Credo

Es ist ein Irrtum zu glauben, das Apostolikum, das in evangelischen- und katholischen Kirchen gesprochen wird, sei für die weltweite Christenheit verbindlich.

Das liegt an der weit verbreiteten Neigung, vorschnell von sich auf andere zu schließen.

Das Apostolikum wird ausschließlich in der römisch-katholischen Kirche und in den protestantischen Denominationen anerkannt.

Für die ganze Christenheit wurde 324 n. Ch. auf dem Konzil von Nicäa, das sogenannte Nicänum für verbindlich erklärt. Der Vorsitzende dieser Synode war selbst kein Christ, sondern der damalige Kaiser des Römischen Reiches Konstantin.

Mit kleinen Veränderungen wurde dieses Bekenntnis 381 n.Ch. auf dem Konzil von Konstantinopel für verbindlich erklärt und in die Liturgie der Messe aufgenommen.

Das war dann aber auch schon das Ende der großen Einigkeit.

Man hatte sich ursprünglich zusammengefunden, um die Göttlichkeit Jesu gegen die damals weit verbreitete „Irrlehre“ der Arianer zu verteidigen, die in Christus nur einen Menschen, wenn auch einen besonderen Menschen sehen wollten. (1)

Den gravierenden Unterschied der beiden Bekenntnisse erkennt man schon am ersten Wort.

Der Abendländer spricht ein „Credo“, das heißt „ich glaube“ und genau mit diesen beiden Worten fängt das Apostolische Glaubensbekenntnis an.

Die Väter des Nicänums sehen das völlig anders. Deshalb beginnt der Text dieses Bekenntnisses auch nicht mit den Worten, ich glaube, sondern mit den Worten wir glauben.

Das ist ein entscheidender Unterschied, den man gar nicht noch genug einschätzen kann. Im Westen denkt man schon damals vom Individuum, vom ich, her und im Osten kommt es auf die Gemeinschaft, auf das wir an.

Die Abendländer denken vom Wesen her, das heißt ontologisch. Die Ostkirche denkt relational. Die Identität ergibt sich aus den Beziehungen, den Relationen, in denen sie sich verortet.

Der Abendländer sagt sich im Grunde schon damals, „ich denke also bin ich“ (Descartes). Also heißt es im Bekenntnis: „Ich glaube…“

Das ist bis heute genau die Sollbruchstelle, zwischen östlichem und westlichem Welt- und Gottesverständnis.

Aus diesen unterschiedlichen Denkmodellen resultiert der Streit um das „filioque“ den ich erst jetzt allmählich zu begreifen beginne.

Beim filioque geht es um die Frage, ob der Heilige Geist nur aus dem Vater (ost) oder auch aus dem Sohn, filioque (west) hervorgeht.

Beide, sowohl die Ostkirche als auch der Westkirche, haben im Grunde genommen das gleiche Anliegen:

Auch der trinitarische Gott muss so gedacht werden, dass nicht das Missverständnis entstehen kann, es handele sich um drei Personen, also letztlich um drei verschiedene Götter

Versteht man die Welt, als aus Relationen und Verwandtschafts-Beziehungen aufgebaut, dann verletzt das filioque die Einheit Gottes. Nicht ein Gott bringt den Heiligen Geist hervor, sondern zwei verschiedene Gottheiten, Vater und Sohn.

Versteht man die Welt allerdings ontologisch durch Wesenheiten konstituiert, wie im Westen, dann muss das filioque im dritten Glaubensartikel eingefügt werden, um die innere Logik der Gleichheit innerhalb der Trinität nicht zu gefährden.

Wenn der Vater und der Sohn gleich wichtig sind, dann müssen sie auch an der Hervorbringung des Heiligen Geistes in gleicher Weise beteiligt sein. Ließe man das filioque im Glaubensbekenntnis weg, käme das einer Unterordnung des Sohnes unter den Vater gleich. Die Einheit Gottes wäre gefährdet.

Westkirche und Ostkirche verteidigen auf ihre je eigene Weise die Einheit Gottes, um den Preis, dass die beiden Kirchen unwiederbringlich auseinanderfallen.

Diese völlig verschiedene Wahrnehmung der Welt, relational oder ontologisch, zeichnet auch das Auseinanderfallen der Grundparadigmen zwischen westlichen und östlichen Gesellschaften in Europa und im Nahen Osten aus.

Sowohl die osteuropäischen als auch die muslimischen Gesellschaften denken stark von der Gemeinschaft und dem Familienverband her. Wir glauben….

In den westlichen Gesellschaften steht das Individuum, ich glaube…, im Zentrum der Betrachtung. Neudeutsch nennt man das gerne Individualisierung oder neuerdings auch Singularisierung.

Beide Sichtweisen haben sowohl Vorteile als auch Nachteile:

Das abendländische Denken vom Individuum her, hat den freien Markt und in der Folge davon eine gigantische Wirtschafts- und Produktivitätsentwicklung möglich gemacht.

In Krisensituationen sind Gemeinschaften und Familienverbände einzelnen Akteuren in der Regel aber überlegen.

Welches der beiden Denkmodelle in der Zukunft überlebensfähiger sein wird, können wir nicht wirklich wissen.

 

Anmerkungen

1 Dieser so genannten Irrlehre, dem Arianismus, hängen heutzutage die meisten abendländischen Christen an. Auch sie können sich nicht mehr wirklich vorstellen, dass Jesus mehr als ein Prophet oder irgendwie besonderer Mensch gewesen sein soll.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

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