Mein Lebensthema

Mein Lebensthema ist der Krieg.

Da mehr als die Hälfte meines Lebens verstrichen ist, kann ich mir erlauben von einem Lebensthema zu sprechen.

In meinem ganzen bisherigen Leben hat mich kein Thema so stark beschäftigt und bewegt wie der Krieg.

Meine Großeltern haben den Ersten Weltkrieg noch als Kinder und Jugendliche erlebt. Meine Eltern sind beide in der Zwischenkriegszeit auf die Welt gekommen.

Mein Vater ist 1927 in Schlesien geboren. Als der Krieg begann war er zwölf Jahre alt.

Meine Mutter, geb. 1931, verbrachte ihre Kindheit im Westen Deutschlands und war 1939, als Hitlers Armee in Polen einfiel, acht Jahre alt.

Meine beiden Großväter haben beide nicht als Soldaten am Krieg teilgenommen: Der Vater meiner Mutter, weil er in Folge eines Unfalls gehbehindert war und der Vater meines Vaters  , weil er „uk“, d.h. unabkömmlich, gestellt wurde. Als Schmied musste er die Landmaschinen in Schlesien reparieren und das galt als kriegswichtig.

Er wurde 1945 nach Russland deportiert und ist dort in einem Lager umgekommen.

Meine Großmutter wurde zu dieser Zeit fortgesetzt vergewaltigt. Nachdem die russischen Soldaten im Dorf meines Vaters Quartier bezogen hatten, machten sie es sich zur Gewohnheit, nachdem Sie etwas getrunken hatten, jeden Abend die Frauen zu vergewaltigen. Manchmal zwangen sie die Ehemänner und die Kinder, wenn sie da waren, dabei zuzusehen. Weil sie den Feind erniedrigen wollten.

Ich glaube man kann davon ausgehen, dass die meisten Kinder, die 1946 in der SBZ, der sowjetisch besetzten Zone, zur Welt kamen, auf diese Art und Weise gezeugt worden sind.

Eine alte Frau, die, in Ostpreußen die Nachkriegsjahre verbracht hat, erzählte mir, dass in Folge dessen viele Mädchen bei ihrer Konfirmation  1946 schwanger waren.

Meine Urgroßmutter ist im Winter 1945 auf der Flucht erfroren.

Meinen Vater haben sie 1945 kurz vor Kriegsende noch zum Volksturm eingezogen. Er hatte das Glück nach wenigen Tagen verletzt in ein Lazarett eingeliefert zu werden und hat den Krieg so überlebt.

Meine Mutter war bei Kriegsende vierzehn Jahre alt. Als elfjähriges Kind musste sie in Wiesbaden beinahe jede Nacht im Bombenkeller verbringen drei Jahre lang.

Von meinen Eltern habe ich gelernt: Nie wieder Krieg!

In der Schule habe ich gelernt, dass mein Vater möglicherweise ein Kriegsverbrecher war.

Viel später habe ich einmal den Film Musikbox mit Armin Müller Stahl und Jessika Lange in den Hauptrollen gesehen.

Armin Müller Stahl spielt einen Großvater, mit einem fünfjährigen Enkel, der eines Tages angeklagt wird, in einem KZ als Wachmann schwere Kriegsverbrechen begangen zu haben.

Er beteuert bei seinem Leben, dass es sich um eine Verwechslung handeln muss und er das nicht gewesen sei. Trotz ihn schwer belastender Zeugenaussagen im Prozess, glaubt die Tochter ihrem Vater.

Erst ganz am Ende des Filmes entdeckt sie eine Musikbox, in der ihr Vater belastende Fotos versteckt hat, die ihn überführen.

Der Film entlässt seine Zuschauer mit der Einsicht, dass auch der netteste, sympathischste und kinderliebste Opa durchaus ein Kriegsverbrecher gewesen sein kann.

Mir war schlecht, als ich aus dem Kino kam. Das einzige, was mich trösten konnte, war die Tatsache, dass mein Vater zu jung war, um an diesen Kriegsverbrechen beteiligt gewesen zu sein.

Als ich zwölf Jahre alt war habe ich gehört, dass die Studenten gegen den Vietnamkrieg demonstriert haben.

1979, wurde der sogenannte Nato-Doppelbeschluss verabschiedet. Es ging darum, Atomwaffen auf Bundesdeutschen Boden zu stationieren.

Wir haben als Studenten Mahnwachen für den Frieden auf dem Marktplatz organisiert.

Als es im Oktober 1980 darum ging, Helmut Schmidt, der die Stationierung der Atomwaffen durchgesetzt hat, zu wählen und Franz Josef Strauß der einzige Gegenkandidat war, bin ich zum ersten Mal  nicht zur Wahl gegangen.

In den darauffolgenden Jahren fanden die größten Friedensdemonstrationen in der Geschichte der Bundesrepublik statt, an denen auch ich teilgenommen habe.

1981 im Hofgarten in Bonn mit der Gruppe BAP, Petra Kelly und an die 500.000 Demonstranten. Der Höhepunkt waren die bundesweiten Aktionen im Oktober 1983 an der insgesamt 1,3 Millionen Menschen teilnahmen. Allein die Menschenkette zwischen Stuttgart und Ulm wurde von 200.000 Demonstranten gebildet.

Damals habe ich die Grünen gewählt, weil ich sie für eine pazifistische Partei hielt.

Zehn Jahre Später, 1989, geschah das unglaubliche. Der Sowjetkommunismus brach zusammen und die Mauer fiel. Der Kalte Krieg war vorbei.

Der amerikanische Philosoph Fukuyama rief das Ende der Geschichte aus. Jetzt werde es zu einer globalen Demokratisierung kommen und Freiheit und Gerechtigkeit werden in jedem Land der Erde Einzug halten.

Es kam anders. Ich weiß noch genau, wie wir am 31.12.1990 zusammen mit Freunden aus der ehemaligen DDR Silvester gefeiert haben und wussten, dass schon am 16. Januar 1991 ein Ultimatum ablaufen würde. Ab dann war mit der militärischen Intervention im Irak und in Kuwait zu rechnen. Der damalige Präsident George Bush hat sein Versprechen gehalten und die UN-Vollversammlung gab ihren Segen dazu.

Wieder gingen wir auf die Straße um gegen diesen und später gegen die weiteren Kriege im Nahen Osten zu demonstrieren.

Doch der Krieg kam näher. Auch in Europa auf dem Balkan, dort wo schon der Erste Weltkrieg seinen Ausgang genommen hatte, braute sich wieder etwas zusammen.

Immer lauter wurden die Forderungen auch dort militärisch einzugreifen..

Unmittelbar nachdem die erste Rot-Grüne Bundesregierung unter Gerhard Schröder und Joschka Fischer gewählt worden war, stiegen die ersten Bombenflugzeuge der Bundeswehr nach 1945 zum Angriff auf ein fremdes Land in die Luft. Ich war fassungslos.

Ausgerechnet Joschka Fischer, der Frankfurter Sponti, der vormals an der Spitze der Friedensdemonstrationen mit marschiert war, ist der Erste, der einen Bundeswehreinsatz im Ausland mit verantwortet.

Zwar, so hat er damals beteuert, sei auch er mit dem Motto aufgewachsen: „Nie wieder Krieg!“ Aber das Motto: „Nie wieder Ausschwitz, sei noch wichtiger und rechtfertige diesen Krieg.

Es gab damals so gut wie niemanden, der meine ablehnende Haltung gegenüber der Bombardierung Jugoslawiens geteilt hat.

Es waren damals 72 Tage lang täglich bis zu 1000 Militärflugzeuge im Einsatz, die insgesamt 28018 Sprengbomben über Belgrad und dem Kosovo abgeworfen haben. Die Mittelstreckenraketen und Marschflugkörper die auch reichlich zum Einsatz kamen nicht mitgerechnet. Es wurde angereicherte Uranmunition verschossen mit einer summierten Strahlkraft, die höher war als die der Hiroshimabombe.

Verluste auf Seiten der Alliierten gab es keine, nicht ein einziger Mann,  auf Seiten der Jugoslawen Tausende, fast ausschließlich Zivilisten. Die Piloten in den Bombenflugzeugen verhielten sich zu den Menschen in Jugoslawien wie die Laborratten zu den Versuchsleitern.

Damals gab es in meinem Freundeskreis keinen einzigen Menschen der meine Wut und meine Trauer über diese Entwicklungen geteilt hat. Alle waren der Meinung, dieser Einsatz sei notwendig, unvermeidlich, längst überfällig und diene einem guten Zweck.

Der Bombardierung Jugoslawiens ist als der beste und sauberste, sinnvollste und notwendigste Krieg in unsere Geschichte eingegangen. Da es in Jugoslawien auch nicht um Öl ging, sondern um etwas ganz anderes, ist man um so mehr von der Sauberkeit dieses Krieges nach wie vor überzeugt.

Hätten sie damals, wie die Bürger von Belgrad, die Flugzeuge von unten gesehen, würden sie heute die Sache sicher etwas differenzierter betrachten.

Der Kosovokrieg ging vorüber und die Wogen glätteten sich wieder.

Abgesehen von den innerparteilichen Auseinandersetzungen bei den Grünen hat es seit diesem Krieg keine größeren Demonstrationen für den Frieden mehr gegeben.

Übrig geblieben ist nur der Armani-Anzug von Joschka Fischer, der am Himmelfahrtsparteitag der Grünen 1999 in einer hitzigen Debatte einen roten Farbbeutel von hinten auf die Ohren geschleudert bekam. Der deutsche RAF-General Harris stilisierte sich mittels dieser wahrscheinlich inszenierten Attacke zum eigentlichen Opfer des Krieges. Sein Anzug ist heute als Ikone neben den Turnschuhen, in denen er vereidigt wurde, im Haus der Geschichte untergebracht. Der ehemalige Messdiener hat es geschafft zum Heiligen aufzusteigen, der Reliquien hinterlässt.

Dann kam der 11. September 2001, der Bündnisfall wurde erklärt und der War on Terror, der Krieg gegen den Terror, wurde von George W. Bush erklärt. Dieser Krieg hält bis heute an.

Der Krieg gegen den Terror kann man so wenig gewinnen, wie den Krieg gegen den Schmutz. Man wird ihn immer wieder führen müssen und genau darum geht es. Um „infinit justice“ bzw. „enduring freedom

Auch die Bundeswehr ist seitdem in Afghanistan engagiert, steht bis heute im Kosovo, ist mit ihrer Raketenabwehr an der syrischen Grenze in der Türkei stationiert und patrolliert mit ihren Kriegsschiffen vor der Küste Somalias.

Dann kam Hoffnung auf, als der neue Präsident der Vereinigten Staaten,  versprach das Foltergefängnis in Guantanamo zu schließen und den Friedensnobelpreis erhielt, bevor er in der Lage war, sich dafür würdig zu erweisen.

Ernüchterung machte sich breit. Das Foltergefängnis auf Kuba wurde bis heute nicht geschlossen und die Truppenstärke in Afghanistan wurde nach seinem Regierungsantritt um bis zu 50% erhöht.

Er unterschreibt, wie sein Amtsvorgänger, mehrere Drohneneinsätze pro Woche weltweit, in denen Menschen und ganze Familien getötet werden ohne dass diese Menschen überhaupt der amerikanischen Jurisdiktion unterstehen, ohne jeden Prozess und ohne unabhängiges Urteil. Die meisten dieser Angriffe werden von Deutschlandaus, vom Luftwaffenstützpunkt Rammstein in der Pfalz, gesteuert.

Zu der Dauerkriese im Nahen Osten und in Afghanistan ist seit November 2013 ein neuer Konfliktherd entwickelt worden, der für uns gefährlicher werden könnte, als alles andere.

Ich meine die Krise in der Ukraine die durch die Proteste auf dem Majdan ausgelöst wurden und die sich in den bewaffneten Kämpfen in Ostukraine fortsetzten.

Auf fatale Weise erinnert mich das an die Ostfront aus dem Ersten- und Zweiten Weltkrieg und den Russlandfeldzug Napoleons zu Beginn des neunzehntes Jahrhunderts.

Bereits 2012 berichtet die Welt, dass die Britische Armee 6000 Panzer nach Deutschland verlegen will, angeblich um Geld zu sparen für ein zu teures Grundstück auf der britischen Insel.

Im Dezember desselben Jahres berichten die Medien darüber, dass eine neue Eingreiftruppe Ost aufgebaut werden soll, eine „Speerspitze“ in der Die Bundeswehr das Hauptkontingent stellen soll.

Das Jahr 2015 beginnt mit einem Paukenschlag. Der Angriff auf die Satirezeitschrift Charlie hebdo in Paris, dem siebzehn Menschen zum Opfer fallen.

Als ich am Samstag nach dem Anschlag in Paris in meinem Bäckerladen stand und die Zeitschriftenauslage sah, stand auf allen Blättern in großen Lettern die Worte Krieg und Terror. Der Focus titelte sogar: “Das hat nichts mit dem Islam zu tun” in Anführungszeichen und darunter ein großes Doch!

Ich dachte, es ist wieder soweit, es wird zum Kreuzzug der vermeintlich Anständigen, gegen den Islam aufgerufen.

Es könnten die Völker des Abendlandes sein, die sich gemeinsam gegen die Völker der islamischen Welt erheben und es könnte wieder heißen und heißt es schon längst: Ein terroristischer Anschlag wird mit dem Überfall auf ein ganzes Land vergolten und ich höre, wie der Demagoge, der das fordert und umsetzt das „r“ in seiner Stimme rollen lässt wie ein Panzer auf dem Weg nach Osten.

Die Predigten, die unser Pastor Gauck, in seinem Amt als Bundespräsident hält, erinnern mich an die Kriegspredigten von 1913, über die ich einmal ein Buch gelesen habe.

Wenn zufällig irgendwo ein Radio eingeschaltet ist, springen mich regelmäßig die Worte „islamistischer Terror“ und „prorussische Separatisten“ an.

Hundert Jahre nach dem Beginn des Ersten Weltkrieges wird der dritte große Krieg immer wahrscheinlicher.

Vor 70 Jahren ging Dresden im Feuersturm unter. Ein Onkel, der in jener Nacht wie Millionen anderer Deutscher auf der Flucht vor den Russen war, hat in der Nacht am 13. Februar 1945 den Himmel rot gesehen. Er war zu diesem Zeitpunkt 120 km von Dresden entfernt.

Weihnachten vor 73 Jahren lagen unsere Väter und Großväter hundert Kilometer von Moskau entfernt im Schützengraben.

Der verstorbene Vater eines guten Freundes hat am 5. Oktober 1941 von der Ostfront eine Feldpostkarte nach Hause geschickt.

Dort schreibt er: “ Ihr lieben, Ist doch recht schönes Wetter zur Zeit und wir sind auch froh darüber, so ein rechtes Vormarschwetter. Was wir uns freuten als der Führer in seiner Rede sagte, „Noch vor Winter wird Russland erledigt sein“, dass glaubt ihr gar nicht…Gruß, Euer Karl.

Auch aus diesen aus heutiger Sicht fragwürdigen Worten spricht eine große Sehnsucht nach dem baldigen Ende des Krieges.

Auf der Bildseite der Feldpostkarte war folgender Propagandaspruch zu lesen:

„Das deutsche Volk ist sich bewusst, dass es dazu berufen ist, die gesamte Kulturwelt von den tödlichen Gefahren des Bolschewismus zu retten und den Weg für einen wahren sozialen Aufstieg in Europa frei zu machen.“

Jeder erkennt heute sofort, wie fehlgeleitet die Menschen damals waren.

Wenn ich allerdings diesen Satz in die heutige Zeit übertrage und das „Deutsche Volk“ durch die „Internationale Gemeinschaft„, den „Bolschewismus“ durch den „Salafismus“ und „Europa“ durch den „Nahen Osten“ ersetze, dann heißt der Satz:

Die internationale Gemeinschaft ist sich bewusst, dass sie dazu berufen ist, die gesamte Kulturwelt von den tödlichen Gefahren des Salafismus zu retten und den Weg für einen wahren sozialen Aufstieg im Nahen Osten frei zu machen.“

Mittlerweile macht der Satz sogar mit Europa wieder einen Sinn und man müsste nur noch zwei Begriffe ersetzten.

Diesen Satz glaubt hierzulande beinahe jeder. Sinngemäß steht er auf der ersten Seite einer jeden Tageszeitung jeden Tag.

Wir sollten aufhören, in der Logik des Krieges zu denken und wieder damit anfangen für den Frieden zu beten.

Wenn der Krieg erst einmal wieder auch bei uns angefangen hat, betet sowieso jeder für den Frieden.

 

 

 

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