Ist der Kommunismus eine Religion?

Die modernen Ideologien sehen den traditionellen Religionen zum Verwechseln ähnlich.

Wenn eine Religion ein System von Werten und Normen ist, das sich auf eine übermenschliche Ordnung beruft, dann ist der Kommunismus genauso eine Religion wie der Islam.

Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen dem Islam und dem Kommunismus, denn der Islam ist der Ansicht, dass diese übermenschliche Ordnung von einem allmächtigen Gott geschaffen wurde, während der Kommunismus nicht an Götter glaubt.

Aber auch der Buddhismus hält nicht allzu viel von Göttern und wird trotzdem gemeinhin als Religion bezeichnet.

Wie die Buddhisten glaubten die Kommunisten, die Geschichte werde von einer übermenschlichen Ordnung und von unumstößlichen Naturgesetzen gelenkt, aus denen sich wiederum Regeln für das menschliche Verhalten ableiten.

Während Buddhisten glauben, dass Siddhārtha Gautama diese Gesetze entdeckt hätte, sehen Kommunisten Karl Marx, Friedrich Engels und Wladimir Iljitsch Lenin  als ihre Religionsstifter.

Doch die Parallelen gehen noch weiter. Wie andere Religionen hat auch der Kommunismus seine Heiligen Bücher und prophetischen Schriften, allen voran das Kapital von Karl Marx, die den unvermeidlichen Sieg des Proletariats vorhersagten.

Er hat seine eigenen Fest- und Feiertage, zum Beispiel den Tag der Arbeit am 1. Mai, seine Theologen, die sich mit der Auslegung der marxistischen Schriften beschäftigen und seine Priester, die als Parteikommissare bezeichnet wurden, jede Einheit der roten Armee hatte einen Kaplan namens Kommissar, der darauf achtete, dass die Soldaten und Offiziere nicht vom Glauben abfielen, seine Märtyrer, seinen heiligen Kriege und sogar seine Ketzer, zum Beispiel die Trotzkisten. Das Kommunistische Manifest sollte ursprünglich „Das Kommunistische Glaubensbekenntnis“ heißen.

Der Sowjetkommunismus war eine fanatische Religion, die die ganze Welt missionieren wollte. Gläubige Kommunisten konnten nicht gleichzeitig Christen oder Buddhisten sein und mussten den Glauben an Marx und Lenin um jeden Preis verbreiten, selbst wenn sie ihr Leben dabei aufs Spiel setzten.

Wenn Ihnen bei dieser Argumentation unwohl ist, können sie den Kommunismus gerne als Ideologie bezeichnen. Es macht keinen Unterschied.

Wir können zwischen klassischen Religionen und modernen Ideologien unterscheiden. Die einen beten Götter an und die anderen beruhen auf Naturgesetzen. Der Stimmigkeit halber sollten wir dann aber auch den Buddhismus, Taoismus und Stoizismus zu den Ideologien zählen.

Und Umgekehrt  müssten wir festhalten, dass sich der Götterglaube auch in einigen modernen Ideologien hält und dass sich einige, wie zum Beispiel der Liberalismus ohne diesen gar nicht verstehen lassen.

Yuval Noah Harari, ein Israelischer Historiker, dessen Buch, Eine kurze Geschichte der Menschheit, bisher in 30 Sprachen übersetzt wurde.

 

 

11 Gedanken zu „Ist der Kommunismus eine Religion?

  1. Kardinal Novize Igor

    selbstverständlich ist der Kommunismus eine Religion! Oder ein Religions-Ideologie-Gemisch!

    Bin vollkommen Deiner Meinung.

    LG KNI

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Ja zweifellos ist der Kommunismus eine sehr wirkmächtige Religion, die es auf weit über 100 Millionen Tote bringt. Allerdings war sie nicht besonders nachhaltig, wenn man bedenkt, dass sie ihre schreckliche Wirksamkeit in lediglich 72 Jahren von 1917 bis 1989 entfaltet hat. Bemerkenswert ist auch, dass es bis heute niemand für nötig gefunden hat, sich deswegen zu schämen, obwohl man sehr gut weiß, wie das geht.

      Antwort
  2. Kardinal Novize Igor

    ….weil ihr die überirdische Hoffnung gefehlt hat.
    allerdings gibt es bis heute „linke Inquisitoren“, in Ö zb. Robert Misik.

    Bezeichnend, dass die meisten Videos von Misik sich die Frage stellen, ob man dies oder jenes „noch sagen darf“. Ob man es tatsächlich sagen darf, bestimmt dann freilich er allein (zumindest hätte er es gerne so).

    Wer sich nicht daran hält, hat sich den plumpesten Vor-Verurteilungen, den diskriminierendsten Verallgemeinerungen auszusetzen -und macht damit genau das, was er den „Rechten“ vorwirft…..

    LG KNI

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      In der BRD ist es die Amadeu-Antonio-Stiftung und der Verein Correctiv, die sich damit beschäftigen, richtige Nachrichten falsch darzustellen, wie man das aus dem Orwellstaat kennt.

      Antwort
  3. peter3020

    „Die modernen Ideologien sehen den traditionellen Religionen zum Verwechseln ähnlich.“
    PE: Was genau meint hier „Ideologie“?

    „Wenn eine Religion ein System von Werten und Normen ist, das sich auf eine übermenschliche Ordnung beruft, dann ist der Kommunismus genauso eine Religion wie der Islam.“
    PE: Zur Religion gehört der Glaube – sehr vielen Kommunisten war und ist der Glaube an die Richtigkeit der Theorie und Praxis ihrer Partei allerdings auch eigen.

    „Natürlich gibt es einen Unterschied zwischen dem Islam und dem Kommunismus, denn der Islam ist der Ansicht, dass diese übermenschliche Ordnung von einem allmächtigen Gott geschaffen wurde, während der Kommunismus nicht an Götter glaubt.“
    PE: Außerdem behauptet der Kommunismus, auf Wissen zu beruhen. Zumindest in der Poltischen Ökonomie des Kapitalismus ist das grundsätzlich richtig, für die Poltische Ökonomie des Finanzkapitalismus halte ich das für möglich.

    „Aber auch der Buddhismus hält nicht allzu viel von Göttern und wird trotzdem gemeinhin als Religion bezeichnet.“
    PE: Vermutlich wegen des Vorrangs des Glaubens gegenüber dem Wissen.

    „Wie die Buddhisten glaubten die Kommunisten, die Geschichte werde von einer übermenschlichen Ordnung und von unumstößlichen Naturgesetzen gelenkt, aus denen sich wiederum Regeln für das menschliche Verhalten ableiten.“
    PE: Statt „übermenschlichen“ (Nietzsche) besser „außermenschlichen“ – welche „Naturgesetze lenken“ die Geschichte der menschlichen Gesellschaften?

    „Während Buddhisten glauben, dass Siddhārtha Gautama diese Gesetze entdeckt hätte, sehen Kommunisten Karl Marx, Friedrich Engels und Wladimir Iljitsch Lenin als ihre Religionsstifter.“
    PE: Welche Naturgesetze haben sie entdeckt?

    „Doch die Parallelen gehen noch weiter. Wie andere Religionen hat auch der Kommunismus seine Heiligen Bücher und prophetischen Schriften, allen voran das Kapital von Karl Marx, die den unvermeidlichen Sieg des Proletariats vorhersagten.“
    PE: Und die Unfehlbarkeit des Politbüros steht neben der des Papstes (eine Erfindung des 19. Jh.!) und der der Philosophen bei Plato. Sind andere Ismen davon verschieden?

    „Er hat seine eigenen Fest- und Feiertage, zum Beispiel den Tag der Arbeit am 1. Mai, seine Theologen, die sich mit der Auslegung der marxistischen Schriften beschäftigen und seine Priester, die als Parteikommissare bezeichnet wurden, jede Einheit der roten Armee hatte einen Kaplan namens Kommissar, der darauf achtete, dass die Soldaten und Offiziere nicht vom Glauben abfielen, seine Märtyrer, seinen heiligen Kriege und sogar seine Ketzer, zum Beispiel die Trotzkisten. Das Kommunistische Manifest sollte ursprünglich „Das Kommunistische Glaubensbekenntnis“ heißen.“
    PE: Das ist pauschalisierend und also im Detail so nicht richtig – richtig ist natürlich, dass der Kommunismus – wie jede Herrschaftsideologie – Methoden und Mechanismen der Massenpsychologie einsetzt(e). Wenn der Author das auf alle Ideologien anwendet, finde ich es in Ordnung – falls nicht, ist er ein Apologet einer anderen Herrschaftsordnung.

    „Der Sowjetkommunismus war eine fanatische Religion, die die ganze Welt missionieren wollte.“
    PE: Katholizismus und Islam sind dies auch – was jenes nicht rechtfertigt. – Ihre negativen Seiten sind unstrittig – ihre positiven Seiten: Beendigung von Ausbeutung (bis heute vorhanden), Sklaverei (in den USA bis 1963 erlaubt), Gleichberechtigung von Mann und Frau (in allen anderen Religionen und Ismen, die ich kenne, bis heute negiert), dagegen nicht: warum wohl?!

    „Gläubige Kommunisten konnten nicht gleichzeitig Christen oder Buddhisten sein und mussten den Glauben an Marx und Lenin um jeden Preis verbreiten, selbst wenn sie ihr Leben dabei aufs Spiel setzten.“
    PE: Nicht gleichzeitig zwei Glaubensrichtungen anhängen zu können, liegt in der Natur der Sache. „um jeden Preis verbreiten“ kenne ich weder aus der DDR, noch aus der Sowjetunion.

    „Wenn Ihnen bei dieser Argumentation unwohl ist, können sie den Kommunismus gerne als Ideologie bezeichnen. Es macht keinen Unterschied.“
    PE: Das ist ein Satz, der mich in meinem Urteil (da hat schon einmal einer versucht, mit scheinbar griffigen Formulierungen zu einem ähnlichen Thema ein Stimmungsbild zum eigenen Vorteil auszunutzen – leider ebenfalls erfolgreich) bestätigt.

    „Wir können zwischen klassischen Religionen und modernen Ideologien unterscheiden. Die einen beten Götter an und die anderen beruhen auf Naturgesetzen. Der Stimmigkeit halber sollten wir dann aber auch den Buddhismus, Taoismus und Stoizismus zu den Ideologien zählen.“
    PE: Das führt die obige Argumentation des Autors as absurdum.

    „Und Umgekehrt müssten wir festhalten, dass sich der Götterglaube auch in einigen modernen Ideologien hält und dass sich einige, wie zum Beispiel der Liberalismus ohne diesen gar nicht verstehen lassen.“
    PE: Wo/wie bezieht sich (welcher) Liberalismus auf Götterglaube?

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Die amerikanische Unabhängigkeitserklärung bezieht sich auf Gott, das Grungesetz auch.
      „Die Geschichte ist eine Geschichte der Klassenkämpfe“ ist ein Naturgesetz, das Marx entdeckt hat. Wenn dieses Gesetz nicht in der Natur liegt, wer setzt es dann?
      Der Autor tritt für keine Weltanschauung ein, für keine Religion und für keinen Liberalismus. Er ist Historiker und versucht eine Universalgeschichte zu schreiben, man könnte es auch als einen Versuch der universalen Entmythologisierung bezeichnen.
      Siehe auch
      https://hansarandt.wordpress.com/2017/02/02/drei-arten-des-humanismus/

      Antwort
  4. alphachamber

    Herr Arendt,
    „…Die modernen Ideologien sehen den traditionellen Religionen zum Verwechseln ähnlich.“
    Da haben Sie völlig recht. Beide Arten basieren auf blindem Glauben und bauen geschickt auf Emotionen. Beides sind reine Systeme der Macht. Das funktioniert, mit dem „Bauchgefühl“ – jeder Mensch hat einen Bauch, die wenigsten ein Gehirn, lol
    (Mehr werden wir dazu nicht schreiben, da es eingehend auf unserem Blog behandelt wurde.)

    Antwort
  5. Annette Schlemm

    Ich denke, hier wird ein Popanz „des“ Kommunismus aufgestellt und dieser dann gebasht. Ich finde in den genannten Charakterisierungen des Kommunismus sehr wenig, und wenn, dann nur auf einer sehr oberflächlichen Ebene, von dem wieder, was ich unter Kommunismus verstehe, was viele zu DDR-Zeiten dazu vertreten haben und auch was, bei den „Klassikern“ an Argumenten etc. wirklich dazu steht. Insofern ist diese Diskussion gegenstandslos.

    Antwort
    1. hansarandt Autor

      Das ist völlig in Ordnung, dass sie das „gegenstandslos“ finden. Es geht ja auch gar um den Kommunismus sondern um die Analogie auf der Metaebene.

      Gestatten sie mir eine Randbemerkung. Moderne Theologen gehen in der Regel sehr offen mit solchen Entmythologisierungen ihrer Glaubensinhalte um. Ich denke, das würde auch Kommunisten nicht schaden. Aber wie gesagt, sie haben recht, wir brauchen das nicht weiter diskutieren.

      Am besten ist es, wenn jeder vor seiner eigenen Hütte kehrt. In diesem Sinne nichts für ungut. Es waren ja auch nicht meine eigene Worte. Mich hat nur interessiert, wie jemand darauf reagiert, der sich persönlich angesprochen fühlt. Sicher mögen es auch die Muslime nicht, wenn sie mit dem Kommunismus verglichen werden.

      Ich als Theologe lebe so lange ich denken kann mit solcher Kritik und bin meinem Glauben trotzdem treu geblieben.

      Die wissenschaftliche Theologie hat diese Entmythologisierung assimiliert und zu ihrer eigen Sache gemacht. In dieser Sparte der Wissenschaft ist solche Kritik nicht nur nicht „gegenstandslos“ sondern mittlerweile sogar prüfungsrelevant.

      Ich wünsche Ihnen weiterhin alles Gute, vielleicht kreuzen sich unsere Wege mal wieder an einer anderen Stelle. Gemeinsam ist uns beiden die Liebe zu Hegel und seiner Philosophie. An einen Mythos kann man nur glauben, wenn man ihn nicht als Mythos erkennt oder ihn dialektisch aufhebt.

      Antwort

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