Wo kein Richter ist…

Abgesehen von der Esoterik ist uns im Abendland die Vorstellung der Reinkarnation völlig fremd.

Sie zeigt sich allenfalls in Videospielen, in denen der Ballermann mehre Leben zur Verfügung hat, bevor das berühmte „Game Over“ auf dem Bildschirm erscheint.

Es geht aber in der Reinkarnationslehre gerade nicht um eine zweite Chance, sondern um eine heilige Pflicht.

Wiedergeboren wird nur der, der Karma in seinem jetzigen Leben aufgehäuft und noch nicht abgetragen hat. Er muss sozusagen nachsitzen und in einem weiteren Leben seine noch nicht vollzogene Strafe antreten.

Umgekehrt ist das vermeintlich unverschuldete Leid, dass er in seinem jetzigen Leben erfährt, nur eine Folge des Karmas aus einer früheren Existenz und von daher nicht unverschuldet, sondern gerechtfertigt.

Auch in der Urchristenheit und noch Jahrhunderte später war die Reinkarnation offizielle Lehre der Alten Kirche.

Noch im Jahre 451 nach Christus auf dem Konzil zu Chalcedon gehörte die Reinkarnationslehre zu Dogmen der Kirche und war auch gar nicht umstritten.

Erst knapp hundert Jahre später sollte sich das grundlegend ändern. 527 wurde auf einem weiteren Konzil, die Reinkarnationslehre verworfen und alle Bischöfe, die sie lehrten, als Ketzer aus der Kirche verbannt.

Die treibende Kraft hinter dieser Umwälzung war Theodora, die Frau des Kaisers Justitian.

Sie hatte sich von der Tochter eines Bärenbändigers im Zirkus von Konstantinopel bis zur Gemahlin des römischen Kaisers emporgearbeitet. Nun wollte sie sich auch zur Göttin erheben und verehren lassen.

Ihr gefiel die Vorstellung gar nicht, dass sie auch in der Gestalt eines Tieres wiedergeboren werden könnte, weil sie Karma angehäuft hat und ihre Schuld noch abtragen muss.

Sie wollte zu einer ewigen Göttin werden, über alles und jeden erhaben.

Der Glaube an die Wiedergeburt stand da im Wege. Sie schaffte es, eine Mehrheit in der Bischofskonferenz hinter sich zu bekommen, und die Reinkarnation wurde für alle Zeiten aus der Lehre der Kirche verbannt.

Ein Teil der Vorstellung von der Wiedergeburt spiegelt sich im Glauben an die Auferstehung von den Toten – die ja auch eine Art Wiedergeburt ist – und an das Endgericht, wie es im christlichen Glaubensbekenntnis erhalten geblieben ist.

Für de Schuld, die wir in unserem Leben aufgehäuft haben, werden wir vor unserem göttlichen Richter zur Verantwortung gezogen werden. Das deckt sich mit der Lehre vom Karma zu mindestens teilweise.

Auch die Vorstellung, dass wir schon schuldbeladen auf die Welt kommen, wird in dem dem Glauben an die Kollektivschuld für Verbrechen, die während des Zweiten Weltkrieges begangen wurden, lange bevor wir das Licht der Welt erblickt haben, manifestiert.

Ich denke, dass beiden Vorstellungen, der vom Endgericht in der Zukunft ebenso wie das unerlöste Karma aus der Vergangenheit, eine von allen geteilte menschliche Erfahrung zu Grunde liegt.

Die Frage ist:

  1. Wie erklärt sich Leid, das unverschuldet getragen werden muss?
  2. Wer zieht die Reichen und Mächtigen zur Rechenschaft, deren Verbrechen hier auf der Erde ungesühnt geblieben sind?

Auf genau diese Fragen versuchen die Lehre von der Reinkarnation und der Glaube an des Gericht Gottes eine Antwort geben.

Es handelt sich um die Frage der Theodizee, auf die es bis heute keine befriedigende Antwort gibt.

Das gute an beinen Lehren, der von der Reinkarnation und der vom Gericht am Ende aller Zeiten, ist die Betonung der menschlichen Verantwortung.

Der Gedanke der Verantwortung entfaltet erst dann seine volle Tragweite, wenn er als Verantwortung vor Gott verstanden wird, das heißt vor einer Instanz, die man schlechterdings nicht betrügen kann.

Die Verantwortung allein vor Menschen kennt immer die Ausflucht, die sich in Sprichworten äußert wie, „solange es keiner merkt“ oder „wo kein Richter ist, ist auch kein Henker.“

 

 

 

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2 Gedanken zu „Wo kein Richter ist…

  1. Kardinal Novize Igor

    Ich finde den Reinkarnationsgedanken auch sehr interessant. Bin sowieso Hindu-Fan.
    Es gibt dem ganzen eine gewisse Leichtigkeit: die Chancen enden nie!

    Dass auch die Kirche ihm anhing, wusste ich nicht.

    Tatsächlich wissen wir ja nicht, was das Fegefeuer ist. Warum sollte die Läuterung der menschlichen Seele nach dem Tod nicht auch durch Wiedergeburt erfolgen?

    Wobei: Das letzte Ziel ist der Himmel; die Erlösung. Auch die Hindus sehen das so. Was nun die Wiedergeburt begrifft, bin ich agnostisch; an den Himmel glaube ich jedenfalls.

    LG KNI

    Antwort

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