Schlagwort-Archive: Nietzsche

Ich muss

Aber warum schreibst denn du? — 
A.: Ich gehöre nicht zu Denen, welche mit der nassen Feder in der Hand denken;
und noch weniger zu Jenen, die sich gar vor dem offenen Tintenfasse ihren Leidenschaften überlassen, auf ihrem Stuhle sitzend und auf’s Papier starrend.
Ich ärgere oder schäme mich alles Schreibens; Schreiben ist für mich eine Nothdurft, — selbst im Gleichniss davon zu reden, ist mir widerlich.
B.: Aber warum schreibst du dann?
A.: Ja, mein Lieber, im Vertrauen gesagt: ich habe bisher noch kein anderes Mittel gefunden, meine Gedanken los zu werden.
B.: Und warum willst du sie los werden?
A.: Warum ich will? Will ich denn? Ich muss. —
B.: Genug! Genug!

 

Digitale Kritische Gesamtausgabe (eKGWB)
eKGWB/FW-93 — Die fröhliche Wissenschaft: § 93. Erste Veröff. 10/09/1882.

 

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Inwiefern auch wir noch fromm sind

In der Wissenschaft haben die Überzeugungen kein Bürgerrecht, so sagt man mit gutem Grunde: erst wenn sie sich entschließen, zur Bescheidenheit einer Hypothese, eines vorläufigen Versuchsstandpunktes, einer regulativen Fiktion herabzusteigen, darf ihnen der Zutritt und sogar ein gewisser Wert innerhalb des Reichs der Erkenntnis zugestanden werden Weiterlesen

Ernste Vorurteile

Der Intellekt ist bei den Allermeisten eine schwerfällige, finstere und knarrende Maschine, welche übel in Gang zu bringen ist: sie nennen es „die Sache ernst nehmen“.

Wenn sie mit dieser Maschine arbeiten und gut denken wollen — oh wie lästig muss ihnen das Gut-Denken sein! Die liebliche Bestie Mensch verliert jedes Mal, wie es scheint, die gute Laune, wenn sie gut denkt; sie wird „ernst“!

Und „wo Lachen und Fröhlichkeit ist, da taugt das Denken Nichts“: — so lautet das Vorurteil dieser ernsten Bestie gegen alle „fröhliche Wissenschaft“. — Wohlan !

Zeigen wir, dass es ein Vorurteil ist!

Friedrich Nietzsche, die fröhliche Wissenschaft

 

Die Wollust der eigenen Hölle

Das, woran wir am tiefsten und persönlichsten leiden, ist fast allen Anderen unverständlich und unzugänglich: darin sind wir dem Nächsten verborgen, und wenn er mit uns aus Einem Topfe isst.

Überall aber, wo wir als Leidende bemerkt werden, wird unser Leiden flach ausgelegt; es gehört zum Wesen der mitleidigen Affection, dass sie das fremde Leid des eigentlich Persönlichen entkleidet: Weiterlesen

Der tolle Mensch

Habt ihr nicht von jenem tollen Menschen gehört, der am hellen Vormittage eine Laterne anzündete, auf den Markt lief und unaufhörlich schrie: „Ich suche Gott! Ich suche Gott!“

Da dort gerade viele von denen zusammen standen, welche nicht an Gott glaubten, so erregte er ein großes Gelächter.

Ist er denn verloren gegangen? sagte der Eine. Hat er sich verlaufen wie ein Kind? sagte der Andere. Oder hält er sich versteckt? Fürchtet er sich vor uns? Ist er zu Schiff gegangen? ausgewandert? so schrieen und lachten sie durcheinander.

Der tolle Mensch sprang mitten unter sie und durchbohrte sie mit seinen Blicken. „Wohin ist Gott? rief er, ich will es euch sagen! Wir haben ihn getötet, — ihr und ich! Wir Alle sind seine Mörder! Weiterlesen