Milliarden für Notre Dame?

Gestatten Sie mir noch eine Bemerkung zu der Alternative, ob man das viele Geld nicht lieber den Armen geben sollte, anstatt es für einen heiligen Zweck auszugeben.

Kann es einen heiligen Zweck geben, der höher steht als alle Zweck-Mittel Relationen, die meist in ökonomischen Kategorien gedacht werden?

Oder anders gefragt, kann die ökonomische Zweckmäßigkeit, sei sie nun als „effizient“ gedacht, wie im Neoliberalismus, oder vom Gleichheitsideal gespeist, wie im Marxismus, der letzte und höchste Zweck sein, dem sich alles andere als bloßes Mittel unterzuordnen hat?

Vielleicht ist es Ihnen bekannt, dass genau diese Frage auch im Johannesevangelium erörtert wird (Johannes 12, 12-19):

Jesus spricht sich in der Erzählung, die Salbung in Bethanien, für den heiligen Zweck und gegen die Alimentierung der Armen aus. Ein Jünger kritisiert eine Frau, die Jesus kurz vor seinem Gang zum Kreuz mit einem sehr teuren Öl salben will, und fordert, das Geld stattdessen besser den Bedürftigen zu geben.

Jesus widerspricht ihm und sagt: „Es (das kostbare Öl) soll gelten für den Tag meines Begräbnisses. Denn Arme habt ihr allezeit bei euch; mich aber habt ihr nicht allezeit.“

Damit rechtfertigt er den Einsatz erheblicher Mittel für einen heiligen Zweck, sein Begräbnis.

Das erinnert mich an die Ausführungen von Benedikt XVI., die er kurz vor Ostern 2019 anlässlich des Missbrauchsskandals getätigt hat und die, ähnlich wie Ihre Äußerungen bei Frau Kramp Karrenbauer, ebenfalls von der Presse skandalisiert  wurden.

Darin kritisiert er die Katholische Moraltheologie die, wie er sagt, den Einsatz aller Mittel rechtfertigt, solange der Zweck vermeintlich moralisch höher steht. Er schreibt:

„Schließlich hat sich dann (gemeint ist die Kulturrevolution in Folge von 68) weitgehend die These durchgesetzt, daß Moral allein von den Zwecken des menschlichen Handelns her zu bestimmen sei. Der alte Satz „Der Zweck heiligt die Mittel“ wurde zwar nicht in dieser groben Form bestätigt, aber seine Denkform war bestimmend geworden. So konnte es nun auch nichts schlechthin Gutes und ebensowenig etwas immer Böses geben, sondern nur relative Wertungen. Es gab nicht mehr das Gute, sondern nur noch das relativ, im Augenblick und von den Umständen abhängige Bessere.“

Benedikt kritisiert darin den in den 80er Jahren führenden katholischen Moraltheologen, Franz Böckle, der damals erklärte: Wenn die Enzyklika des Papstes entscheiden sollte, daß es Handlungen gebe, die immer und unter allen Umständen als schlecht einzustufen seien, wolle er dagegen mit allen ihm zur Verfügung stehenden Kräften seine Stimme erheben.

Benedikt hält ihm unter Berufung auf den damaligen Papst entgegen:

„Johannes Paul II. konnte und durfte keinen Zweifel daran lassen, daß die Moral der Güterabwägung eine letzte Grenze respektieren muß. Es gibt Güter, die nie zur Abwägung stehen. Es gibt Werte, die nie um eines noch höheren Wertes wegen preisgegeben werden dürfen und die auch über dem Erhalt des physischen Lebens stehen. Es gibt das Martyrium. Gott ist mehr, auch als das physische Überleben. Ein Leben, das durch die Leugnung Gottes erkauft wäre, ein Leben, das auf einer letzten Lüge beruht, ist ein Unleben.“

Jesus selbst hat dies immer wieder in seinen Bildern vom Reich Gottes hervorgehoben und in seiner Aussage: „Mein Reich ist nicht von dieser Welt“ präzisiert.

Es gibt etwas, das über die rein physische Existenz hinausweist und diese transzendiert. Eine achthundert Jahre alte Kathedrale, wie Notre Dame eine war, ist ein religiöses Symbol, ein Fingerzeig auf diese Transzendenz, die unser Leben gleichzeitig ermöglicht und über es hinausweist.

Die Entscheidung diese Transzendenz aufzugeben, die in der Aufklärung ihre Wurzeln hat und in der Kulturrevolution der 68er Bewegung zu ihrer jetzigen Blüte gekommen ist, hat mitunter fatale Folgen gezeitigt, wie an den atheistischen Ismen des zwanzigsten Jahrhunderts überdeutlich geworden ist. Der Philosoph Karl Popper, ein religiös unverdächtiger Mensch, hat das einmal sehr gut auf den Punkt gebracht. Er sagte: „Der Versuch den Himmel auf die Erde zu holen, hat regelmäßig in die Hölle geführt. Damit meinte er genau jene Ismen, die für Millionen von Toten verantwortlich sind.

Ich selber bin im Dunstkreis von 1968 aufgewachsen und sozialisiert, habe mich immer für links gehalten und lange Jahre die Partei Die Grünen gewählt, selbst noch nach dem völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Bundesrepublik Jugoslawien, obwohl ich es eigentlich schon damals längst besser wusste.

Josef Ratzinger war für mich ein Autor, der für das Böse und Falsche stand, und den man nicht lesen musste oder sollte.

Seine Rede im Deutschen Bundestag 2011 hat mich allerdings sehr begeistert. Er entfaltete damals die katholische Sichtweise der Dinge an den drei Kategorien, Recht, Vernunft und Offenbarung.

Die römische Kirche fußt auf dem römischen Recht, das die Grundlage auch für unser Verständnis vom Rechtsstaat liefert. Besondere Bedeutung kommt dabei dem Naturrecht zu, das sich der Beliebigkeit menschlicher, konstruierter Rechtssetzungen entzieht, an denen auch die moderne katholische Morallehre, die Benedikt kritisiert, krankt.

Auch hier bringt er wieder zum Ausdruck, dass es letztlich um das Unverfügbare geht, das es zu achten und zu respektieren gilt. Benedikt brachte im Bundestag 2011 diesen Gedanken im Blick auf die Partei der Grünen auf den Punkt indem er fragte, ob nicht all jene, die sich unermüdlich für die Umwelt und die Erhaltung der Arten einsetzen, sich auch einmal gefragt haben, ob nicht auch der Mensch vielleicht eine Natur haben könnte, die es zu achten und zu respektieren gälte.

In ähnlicher Weise kritisiere Jordan Peterson in seiner Debatte mit dem Marxisten Zizek im Februar 2019, dass im Kommunistischen Manifest, das die Gesellschaft aus der Basisfunktion des Klassenkampfes heraus rekonstruiert, die Natur bez. die Biologie des Menschen vollständig ausblendet, so als habe der Mensch gar keine Natur, sondern sei nur eine Funktion der Ökonomie.

Sowohl der Neoliberalismus, als auch der Marxismus betrachten die Ökonomie als die Treibende Kraft der Geschichte zu der es keine Alternative gibt.

Demgegenüber vertrete ich die These, dass es sehr wohl höhere und höchste Werte gibt, die das materielle und sogar das physische Leben transzendieren.

Benedikt formuliert das so:

„Es gibt ein Minimum morale, das mit der Grundentscheidung des Glaubens unlöslich verknüpft ist und das verteidigt werden muß, wenn man Glauben nicht auf eine Theorie reduzieren will, sondern in seinem Anspruch an das konkrete Leben anerkennt. Aus alledem wird sichtbar, wie grundsätzlich die Autorität der Kirche in Sachen Moral zur Frage steht. Wer der Kirche in diesem Bereich eine letzte Lehrkompetenz abspricht, zwingt sie zu einem Schweigen gerade da, wo es sich um die Grenze zwischen Wahrheit und Lüge handelt.“

Ich versuche diese theologischen und gesellschaftspolitischen Gedanken jetzt noch einmal herunterzubrechen auf die Ausgangsfrage: Sollte man Geld eher für ein altes abgebranntes Gotteshaus oder für die Linderung der Not vieler Menschen ausgeben?

Natürlich legt sich sofort die Assoziation nahe, dass die Not von konkreten Menschen allemal wichtiger ist, als ein altes Haus, in dem nicht einmal ein einziger Mensch wohnt.

Was vordergründig richtig erscheint, ist meiner Ansicht nach mit einem zu hohen Preis erkauft.

Wer meint auf alles verzichten zu können, was über die rein physische und materielle Existenz eines einzelnen Menschen oder einer Gruppe hinausweist, verliert jeden transzendenten Anker, von dem aus er jenseits aller Beliebigkeit und materiellen Nützlichkeit seiner Natur gemäß leben kann, die in seiner geschenkten Gottesebenbildlichkeit besteht.

Vielleicht können Sie mit den theologischen Begriffen, die ich verwende, wenig oder gar nichts anfangen aber vielleicht verstehen sie meine Intension. Weltlich ausgedrückt könnte ich vielleicht von der Ehrfurcht vor der Natur des Menschen sprechen, zu dem auch seine Kultur gehört mit deren herausragenden Symbolen und Zeichen wie zum Beispiel die Kathedrale von Notre Dame.

Eine Kathedrale wie Notre Dame verweist auf die prinzipielle Unverfügbarkeit und Transzendenz jeden menschlichen Lebens.

 

 

 

 

4 Gedanken zu „Milliarden für Notre Dame?

  1. Kardinal Novize Igor

    Viele sehr interessante Gedanken, und ich stimme eigentlich in allem überein.
    Benedikts Formulierungen sind tatsächlich eine intellektuelle Wohltat.

    Ich würde aber das eigentliche Motiv derer, die die Spendendiskussion ausgelöst haben, einige Niveau- und Moralstufen tiefer ansetzen.

    Tatsächlich wird doch Notre Dame von der militant-atheistischen Journaille genützt, um wieder einmal gegen Christen zu hetzen. Spender werden gegen Spender ausgespielt und in übelster Weise gegeneinander aufgerechnet, ein abgebranntes Gotteshaus wird instrumentalisiert, um allen, die dafür spenden, mit Häme zu begegnen.

    Die niederträchtige Dialektik dieser Sache wäre eines Goebbels nicht unwürdig.

    Als ob man nicht für Notre-Dame UND Afrika spenden könnte! Aber dieser so einfache und einleuchtende Gedanke dient freilich nicht dem Intendierten: Der Hatz und der Polarisierung. Denn natürlich muss diese kaputte Kultur alles und jeden hassen, die an ein über-physisches „Gutes“ glaubt. Weil es dann auch ein „Böses“ geben muss, dass man zu verdrängen versucht mit blasierter Gleichgültigkeit.

    Ja, die Christen müssen zwangsläufig gehasst und wohl auch wieder verfolgt werden, wenn sie die Menschen auf so blasphemische Gedanken bringen, wie jenen, dass man das Gute nicht aus der Hand eines Konzerns empfangen kann, und nicht aus den Selbstdarstellungsorgien auf facebook Instagram und wie der ganze Müll sonst noch heißt!

    Da hat Benedikt völlig recht, Danke für den Artikel!

    LG KNI

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Es handelt sich dabei um einen Brief aus einem Schriftwechsel mit Prof. Egbert Jahn, der an einer Podiumsdiskussion bei Frau Kramp Karren Bauer bei der CDU zum Thema Migration teilgenommen hat. Die Uni Frankfurt hat ihn wegen der Äußerungen, die er dort getätigt hat, aus sämtlichen Verzeichnissen gelöscht. Seine virtuelle Existenz wurde eliminiert. Ich füge noch den ersten Brief an, den ich an Ihn geschrieben habe.

      Antwort
    2. hansarandt Autor

      Sehr geehrter Herr Prof. Dr. Jahn,

      Ich fand das Werkstattgespräch, das Frau Kramp-Karrenbauer bei der CDU angeregt hat, ein hoffnungsvolles Zeichen, das die tatsächlichen Probleme im Zusammenhang mit der Migration, die keiner leugnen kann, und mögliche Lösungsansätze endlich einmal auf hoher Ebene angst- und ideologiefrei diskutiert werden durften. Niemand hat auf dieser Veranstaltung erkennbar an Ihren Äußerungen Anstoß genommen. Ich bin erschüttert darüber, wie eine Universität, die ja gerade von der Freiheit der Forschung und Lehre lebt, sich anmaßt, sachliche Diskussionsbeiträge, mit virtueller Vernichtung zu ahnden, so als hätte es einen Prof. Jahn nie gegeben. Ich bin fassungslos.

      Antwort

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