Ergreifen oder ergriffen

Das meiste, was wir zu wissen meinen, glauben wir nur, weil es von Instanzen verkündet wird, denen wir vertrauen.

Es ist ausgesprochen fragwürdig, was wir überhaupt wissen können. Der Einwand des Sokrates, er wisse, dass er nichts weiß, gilt nach wie vor.
Es ist gerade dieses Wissen um das Nichtwissen, das Sokrates gegenüber seinen Zeitgenossen überlegen macht. Ihnen ist es nicht bewusst, dass sie alles, was sie zu wissen meinen, auch nur glauben.

Die Kirche steht auf der Seite des Sokrates, da sie davon ausgeht, dass sie nur einen Glauben zu bieten hat, und sich nicht anmaßt, etwas sicher zu wissen.

Selbst das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes erhebt diesen Anspruch nicht. Es behauptet nur, dass etwas wahr ist, weil der Papst es sagt, nicht weil es tatsächlich wahr ist. Genau diesen Anspruch erheben allerdings die Wissenschaften.

In den seltensten Fällen kann ich den Wahrheitsgehalt einer wissenschaftlichen Aussage selbst überprüfen. Das geht vielleicht bei dem Gesetz der Schwerkraft. Bei vielen anderen Dingen geht das sicher nicht.

Das Hauptproblem der Wissenschaft besteht darin, das Sie sich der Vorläufigkeit und der Fehlbarkeit ihrer Erkenntnisse nicht bewusst ist.

Es ist auch nicht so, dass dieses vorgebliche und vermeintliche Wissen den Glauben überflüssig machen könnte. Das Hauptproblem der Wissenschaft besteht darin, dass sie sich ihrer selbst nicht bewusst ist. Sie leidet unter einem Mangel an Selbstreflexion. Sie gibt sich der völlig verqueren Anschauung hin, als gäbe es einen Standpunkt jenseits aller Dinge, den der Wissenschaftler einnehmen könnte. Diese Weigerung zur Selbstreflexion nennt man auch Objektivität.

Heinz von Foerster wird nicht müde diesen Tatbestand immer wieder hervorzuheben. Er sieht in der Konstruktion einer nicht herstellbaren Objektivität, die Flucht vor der Verantwortung. Wenn ich behaupte, dass etwas objektiv wahr sei, verschleiere ich nur mein eigenes Interesse an genau dieser Wahrheit und die Verantwortung die ich dafür trage. Auch Horkheimer und Adorno haben auf den Zusammenhang von Erkenntnis und Interesse immer wieder hingewiesen.

Es ist Mode geworden, die Existenz Gottes zu leugnen, weil es dafür gute wissenschaftliche Gründe gäbe. Stattdessen glaubt man an die Existenz der Objektivität, die nicht einmal vernünftig gedacht werden kann. Das haben selbst Quantenphysiker mittlerweile eingesehen, als sie entdeckten, dass der Beobachter immer auch Teil Messung ist, die er durchführt und mit beeinflusst. Der Physiker Heisenberg nannte das die Unschärferelation.
Pirmin Stekeler-Weithofer, der von mir so geschätzte Hegelinterpret, sagt, es komme alles darauf an, dass auch die Wissenschaft zu sich selbst kommt, d.h. sich im historischen Prozess selbst reflektiert.
Erst wenn sie dazu in der Lage ist, und im Augenblick sieht es ganz und gar nicht danach aus, wird sie sich vom Dogma Schritt für Schritt entfernen können, um dem näher zu kommen, was ihre eigentliche Aufgabe ist, das Finden der Wahrheit.

Mit Sokrates möchte ich behaupten, dass die Wahrheit darin besteht, dass man ihrer nicht habhaft werden kann.

Trotzdem kann kein Zweifel daran bestehen, dass es die Wahrheit notwendig gibt. Gäbe sie es nicht, könnten wir nicht davon reden, dass irgendetwas gelogen sei. Uns käme der Maßstab abhanden.

Freiheit braucht diesen Maßstab, wie wir die Luft zum Atmen benötigen. Es braucht einen Konsens darüber, ob etwas richtig oder falsch, wahr oder gelogen ist.

Dieses Letzte unverfügbare gilt es festzuhalten, wie Josef Ratzinger richtig betont. Die Wahrheit darf nicht zum Spielball unserer Interessen werden. Es geht nicht darum, die Wahrheit zu kontrollieren, wie er in seinem Sendschreiben Ostern 2019 hervorhebt, sondern sich von ihr ergreifen zu lassen.

5 Gedanken zu „Ergreifen oder ergriffen

  1. Kardinal Novize Igor

    …es gibt aber leider auch in der (katholischen) Theologie (die sich ja auch als „Wissenschaft“ sieht) eine sehr bedenkliche Stimmung gegenüber den Naturwissenschaften, die zwischen Ehrfurcht und Angst (weil sie ein solches Komplexitätslevel nicht gewohnt ist), zwischen Magieglauben und Eifersucht, zwischen Anbiederung und blankem Hass schwankt.

    Und dann wieder findet man TheologieprofessorInnnen, deren Eitelkeit und Eingebildetheit in direkter Proportion zu ihrer Dummheit stehen. Eine dieser Vortragenden fühlte sich bemüßigt, ununterbrochen zu betonen, dass ihre Vorlesung mindestens so komplex sei wie die komplexeste Naturwissenschaft.

    Es war lächerlich. Vor allem, da sie die dürftigen Inhalte ihrer Vorlesung nicht einmal sprachlich adäquat präsentieren konnte. Nichts als Eitelkeit und Angst.

    Als ich mich als Naturwissenschaftler outete, traf mich ein Blick: „Dich will ich töten!“

    „Sehr christlich“, dachte ich mir.

    Das finde ich traurig.

    Ist der persönliche Glaube dieser Menschen wirklich so schwach, dass sie ihn durch die Naturwissenschaften bedroht sehen? Glauben solche Menschen nur aus der Negation des Wissenschaftskultes? Ist es für diese wirklich so schwer, zwischen Wissenschaft und Wissenschaftskult zu unterscheiden?

    ….verständlicherweise habe ich, jener Professorin gegenüber, keinen Versuch mehr gemacht, ihr den Unterschied zwischen Theorie, Axiom und Arbeitshypothese zu erklären. Geschweige denn, wie die Naturwissenschaft zu ihren Ergebnissen kommt. Für so eine Erklärung wäre sie sich ohnehin „viel zu gut“ gewesen. Es hätte nämlich mit harter Arbeit, mit viel Logik und viel Mathematik zu tun gehabt.

    Ich bin sehr für den Dialog zwischen Theologie und Naturwissenschaften. Mag sein, dass die Naturwissenschaftler oft zu sachorientiert sind. Der Theologie aber fehlt es zum Teil schlicht an menschlichen Basics, abgesehen von tatsächlicher Wissenschaftlichkeit und Glauben, um in einen solchen Dialog einzutreten. Sie ist hundertmal weiter von jenem Schnittpunkt, der Dialog ermöglicht, entfernt, als die Naturwissenschaften.

    Zum Glück kenne ich auch ein positives Gegenbeispiel: Einen Priester und Biochemiker in Personalunion. Dieser hat die Wissenschaft hinter sich gelassen, ohne auf sie herab schauen zu müssen, und seine theol. Dissertation, an der er gerade schreibt, ist von einer wunderbaren, einfachen Herzlichkeit und Tiefe. Weil er niemandem mehr etwas „beweisen“ muss, braucht er sich nicht mehr „wissenschaftlich“ aufzublähen. Er kann er sich auf das Wichtige konzentrieren: das Menschliche, das Göttliche, und die Beziehung zwischen beidem!

    LG KNI

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Vielen Dank für Deine erhellenden Worte. Von Eitelkeiten halte ich auch nichts, auch wenn meine Blogbeiträge gelegentlich diesen Eindruck vermitteln mögen. Ich halte sehr viel von der Vernunft, die in der seriösen Wissenschaft genauso hochgehalten wird, wie zum Beispiel in der Theologie Ratzingers. Leider, so werde ich nicht müde zu wiederholen, macht sich ein (Wissenschafts-)Glaube breit, der sich dogmatisch geriert und Andersglaubende verfolgt, wie im Mittelalter. Auch die Vernunft wird in diesem neuen Glauben als Gefahr oder sogar als Verbrechen angesehen, zum Beispiel die Berufung auf den gesunden Menschenverstand, die mittlerweile auf den Index der unsagbaren Termini gesetzt worden ist.

      Antwort
  2. Kardinal Novize Igor

    Da sind wir wieder einig; und natürlich gibt es auch wissenschaftsgläubige Wissenschaftler. Das ist ohne weiteres möglich: Glaube und Naturwissenschaft haben eben nichts miteinander zu tun!

    Tatsächlich gibt es ja für den Hausverstand keinen „Beweis“: Wenn eine Alltagssache funktioniert, gilt sie als richtig, und das ist kein schlechter Ansatz. Etwa, dass ein Teller durch Waschmittel sauber wird.

    Glücklicherweise gibt es auch viele Wissenschaftler, die mit dem Hausverstand arbeiten. Nachdem das Betätigungsfeld des Wissenschaftlers freilich kein alltägliches ist, erkennt man deren Hausverstand oft nicht direkt. Wenn die Erfahrungswerte passen und die Logik dahinter konsistent ist, so nimmt man eine Sache als Arbeitshypothese an, die man etwas simplifiziert „bewiesen“ nennt.

    Der Begriff „Arbeitshypothese“ ist also ein Begriff naturwissenschaftlichen Hausverstandes.

    LG KNI

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Mit der „Arbeitshypothese“ komme ich gut zurecht. Auch der Glaube an Gott ist eine Hypothese, mit der sich gut arbeiten lässt. Meiner Tochter habe ich das mal so erklärt, als sie wissen wollte, ob ich tatsächlich an Gott glaube. Ich habe ihr einen langen Brief geschrieben mit der zentralen These: Ja, Feuerbach hat recht, Gott ist eine Erfindung der Menschen, aber nicht die schlechteste.

      Antwort
  3. Kardinal Novize Igor

    Den Feuerbachschen Satz würde ich um genau 180 Grad drehen: Der Mensch ist eine Erfindung Gottes. Oder: „Nicht ihr habt mich erwählt, sondern ich habe euch erwählt!“

    Den Jungen dieses zu sagen: schwierige Aufgabe.

    Oder vielleicht auch nicht: die unverbildeten ganz Jungen spüren noch die Geisterwelt, das Wirken Gottes und seiner Engel; sie haben luzide Träume, sie sehen das Unsichtbare.
    Dann kommen die „klugen“, „gebildeten“ Erwachsenen, und reden dies den Kindern aus. Sie sagen ihnen, das seien „Einbildungen“ und das sei „nicht vernünftig“. Und stumpfen damit die Kinder ab. Weil sie, die Erwachsenen selber die „Salbung“ verloren haben, von der etwa der Hl. Johannes vom Kreuz spricht.

    Wer es (auch nur) einmal erlebt hat, weiß, dass das keine Esoterik ist, sondern jene tiefe Wahrheit, nach der die Alten strebten. Wenn Europa eine Überlebenschance haben will, wird sie diese Wahrheit wiederentdecken müssen…

    LG KNI

    Antwort

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