Hegel

Fragmente zu Georg Friedrich Wilhelm Hegel:

Die neusten Beiträge zu Hegel findet sich hier und hier.

Religion – Wissenschaft – Vernunft – Sein – Sollen

In jüngerer Zeit bin ich auf diesen Denker aufmerksam geworden. Mir scheint, dass er eine Möglichkeit anbietet, wie in der modernen Welt nach wie vor sinnvoll von Gott und der Religion gesprochen werden kann.

Die Religion wird in unseren Breiten gemeinhin als etwas Überholtes, etwas Historisches mit Restbeständen in der Gegenwart betrachtet.

Auch während meines Theologiestudiums hatte ich den Eindruck, dass die Theologie sich in erster Linie als eine historische Wissenschaft betrachtete, Ähnlich der Geschichtswissenschaft oder der Archeologie.

Auch die Fächer Dogmatik und Ethik erschöpften sich nicht selten im zur Kenntnis nehmen dogmatischer und ethischer Vorstellungen in der Religionsgeschichte.

Wenn der Student etwas glauben wollte, war das seine ganz persönliche Angelegenheit, seine Privatsache und für die Prüfung irrelevant.

Nun beschreibt aber Hegel das Verhältnis von Kunst, Religion und Wissenschaft in der folgenden Weise:

„Die Philosophie hat mit Kunst und Religion den selben Inhalt und den selben Zweck. Sie ist die höchste Weise die Welt zu erfassen, weil ihre Weise der Begriff ist.

Die Philosophie hat keinen anderen Gegenstand als Gott und ist so wesentlich rationelle Theologie und so als im Dienste der Wahrheit fortdauernder Gottesdienst.

Philosophie ist Religion als Wissenschaft.“

Von diesem sehr interessante Denkansatz, der das Festhalten am Glauben in der modernen Welt als vernünftig und sogar wissenschaftlich erscheinen lässt, habe ich in meinem Theologiestudium nie etwas gehört.

Es gab einen Gedanken während meiner Ausbildung, der für mich sehr hilfreich war. Prof. Gert Hartmann beantwortete die Frage, warum so schreckliche und grausame Dinge in der Bibel berichtet werden mit dem Satz:

„In der Bibel steht nicht, wie es sein soll, sondern wie es ist.“

Über das Sein und das Sollen hat sich Hegel einmal in der folgenden Weise geäußert:

Philosophen stellen nie die Frage, was ist der Staat und was das Recht, sondern sie fragen, wie soll er sein, weil sie sich auf das Suchen von guten Gründen verlegt haben.

Hegel wörtlich:

„Der Wirklichkeit des Vernünftigen stellt sich schon die Vorstellung entgegen, dass sowohl die Ideen als auch die Ideale weiter nichts als Schimären eines Hirngespinstes seien. Und umgekehrt, dass die Ideen und Ideale etwas viel zu vortreffliches seinen, um wirklich zu sein und viel zu ohnmächtig, um sich Wirklichkeit zu verschaffen.

Aber die Abtrennung der Wirklichkeit von der Idee ist besonders bei dem Verstande beliebt, der die Träume seiner Abstraktionen für etwas Wahrhaftes hält. Und auch das Sollen, das er gerne auch im politischen Felde vorschreibt, ist eitel.

Als ob die Welt auf ihn gewartet hätte, um zu erfahren, wie sie sein solle aber nicht sei. Wäre sie, was sie sein soll, wo bliebe die Altklugheit des Sollens?“

Eine Idee über die Welt ohne Wirklichkeit ist nicht vernünftig

Der Glaube an die Grenzen der Vernunft ist ein Widerspruch in sich. In dem Satz, die Vernunft hat Grenzen kommt die Vernunft zweimal vor. Einmal in dem Satz selbst und ein zweites Mal in der Vernunft, die in der Lage ist, die behauptete Grenze der Vernunft vernünftig zu erkennen.

Wenn die Philosophen, die derlei Behauptungen aufstellen, den inneren Widerspruch ihrer eigenen Aussagen bemerken, lasten sie das nicht der Welt oder Gott an, also dem Gegenstand des Denkens, sondern der Vernunft. Aus Liebe zum Gegenstand, für den ja „gute Gründe affirmativ“ ins Feld geführt werden, erklärt man die Vernunft für verrückt.

Hegel behauptet,  „Die Bezweiflung der Tauglichkeit des Verstandes hat seinen Grund in dem Bestreben, den Gegenstand für besser halten zu wollen, als er ist.“

„Die modernen Philosophen behauten, dass das Vernünftige nicht wirklich ist. Und man kann das Vernünftige auch nicht erkennen. Das ist der reine Entschluss zum affirmativen Denken, ich stelle mir die Wirklichkeit so vor, wie ich sie gerne haben will.“

(Speziell diesen Eindruck habe ich eigentlich nie losbekommen können. Gerade bei wissenschaftlichen Abhandlungen war nur zu oft der Wunsch der Vater des Gedankens.

Es hat mal jemand gesagt, dass wenn man ein historisches Werk lies, man sehr viel über den Autor des Werkes uns seine Zeit erfahren kann, aber erschreckend wenig über die Zeit, von der berichtet wird.)

Ich will die Welt, sagt der Philosoph, als vernünftigen Zusammenhang deuten, als mir als vernünftigem Wesen angemessen, so als würden alle Notwendigkeiten in der Welt auf meiner Einsicht beruhen.

Aber die Welt ist nicht so, und man kann diese Deutung auch nicht einsehen.

Hegel:

„Das was an einer Sache wesentlich ist, ist an ihr dran!

Das Wesen einer Sache ist nicht das Sollen

Wenn eine Sache vernünftig ist, kann ich das auch einsehen.

Was vernünftig ist, das ist wirklich und  was wirklich ist, ist vernünftig.“

Fragment II

Aus meiner Schul- und Studienzeit bringe ich ein rudimentäres Verständnis von Hegels Dialektik mit. Gefallen hat mir immer die dreifache Bedeutung des Wortes „aufheben“. Aufheben im Sinne von aufbewahren, aufheben im Sinne von abschaffen und aufheben im Sinne von auf eine höhere Ebene heben.

Gefallen hat mir der ganzheitliche Aspekt daran: Auf der höheren Stufe ist das Aufgehobene zugleich aufgehoben im Sinne von erhalten, als auch aufgehoben im Sinne von negiert.

In der Logik Hegels wir die Einheit der Gegensätze evident:

Das reine Sein, also das Sein ohne konkreten Inhalt ist das leere Sein also gleichbedeutend mit dem Nichts. Das Nichts ist ebenfalls ein Sein, weil es ja ein Begriff von etwas ist also ein Sein ohne Inhalt, also das reine Sein. Das Sein und das Nichts sind also identisch und gleichzeitig so verschieden, wie sie nur sein können.

Aus dem Sein an sich, bzw. aus dem Nichts, wird das konkrete Sein, das Dasein, die Natur. Diesen Prozess nennt Hegel das Werden, bzw. das Entstehen. Umgekehrt kehrt die belebte Natur in ihren konkreten Erscheinungsformen wieder zu ihrer ursprünglichen Formlosigkeit, dem reinen Sein zurück. Die Organismen, die Pflanzen, die Tiere und der Mensch sterben, sie vergehen.

Das Werden ist die Bewegung des Entstehens und des Vergehens. Hegel beschreibt diesen Prozess auch mit der Idee, die am Anfang steht, die sich verwirklicht und Gestalt annimmt im Konkreten und wieder zu sich zurückkehrt und dabei sich ständig im Prozess des Werdens befindet.

Hegel meint in dieser Begrifflichkeit quasi ein Naturgesetz entdeckt zu haben. Er findet es in den Verhältnissen der Planeten, Sonnen und Monden untereinander wie auch in der Natur selbst und im Menschlichen Zusammenleben verwirklicht.

Im Grunde genommen ist das die philosophische Ausformulierung der Christlichen Mythologie.

Christus, der nach dem Johannesevangelium schon vor der Schöpfung beim Schöpfer präexistent war (quasi als Idee) entäußert sich selbst und nimmt Menschengestalt an und kehrt anschließend auf einer höheren Stufe in der Himmelfahrt zu seinem Ursprung zurück.

Diese Analogie zwischen Hegels System und der Christlichen Mythologie hat auch Hegel selbst so behauptet. Er hat sich explizit als christlichen Philosophen gesehen, der aus dem Glauben und der Anschauung Gottes in der Religion auf einer höheren, begrifflichen Stufe zu der Erkenntnis Gottes als Geist in der Philosophie gelangt.

Fragment 3

Jede Philosophie ist Idealistisch

Idealismus hat im Volksmund immer etwas mit Weltfremdheit zu tun. Ein Idealist ist ein Mensch der Idealen nachstrebt, die er wahrscheinlich nie erreichen wird. Der Idealist wird gerne belächelt und als Phantast und Weltverbesserer angesehen oder auch einfach nur als Spinner betrachtet.

Nun gibt es eine ganze philosophische Strömung, die als Idealismus bezeichnet wird. Die wichtigsten Vertreter sind neben Hegel, Fichte und Schelling. Nun könnte man meinen, diese Geistesströmung sei möglicher Weise von ihren Gegnern so bezeichnet worden um sie als gut gemeint aber undurchführbar um so leichter auf den Müllhaufen der Geschichte werfen zu können. Das ist ein Irrtum.

Hegel selbst hat nicht nur seine, sondern alle Philosophie als idealistisch bezeichnet, da das philosophische Nachdenken über das Sein oder einfach nur Seiendes nicht ohne Ideen und ohne Wissensformen auskommt, die an das jeweilige Objekt der Erkenntnis herangetragen werden müssen.

Damit schließt er an den transzendentalen Idealismus Kants an. Kant vertrat die Auffassung, dass es keinen unvermittelten Zugang zu den Dingen rein durch Erfahrung (Empirie) geben kann, sondern dass dieser Zugang immer durch unser Denken (unsere Ideen) vermittelt ist. Zum Beispiel die Kategorien von Raum und Zeit sind Vorstellungen, mit deren Hilfe wir die Gegenstände erst erfassen.

Insofern sind alle philosophischen Theorien über die Welt idealistisch auch wenn sie sich selbst als materialistisch, nihilistisch, agnostisch, atheistisch, “rein naturwissenschaftlich” oder wie auch immer verstehen.

“Die Einheit von Sein und Denken” ist für Hegel fundamental, deshalb sagt er auch, das Seiende, die Dinge, seien ideell.

Hegel wörtlich: “Der Satz, dass das Endliche ideell ist, macht den Idealismus aus. Der Idealismus der Philosophie besteht in nichts anderem als darin, das Endliche nicht als ein wahrhaft Seiendes anzuerkennen. Jede Philosophie ist wesentlich Idealismus oder hat denselben wenigstens zum Prinzip, und die Frage ist dann nur, inwiefern dasselbe wirklich durchgeführt ist.” TWA 5,172

Anders ausgedrückt bedeutet das: Jede Philosophie ist notwendig idealistisch, weil es gar nicht anders ein kann. Aber nicht jede Philosophie reflektiert ihren eigenen Idealismus. Auch Philosophien, die ihren eigenen Idealismus ignorieren oder leugnen sind denkbar aber auch darin bleiben sie notwendig idealistisch.

Möglicher Weise habe ich Hegel nicht richtig oder nicht ganz verstanden, aber unabhängig davon behaupte ich, dass der obige Gedanke richtig ist. Deshalb ist mir jedweder Widerspruch willkommen.

 

 

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4 Gedanken zu „Hegel

  1. Titus Pauly

    Sehr gut geschrieben und das eigene Motiv dabei ebenso deutlich gemacht. Meines ist ähnlich. Für mich ist die Philosophie als Metaphysik eine moderne Form der Religion. Und ich gehe davon aus, dass eine Metaphysik möglich ist – aber nicht als Wissenschaft, denn das würde sie reduzieren und einschränken, ja sogar degradieren, sondern als von der Wissenschaft akzeptierbar, weil sie deren Grundlagen liefert.

    Antwort
      1. Titus Pauly

        Sehr richtig – da man oft versucht hat, die Metaphysik in Abgrenzung zur Wissenschaft zu bestimmen, ist diese Frage auch für den Begriff der Metaphysik wichtig.
        Es hört sich vielleicht diskreditierend an, aber so ist es nicht gemeint: Wissenschaft basiert auf Verstand und Logik, hat aber mit Vernunft nichts zu tun. Erst in Bereichen, wo die Grenzen von Verstand und Logik (d.h. von Wissenschaft) überschritten werden, bedarf es einer Stellungnahme der dialektischen Vernunft (d.h. der Metaphysik), weil die Vernunft (die Metaphysik) den Verstand (die Wissenschaft) eben zu genau diesem Zweck transzendiert.

        Allerdings verstehe ich das Präfix meta nicht gleichbedeutend wie trans, sondern als Synthese von transzendent und immanent, sodass die Prinzipien der Metaphysik zugleich apriorische Grundlage aller Wissenschaft ist.
        Ausführlicher dazu bin ich hier:
        https://tituspauly.wordpress.com/2015/03/20/die-welt-besteht-teil-4-uber-die-vorsilbe-meta-und-das-verhaltnis-von-metaphysik-zu-wissenschaft/

        Zu den Grenzen von Verstand und Wissenschaft siehe hier:
        https://tituspauly.wordpress.com/dualitat-als-fundamentale-bedingung-des-verstandes/

        Was zudem zu berücksichtigen ist, sind die Modalitäten, die sich bei wissenschaftlichen Aussagen zu metaphysischen unterscheiden.
        Die Modalitäten wissenschaftlicher Aussagen erstrecken sich über die Bereiche von Notwendigkeit (zwingend wirklich), Kontingenz (zufällig wirklich) und Wahrscheinlichkeit, während Aussagen der Metaphysik immer nur im Rahmen der Möglichkeit (als exakt 50%ige Wahrscheinlichkeit) stehen können, weil sie weder empirisch, noch logisch (also nicht nach Verstand und Wissenschaft) noch rational objektiv entscheidbar sind.
        Letzeres nicht, weil in der dialektischen Synthese die These und die Antithese objektiv gleichberechtigte Positionen sind, so dass die Vernunft hier allein im subjektiven Sinne entscheiden kann. Mit anderen Worten bedeutet dies, dass ein subjektives Fürwahrhalten einer metaphysischen Aussage (z.B. Gott existiert) objektiv nicht als Wissen, sondern als Glauben zu betrachten ist. Dabei steht die Zuneigung zur These objektiv besehen in der gleichen Modalität, wie die Zuneigung zur Antithese (Gott besteht nicht).
        Religionskriege sind daher letztlich ebenso sinnleer, wie ein Krieg der Affen gegen alle Menschen die der Meinung sind: Bananen schmecken scheiße!

      2. hansarandt Autor

        Ein Problem ist auch der Begriff der „Objektivität“ genauso wie der Begriff der „Wissenschaft“.
        „Wissenschaft unterscheidet sich vom Alltagswissen dadurch, dass sie einen höheren Grad an Systematizität hat“, das ist die zentrale These von HH (Prof. Hoynigen Huene in Hannover) nicht mehr und auch nicht weniger.
        Gelten lassen würde ich auch den Anspruch Karl Poppers, wissenschaftliche Aussagen müssen falsifizierbar sein und das unterscheidet sich in der Tat von metaphysischen Aussagen.
        Die Geisteswissenschaften und auch die Theologie sind in beiderlei Hinsicht Wissenschaften, sie sind systematisch und falsifizierbar.
        Die Wissenschaft ist aber nicht „objektiv“ und kann es auch gar nicht sein. Ich gehe soweit zu behaupten, dass jeder, der die „Objektivität“ der Wissenschaft für sich in Anspruch nimmt, im Grunde ein Dogmatiker ist, was er zu allerletzt sein will.
        Auch die Mathematik kommt nicht ohne Axiome aus, die willkürliche Setzungen sind und sein müssen. Der Mathematiker Gödel hat einen Beweis geführt, dass es keine widerspruchsfreie in sich geschlossene Systeme geben kann. Dieser mathematische Beweis ist bis heute nicht widerlegt worden.
        Was es mit der „Objektivität“ auf sich hat, wurde von dem Mathematiker Heinz von Förster auf den Punkt gebracht, als er sage:
        Es ist ein beliebtes Gesellschaftsspiel, sich der Verantwortung zu entziehen: nicht ich, sondern ein anderer, etwas anderes, ist für mein Tun verantwortlich.
        Folge ich den Spielregeln von Skinners Behaviorismus, dann ist es die Umwelt, auf die ich mich ausreden kann; folge ich den Soziobiologen, sind es meine Gene!
        Aber die genialste Strategie, sich der Verantwortung zu entziehen, ist “Objektivität”. Objektivität verlangt die Trennung des Beobachters vom Beobachteten.
        Die Eigenschaften des Beobachters dürfen nicht in der Beschreibung seiner Beobachtung zu finden sein!” Der Beobachter wird zum unbeteiligten Sprachrohr.
        Heinz von Foerster, Entdecken oder Erfinden, München 1992
        Nicht wenige Quantenphysiker denken in diese Richtung und schon Kant hat sehr deutlich die Grenzen der reinen Vernunft aufgezeigt. Der Verstand ist in weit höherem Maß begrenzt, weil es sich selbst verbietet, über das Gute, Wahre und Schöne nachzudenken.
        Was ist aber eine Welt, in der es nichts Gutes, nichts Wahres und nichts Schönes geben darf?

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