Postkoloniale Befindlichkeiten

Betrachten wir nicht aus heutiger Sicht den Kolonialismus als eine Sünde? Galt nicht die Befreiung von der Fremdherrschaft westlicher Mächte als das Gebot der Stunde?

Ich frage mich manchmal, ob wir den Kolonialismus wirklich hinter uns gelassen haben. Zwar hat man den Völkern in Afrika und Asien das Recht auf politische Selbstverwaltung zurückgegeben aber wirtschaftlich wurden diese Kontinente keineswegs sich selbst überlassen. Die Profite werden nach wie vor aus den ärmsten Ländern gezogen und zudem werden die Kosten, die durch die Verwaltung entstehen, diesen Ländern selbst aufgebürdet.

Der Westen sieht sich gerne als Supernanny, die alles besser weiß. Das Gegenteil von gut ist nicht schlecht, sondern gut gemeint.

Auch in der Frage nach der Universalität der Menschenrechte bin ich skeptisch. Ist das nicht eine säkulare Kopie des christlichen Missionsgedankens nach dem alle Menschen den Herrn Jesus als ihren Herrn anerkennen sollen.

Hans Küng hat versucht mit seiner Ethik eine Alternative zu dieser westlich einseitigen Logik aufzubauen. Allerdings sehe ich seine Idee des Weltethos auch eher skeptisch. Auch er erhebt einen universalen Anspruch. Natürlich kann und darf es keine gleichen Rechte für Erwachsene und Kinder geben und auch die Rechte von Arbeitgebern und Arbeitnehmern sind unterschiedlich und müssen es auch sein, wenn ein Gemeinwesen funktionieren soll.

Sollten wir nicht lieber von Interessenausgleich sprechen in einem rationalen Diskurs in dem jeder das Recht hat, seine eigenen Interessen zu vertreten ohne für sich in Anspruch zu nehmen er wüsste, was für alle das Beste ist? Ich wünsche mir weniger Moral und mehr Vernunft in der Politik.

Unsere ganze demokratische Gesellschaft ist durch und durch hierarchisch organisiert. Selbst eine demokratische Partei oder Fraktion wird durch ihre Vorsitzenden dominiert. Wenn eine Abstimmung ausnahmsweise einmal frei ist, wie die über die Ehe für alle, muss dies ausdrücklich gesagt werden, weil im Allgemeinen der Fraktionszwang gilt.  Jeder Chor, jede Fußballmannschaft braucht einen Chorleiter oder Trainer, der sagt, wo es lang geht. Sonst gibt es keine wirklich gute Musik und die Mannschaft wird ihre Spiele ziemlich sicher verlieren.

Ich finde es schwierig aus dem Evangelium direkt Handlungsmaxime für gegenwärtige Problemstellungen, die sich etwa aus der Globalisierung ergeben, ableiten zu wollen. Wir finden im Evangelium keine Handlungsanweisungen für Flugbegleiter oder Softwareingenieure. Die Biblischen Autoren gehen selbstverständlich von der Sklaverei aus und stellen dieses System nicht grundsätzlich in Frage. Auch das antike Athen, die Wiege unserer Demokratie, war nur eine Staatsform für die Oberschicht, die im Übrigen eine Sklavenhaltergesellschaft war.

Wir sollten das Christentum als das begreifen, was es ist. Als unsere Tradition auf die wir mit Recht stolz sein können. Das ist leider ziemlich aus der Mode gekommen und vielleicht ist genau das unser Problem. Die Säkularisierung hat uns selbst heimatlos gemacht und unsere Welt gnadenlos, denn von wo sollte die Gnade herkommen, wenn Gott tot ist.

Wir haben unsere Geschichte verloren und unsere Fähigkeit uns selbst zu transzendieren. Unser Glaube ist zu bloßer Moral verkommen, vielleicht sogar zur Sklavenmoral, wie Nietzsche einmal sagte. Unser Christentum ist zu einem Wohlfühlchristentum verkommen, das den Kitsch an Weihnachten gerade noch aushält aber nichts mehr vom Kreuz hören- und nicht mehr an die Auferstehung glauben will.

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6 Gedanken zu „Postkoloniale Befindlichkeiten

  1. Kardinal Novize Igor

    Sehr guter Text, unterschreibe ich!
    Die meisten Europäer versuchen in ihrer Halbbildung der ganzen Welt immer noch ihr Denken überzustülpen. Das ist natürlich ein Kolonialismus in anderer Form…

    Ich denke da zb. an den „arabischen Frühling“, der, wie könnte es anders sein, als eine „demokratische Revolution“ missdeutet wurde. Siehe zb. Robert Misik, ein Ober-Missdeuter.
    Das europäische Denken hat sich selbst kastriert und resultiert nunmehr in grenzenloser Naivität.

    Dass andererseits diese Naivität mit Gift und Galle verteidigt und allen aufoktrouyiert werden soll, zeigt, dass man sich eine Art „neuer Unschuld“ herbei sehnt.

    Sozusagen Adam und Eva vor dem Sündenfall.
    Vor der Erkenntnis von Gut und Böse.
    Ein Neuanfang, eine Neu-Skalierung.

    Aber so funktioniert das nicht.

    Man kann weder politische noch historische noch persönliche Schuld tilgen, indem man sich unschuldig stellt.

    Das Gegenteil von Schuld ist nicht Unschuld, sondern Vergebung.

    Und Vergebung kommt nicht vom Menschen.
    Wie auch die Gnade nicht vom Menschen kommt, sondern von Gott.

    Nun hat man Vergebung zu erlangen versucht durch „Trauerarbeit“.

    Meister Eckehart schreibt aber, dass Vergebung und Heilung der seelischen Wunden nicht durch künstlich aufrecht erhaltene Reue, sondern durch erneutes Aufschauen zum Herrn kommt.

    Und tatsächlich ist unsere Kultur der Trauerarbeit überdrüssig.

    Nachdem aber Geld, Wohlstand, Komfort und spät-neuzeitliche, auf den Naturwissenschaften basierende Magie – wobei hier nicht der Naturwissenschaft selbst gemeint ist – ein Aufschauen zum Herrn unbequem gemacht haben, tut man lieber unschuldig.

    Was wird wohl der Apfel neuer Erkenntnis sein?

    LG KNI

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Leider sucht gerade die Einmischung in die (gendergerechte) Fortpflanzung zur Zeit ihres Gleichen. Was bei Egon Friedll vielleicht noch als Witz oder Übertreibung gemeint war, ist längst bitter ernste Realität geworden. Die Zerstörung der Familie steht spätestens seit Sigmund Freud und Friedrich Engels auf der weltweiten Agenda. Seitdem ist die Institution der Familie zu einer Möglichkeitsform der Existenzweise im Übergang geworden. Die Ehe für alle ist im Grunde genommen nur ein euphemistischer Ausdruck für deren Abschaffung. In der Grünen Jugend wird das auch schon seit Langem offen gefordert. Schon Hegel hat darauf hingewiesen, das „alles“ nichts anderes meint als „nichts Bestimmtes“ was gleichbedeutend ist mit „nichts“.
      Da in der Ehe nicht mehr die Verbindung zwischen Mann und Frau gesehen werden soll, die darauf angelegt ist, Kinder zu zeugen, zu gebären und aufzuziehen, sondern auch eine Verbindung zwischen zwei Männern oder zwei Frauen gemeint sein soll, dann frage ich mich, wenn schon für „alle“ warum nicht für drei, vier oder viele Partner, warum nicht auch für Kinder und warum nicht auch für Haustiere, zu denen doch die emotionale Bindung und Liebe oft größer ist als zu direkten Familienangehörigen.

      Antwort
      1. Kardinal Novize Igor

        ….und was auch niemandem auffällt: die Opfer der „freien Liebe“….sind die Frauen! Aus Ehemännern werden „LAPs“ -LebensAbschnittsPartner. Wenn einem die Alte auf die Nerven geht, lässt man sie sausen. Und die Alte wird auch nicht jünger (und nicht attraktiver). Was passiert also? Die Auswahl wird geringer. Für die alternde Frau stehen nur noch Männer geringerer Klasse zur Verfügung. Der neue Auserwählte -oder dessen Nach-Nach-…..Nachfolger wird eine Pfeife sein, welche die einstmals junge Dame damals nicht einmal mit dem A*****h angeschaut hätte. Kinder wird es dann wohl auch keine geben. Oder genetisch hoffnungslose Fälle…

        Die Männer können diesen familienlosen Zustand wohl leichter ertragen, wenngleich es auch unter diesen solche geben wird, die leiden werden. Um Kinder großzuziehen, bedarf es einer Institution: der Ehe.

        Bevor man sich aber als Mann in der Ehe auf Gedeih und Verderb einer Frau unterwirft, die es, dank heutiger Gesetzgebung, in der Hand hat, den Mann um seine Existenz zu bringen oder ihn gleich völlig zu vernichten, bleiben nicht wenige kluge Männer lieber allein.

        Nicht, dass ich der alten Restriktion, dem Zwang, der Heuchelei das Wort reden möchte. Es zeigt sich aber, dass eine gewisse Moral, ein Verantwortungsbewusstsein – auf beiden Seiten -, also ein Ehebegriff, dann doch nicht so schlecht wäre.

        LG KNI

      2. hansarandt Autor

        Die Ehe ist sei Jahrtausenden weltweit, die Lebensform, in der Kinder aufwachsen. Es sind vor allem die postkommunistischen Gendergagist_*innen, die das anders sehen. Deren eigene Kinder können auch diesen Gagaismus kaum weiter tragen. Dazu sind es viel zu wenige. Deshalb braucht es die Umerziehung und zwar mit aller Gewalt.

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