Dialektik des Liberalismus

Der amerikanische Präsident Jefferson (1743-1826) meinte, dass die Menschen von Natur aus in zwei Parteien zerfielen.

Die einen misstrauen dem Volk und wollen alle Gewalt aus seinen Händen nehmen und höheren Klassen anvertrauen.

Die anderen identifizieren sich mit dem Volk und halten es für die klügste, redlichste und sicherste Verwaltung des Allgemeinwohls.

Bis vor wenigen Jahren griff man nicht fehl, wenn man die erstere Partei als die konservative, die letztere als die liberale, demokratische oder radikale bezeichnete.

Das liberale Denken hält man im Allgemeinen für freiheitlich und volkstümlich, das konservative hingegen für obrigkeitlich-reglementierend und elitär.

Das Gegenteil trifft auf den heutigen Tatbestand zu und das hat folgende Gründe:

Der amerikanische Liberalismus stellt sich heute als Hüter von Ruhe und Ordnung, als Vertreter von Vernunft und Mäßigung dar und glaubt seinen Gegnern das Etikett der „Radical Right“ umhängen zu dürfen. Er ist, wenn man so will erzkonservativ geworden.

Hat der Liberalismus die Rolle der Beharrungspartei übernommen, so ist der Konservatismus in einer völligen Umkehrung der Fronten zur Bewegungspartei geworden.

Der Glaubensschwund in den Reihen der Volkstribune hat dazu geführt, dass der Liberale heute dem Volk gegenübersteht wie einstens der Deist Gott. Er bedankt sich für die Schöpfung und verbittet sich jede weiter Einmischung des Schöpfers.

Die Konservativen hingegen finden zunehmend ihre Freunde im Volke und ihre Feinde in den tonangebenden Kreisen. Sie haben ihre Defensivstellungen verlassen, die sie seit der Französischen Revolution bezogen haben.

Hatten sie einst auf der ganzen Linie die bestehenden Institutionen verteidigt, aus dem Geiste der Geschichte gerechtfertigt und in scheinbar zufälligen Erscheinungen einen Sinn gesucht, so kämpfen sie heute gegen den Zwangscharakter gelenkter Meinung, deren Institutionalisierung in einem globalen Establishment und den Versuch, beide durch wissenschaftliche Einkleidung (Psychologie, Soziologie, Politische Wissenschaften) permanent zu machen.

Man wird die heutigen Konservativen in der Zahl der Ketzer suchen und bei der Verteidigung des Status Quo auf sie verzichten müssen.

Der Liberalismus hingegen hat eine Diktatur über den Stil und den Charakter errichtet. Die liberalen Meiner stellen die Spielregeln für alle auf, wachen über ihre Einhaltung und bestrafen die falschen Zungenschläge.

Im Grunde genommen gilt die alte Regel aus dem Westfälischen Frieden 1648, cuius regio, eius religio auch im liberalen Staat, allerdings in einer verschärften totalitären Form:

Nicht nur die Religion wird von den Hütern des Liberalismus vorgegeben, sondern gleich das ganze Leben. Die neue Orthodoxie der politischen Korrektheit erstreckt sich über alle Lebensbereiche.

Die neue Norm bestimmt, was gefühlt, gesagt, gemacht und gedacht werden darf und was nicht. Ständig werden alte Begriffe liquidiert und neue Denkschablonen zwingend vorgeschrieben und bereits im Kindergarten eingeübt. Der Liberalismus stellt das Volk unter Generalverdacht und sieht in ihm ein Objekt der Umerziehung.

Über allem wacht damals wie heute die heilige Inquisition, die alles und jeden bestraft, der die Bahnen der vorgegebenen politischen Korrektheit verlässt. Verurteilte, werden von den öffentlich-rechtlichen Medien an den Pranger gestellt, von einer Horde von #hashtag-Denunziant_*innen durch die sozialen Netze gejagt und nicht selten vom Orden der selbsternannten antifaschistischen Peiniger auch körperlich bedroht und verletzt. Auch in diesem Gewerbe gehört die Henkersmütze mit Sehschlitz zur allfälligen Arbeitskleidung.

Es geht dem neuen Liberalismus um nichts weniger als um den neuen Menschen, wie es Herbert Marcuse einmal ausdrückte.

Das Programm der reeducation der Frankfurter Schule brachte er einmal auf den Nenner:

„Everybody and everything ist democratic in Germany today.“

Selten ist eine totalitäre Idee schöner und beschönigender in Worte gekleidet worden.

Frei nach Caspar von Schrenck-Notzing, Charakterwäsche

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2 Gedanken zu „Dialektik des Liberalismus

  1. Kardinal Novize Igor

    Wie schon Egon Friedell sagte (frei zitiert): Eine Regierung, die ihre Legitimität aus dem Volke bezieht, wird sich in schlechterdings alles einmischen, wenn möglich, selbst in die Fortpflanzung….

    Mein Gedanke dazu: „Liberalität“ ist längst zur Worthülse geworden, wie ja jedes Wort irgendwann zur Hülse wird. Dann werden Paradoxien möglich, und jene Ersten, die diese Absurditäten als solche durchschauen, von der Allgemeinheit exkommuniziert.

    Bestes Beispiel hierfür ist die Intoleranz der „Toleranten“, die ihrerseits mit den schlimmsten Faschismen keine Probleme haben, solange es nur ausländische Faschismen sind: Hier haben wir ein sogar doppelt gemoppeltes Paradox, indem die intoleranten „Toleranten“ die tatsächlich Toleranten (die aber um die Beschränktheit dieses Begriffes wissen), als „intolerant“ verfemt werden.

    Dir jedenfalls vielen Dank für die Anregung!

    LG KNI

    Antwort

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