Das Leben

Derart streng reguliert und eingeteilt spielte sich hier das Leben ab, dass es sich ebenso gut geometrisch wie biologisch verstehen ließ.

An der Bushaltestelle war die Menge der Wartenden jedes Mal, wenn ich hinschaute, größer geworden. Auf der Straße sah man mehr Privatwagen.

Auf den Bürgersteigen, die zu den Hochhäusern hinaufführten, erhöhte sich die Zahl der Fußgänger. Die zahlreicher werdenden Aktivitäten kulminierten gegen fünf Uhr, danach herrschte Stille in der Gegend, bis gegen zehn das Nachtleben begann und nochmals, wenn es gegen drei Uhr endete.

Gegen sechs nahmen die Busse wieder den Verkehr auf. Aus allen Hauseingängen und Treppenhäusern tauchten Menschen auf. Ein neuer Tag begann.

Derart streng reguliert und eingeteilt spielte sich hier das Leben ab, dass es sich ebenso gut geometrisch wie biologisch verstehen ließ.

Dass es mit etwas Brodelndem, Wilden und Chaotischem verwandt sein sollte, wie man es bei anderen Arten beobachten konnte, etwa bei den überbordenden  Anhäufungen von Kaulquappen, Fischbrut oder Insekteneiern, bei denen das Leben aus einem unerschöpflichen Quell zu kriechen schien, war kaum zu glauben, aber das war es.

Das Chaotische und Unvorhersehbare bedingt gelichzeitig die Entstehung des Lebens und seinen Verfall. Das eine ist undenkbar ohne das andere. Und obwohl fast alle Bemühungen darauf abzielen, uns davon fern zu halten benötigt es nichts als einen kurzen Moment der Resignation, um uns in seinem Licht und nicht wie jetzt im Schatten leben zu lassen.

Das Chaotische ist eine Art Schwerkraft und der Rhythmus, der sich in der Geschichte aus dem Wachsen und Kollabieren der Gesellschaften und Zivilisationen erahnen lässt, wird möglicher Weise von Ihm erzeugt.

Es fällt auf, dass die Extreme mindestens in einer Hinsicht einander ähneln. Denn sowohl im überbordend Chaotischen als auch im streng Regulierten und eingeteilten ist der Lebende nichts, das Leben alles.

Sowenig es das Herz interessiert, für welches Leben es schlägt, sowenig interessiert es die Stadt, wer ihre verschiedenen Funktionen erfüllt.

Wenn alle, die an diesem Tag durch die Stadt wandeln tot sind, sagen wir in hundertfünfzig Jahren, wird der Wiederhall ihres Tuns und Lassens diese in ihren Mustern weiter durchziehen.

Neu werden allein die Gesichter der Menschen sein, die sie ausfüllen allerdings nicht sonderlich neu, denn sie werden uns ähneln.

Karl Ove Knausgard in seiner Autobiographie „Sterben“

 

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s