Das Schreiben

Jahrelang hatte ich versucht über meinen Vater zu schreiben, hatte es aber nie geschafft. Wahrscheinlich, weil dies meinem eigenen Leben zu nahe kam und sich dadurch nicht so leicht in eine andere Form zwingen ließ, die doch Voraussetzung für Literatur ist.

Das ist ihr einziges Gesetz. Alles muss sie der Form unterordnen. Ist ein anderes Element der Literatur stärker als die Form, etwa der Stil die Handlung, die Thematik, gewinnt eins von ihnen die Oberhand über die Form ist das Ergebnis schwach.

Deshalb schreiben Autoren mit einem markanten Stil so häufig schwache Bücher. Deshalb schreiben auch Autoren mit einer markanten Thematik so schwache Bücher.

Damit Literatur entstehen kann, muss das Markante in Thematik und Stil niedergerissen werden. Dieses Niederreißen ist es, was man Schreiben nennt.

Beim Schreiben geht es eher ums Zerstören als ums Erschaffen.

Keiner wusste das besser als Rimbaud, der diese Einsicht auch auf das Leben übertrug.

Für Rimbaud ging es beim Schreiben wie im Leben immer um die Freiheit. Und weil die Freiheit übergeordnet war, konnte er das Schreiben aufgeben oder musste es vielleicht sogar aufgeben, denn es wurde ebenfalls zu einer Fessel, die zerrissen werden musste.

Freiheit ist gleich Zerstörung plus Bewegung.

Karl Ove Knausgard in seiner Autobiographie „Sterben“

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5 Gedanken zu „Das Schreiben

    1. hansarandt Autor

      Ich lese das Buch gerade und diese Passage hat mir gut gefallen, deshalb habe ich es abgeschrieben und auf meinen Blog gestellt. Ich beschäftige mich gerade mit dem Thema Autobiographie. Dieses Buch ist der erste Band einer sechs teiligen Serie das auf Norwegisch Min Kamp heißt und so auf Deutsch natürlich nicht veröffentlicht werden kann. Ich glaube das sind mehr als 4500 Seiten, die der Mann (48 Jahre alt) über sein Leben geschrieben hat.

      Antwort
      1. gloriamonique

        Ich finde die Aussage des Abschnittes sehr drastisch und nicht in allen Punkten nachvollziehbar. Was soll diese ominöse Form sein, die Literatur seiner Meinung nach ausmacht? Was definiert ein schwaches Buch? Ich bin geneigt zu sagen, dass das doch alles gar nicht stimmt, aber mir fehlt der Kontext, in dem er das äußert.

      2. hansarandt Autor

        Ich weiß auch nicht genau, was er mit Form meint, ich denke zum Beispiel die Form der Autobiographie aus der es entnommen ist, oder die Form eines Romans oder eines Gedichtes. Ich denke er meint, man sollte nicht irgend einen Hintersinn mit Literatur verfolgen, nicht eine geheime Pädagogik haben, was ich implizit sagen will, ich sollte nicht selbstverliebt in meinen Stil sein und darüber die Sache vergessen mit um die es eigentlich geht. Man könnte mit Sokrates sagen ein gutes Buch ist ein gutes Buch, weil es ein gutes Buch ist, ein guter Roman ist ein guter Roman, weil es ein guter Roman ist usw. Die Sache um die es geht, sollte im Vordergrund stehen. Der Stil kann keinen Inhalt ersetzen. Es kommt darauf an ob der Autor was zu erzählen hat und ob das im Leser irgend etwas auslöst….. so oder so ähnlich vielleicht….. Nicht etwas, um zu….. sondern ehrlich an der Sache selbst interessiert……

  1. Kardinal Novize Igor

    …das streift das Form-Inhalt-Problem: ist die Form Teil des Inhalts oder nicht?

    Ich denke zb. an die grandiose Politiker-Rede von Helge Schneider: ein völlig sinnbefreites Ding, eine Aneinanderreihung von Polit-Floskeln (und diese noch verblödet), aber einfach zum totlachen. Hier erzeugt erst die Form eine tiefe Weisheit!

    In der Literatur geht es auch um eine gewisse Musikalität: Musik aber hat keinen Inhalt, man könnte sie als „tönend bewegte Form“ (nach E. Hanslick) bezeichnen.

    Andererseits zeigt aber etwa die deutsche Barockliteratur den selbstverliebten Missbrauch der Form (etwa der schauerliche Opitz). Aber da ist eben auch die Form rüschenhaft-monoton.

    Ich glaube also, dass es um die Wechselwirkung zwischen Form und Inhalt geht, und da kann durchaus auch die Form im Vordergrund stehen.

    Oder wie es einer (weiß nicht wer) gesagt hat: „Das Talent ist befähigt zur Aussage, das Genie zum Ausdruck“.

    LG KNI

    Antwort

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