Schuld, Gnade und Moral

Schuld ist die Kehrseite von Verantwortung und Freiheit. Nur wenn ich frei bin und meine Freiheit auch in Verantwortung wahrnehme, kann und muss ich sogar schuldig werden. Auch an den Erfolgen ist in der Regel jemand schuld und ist zu Recht stolz darauf.

Trotz aller Freiheit und Verantwortung bleiben wir aber angewiesen auf das Gelingen, das wir nicht vollständig in der Hand haben. Das heißt, wir bleiben angewiesen auf die Gnade. Allein die Tatsache, dass wir geboren wurden und unsere frühe Kindheit überlebt haben, ist unabhängig von unserer persönlichen Leistung und verdankt sich vollständig der Gnade.

Der Begriff Moral ist allerdings zum Teil diskreditiert.

Fasst man ihn als die Gesamtheit der Sitten, Gebräuche und Regeln des menschlichen Zusammenlebens auf, dann wird man weder auf die Moral verzichten können, noch wäre das wünschenswert.

Wenn wir allerdings das Adjektiv „moralisch“ gebrauchen, dann meinen wir meistens den Versuch einen anderen Menschen dadurch zu manipulieren, indem wir ihm ein schlechtes Gewissen machen.

Heinz von Foerster hat in seiner Ethik meiner Ansicht nach sehr klug zwischen Moral und Ethik unterschieden.

Moral, so sein Vorschlag, ist das Setting von Normen und Verhaltensregeln, die öffentlich kommuniziert werden.

Eine solche Moralvorstellung in Gestalt einer reinen Lehre verkommt schnell zur Ideologie. Es kann als moralisch angesehen werden, sein Leben für ein vermeintliches höheres Ideal zu opfern, oder es gilt als moralisch, andere Menschen, die ausgegrenzt werden sollen, zu denunzieren und zu verurteilen.

Dem gegenüber beschreibt er als Ethik, das konkrete Handeln einer Person. Dieses Handeln ist um so ethischer, je mehr es die handelnde Person etwas kostet, so zu handeln.

Als Beispiel erzählt Heinz von Foerster, der als Jude während des dritten Reiches in Berlin unerkannt überlebte, folgende Begebenheit:

Zu seiner Mutter kam eine Frau, die als Blockwart für die Straße, in der seine Familie lebte, zuständig war. Sie sammelte Geld für die Winterhilfe.

Heinz von Foersters Mutter gab der Frau aus Angst entdeckt zu werden vierzig Reichsmark.

Die Parteifunktionärin gab ihr dreißig Reichsmark zurück und sagte: „Sie haben vier Kinder, sie werden das Geld dringend selber brauchen.“ Damit begab diese Frau sich in die Gefahr, selbst denunziert zu werden. Sie verstieß gegen die Moral ihres Staates und ihrer vorgesetzten Behörde und folgte stattdessen ihrem inneren Impuls der Menschenfreundlichkeit.

Ich habe viele solche mutigen Geschichten aus der dunklen Zeit gehört. Gerade die Verfolgten des Regimes erzählen immer wieder davon.

Moral ist etwas, was man postuliert, Ethik hingegen das konkrete Handeln.

Nicht umsonst ist immer wieder die Rede von dem Wasser, das gepredigt und dem Wein, der getrunken wird.

Jesus hat dieses Problem auf den Punkt gebracht, als er sagte: „An ihren Taten werdet ihr sie erkennen.“

Das gilt für die viel fliegenden, SUV-fahrenden, ihre Kinder in die Privatschule bringenden Öko- und Multikulti-Moralisten genauso, wie für die viel gescholtene Doppelmoral der katholischen Kirche.

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