Widersprüche X-XVIII

Es galt in der guten Gesellschaft nie als fein, vom Geld zu reden, diese redet von nichts anderem, je reicher sie wird.

Keine Gesellschaft wusste je so viel; keine war je so antiintellektuell.

Keine Gesellschaft war je so wohlhabend; keine war je so besessen vom Reichtum.

Keine Gesellschaft war je so differenziert; keine war je so eindimensional.

Keine Gesellschaft glaubte je so sehr an die Politik: keine verachtete die Politiker so gründlich.

Keine Gesellschaft war je so zahlreich; keine schätzte das Individuum höher.

Keine Gesellschaft war zivilisierter; keine war vulgärer.

Keine Gesellschaft war satter; keine war gieriger.

Keine Gesellschaft lebte sicherer; keine war ängstlicher.

Keine Gesellschaft war pazifistischer; keine war besser gerüstet.

Die Vollendung der Zivilisation ist das kulturelle Tierreich: Das Reich der niedrigen Bedürfnisse und ihrer unmittelbaren Befriedigung.

Hier stirbt keiner mehr für ein Ideal, sondern man bringt sich durch Raubüberfälle oder in Bandenkriegen um, in denen es um Rauschgiftreviere und Schutzgelderpressung geht.

Der Naturzusatand steht am Ende, nicht am Anfang der bürgerlichen Gesellschaft. Nachdem das Aas des Leviathan verzehrt ist, gehen sich die Würmer gegenseitig an den Kragen.

Rolf Peter Sieferle

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9 Gedanken zu „Widersprüche X-XVIII

    1. hansarandt Autor

      Ich glaube die größte Angst der Deutschen ist die Angst aus der Reihe zu tanzen. Die sind immer noch oder schon wieder im Gleichschritt. Ich weiß nicht wie das bei den Österreichern ist. Die sind da vielleicht cooler, weil das aus der Reihe tanzen in den Bergen tatsächlich gefährlich ist und nicht nur eingebildet.

      Antwort
    1. hansarandt Autor

      Das glaube ich allerdings auch. Das mit den Farben habe ich nur erwähnt, weil die Deutschen besonders anfällig für den Gleichschritt sind gestern wie heute. Die Österreicher sind da glaube ich etwas freiheitlicher .

      Antwort
      1. Kardinal Novize Igor

        Jaaa, die Österreicher verbinden das beste aus Nord und Süd: Die balkanische Fahrlässigkeit und Schlampigkeit wird mit deutscher Sturheit und Konsequenz bis an ihr selig Ende geführt. 🙂

        LG KNI

      2. hansarandt Autor

        Vielen Dank für diese lustige Erkenntnis, die wahrscheinlich nur allzu wahr ist. Ich wusste gar nicht, dass es nicht nur ein armes Deutschland sondern auch ein armes Österreich gibt, fragt sich nur, wie lange noch. Die historischen Grenzen Germaniens hat Sieferle sehr hellsichtig und eloquent ausgeleuchtet. Gibt es auch ein ähnlich gutes Buch über die Befindlichkeiten der Österreicher?

  1. Kardinal Novize Igor

    Es gibt ein interessantes Buch von Robert Menasse: „Überbau und Underground“, aber das ist auch schon 20 Jahre alt. Die österreichische Psychose der 70er und 80er Jahre (Waldheim, Haider), und ihre Ursachen (2. WK) werden hier sehr gut beleuchtet.
    Was hierein freilich fehlt, ist eine Betrachtung der linken Anti-Psychose, die sich, als Reaktion auf die alte Nazi-Psychose verselbstständigt hat. Hier würde ich noch auf ein Buch warten!

    LG KNI

    Antwort

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