und beängstigend. Andererseits sehe ich ihn als einen gleichaltrigen durch dessen Leben die Zeit weht und unablässig größere Stücke Sinn mit sich reist.

Karl Ove Knausgard in seiner Autobiographie „Sterben“

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