Archiv der Kategorie: Poesie

Ich muss

Aber warum schreibst denn du? — 
A.: Ich gehöre nicht zu Denen, welche mit der nassen Feder in der Hand denken;
und noch weniger zu Jenen, die sich gar vor dem offenen Tintenfasse ihren Leidenschaften überlassen, auf ihrem Stuhle sitzend und auf’s Papier starrend.
Ich ärgere oder schäme mich alles Schreibens; Schreiben ist für mich eine Nothdurft, — selbst im Gleichniss davon zu reden, ist mir widerlich.
B.: Aber warum schreibst du dann?
A.: Ja, mein Lieber, im Vertrauen gesagt: ich habe bisher noch kein anderes Mittel gefunden, meine Gedanken los zu werden.
B.: Und warum willst du sie los werden?
A.: Warum ich will? Will ich denn? Ich muss. —
B.: Genug! Genug!

 

Digitale Kritische Gesamtausgabe (eKGWB)
eKGWB/FW-93 — Die fröhliche Wissenschaft: § 93. Erste Veröff. 10/09/1882.

 

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Vom Nutzen des Lasters

Was passierte als im Bienenstock plötzlich die Tugend ausbrach berichtet anno 1714 der niederländische Arzt und Philosoph Mandeville:

„O Gott, wie war der Schreck entsetzlich!
Der Wandel war auch gar zu plötzlich.
[Jetzt verdienen plötzlich die Juristen nichts mehr, denn:]
Wie still‟s nun im Gerichtssaal war!
Der willige Schuldner zahlte bar. […]
Worauf – da keiner schlechter steht
Als der Jurist, wo‟s ehrlich geht –
Wer nicht noch grad zu leben fand,
Die Mappe unterm Arm, verschwand. Weiterlesen

Das Schreiben

Jahrelang hatte ich versucht über meinen Vater zu schreiben, hatte es aber nie geschafft. Wahrscheinlich, weil dies meinem eigenen Leben zu nahe kam und sich dadurch nicht so leicht in eine andere Form zwingen ließ, die doch Voraussetzung für Literatur ist.

Das ist ihr einziges Gesetz. Alles muss sie der Form unterordnen. Ist ein anderes Element der Literatur stärker als die Form, etwa der Stil die Handlung, die Thematik, gewinnt eins von ihnen die Oberhand über die Form ist das Ergebnis schwach. Weiterlesen

Doppelbelichtung

Wissen ist Abstand, Wissen ist Stillstand und der Feind des Sinns.

Als mein Vater an jenem Frühlingsabend 1976 den Vorschlaghammer über den Kopf hob, und ihn auf den Fels hinab sausen ließ, tat er dies in einer Welt, die er kannte und die ihm vertraut war.

Erst als ich selbst in das gleiche Alter kam, begriff ich, dass man dafür auch einen Preis bezahlt. Weiterlesen